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02.09.2015

20:22 Uhr

Islamischer Staat in Syrien

IS-Terrormiliz steht vor den Toren von Damaskus

VonMartin Gehlen

Assads Armee ist in der Defensive: Ihr gehen die Rekruten aus, die Kampfmoral ist am Boden. Nun steht die Terrormiliz „Islamischer Staat“ vor den Toren der syrischen Hauptstadt. Und das Land hofft auf Russland.

Mitglieder der Terrororganisation „Islamischer Staat“: Die syrische Armee kann nur wenig gegen sie ausrichten. dpa

islamischer Staat

Mitglieder der Terrororganisation „Islamischer Staat“: Die syrische Armee kann nur wenig gegen sie ausrichten.

KairoDie Schreckensmeldungen von den Massakern und zerstörten Tempeln in Palmyra waren noch nicht verklungen, da machte der „Islamische Staat“ schon mit der nächsten Horrornachricht von sich reden. Noch nie in dem viereinhalbjährigen Bürgerkrieg seien die IS-Gotteskrieger so nahe an das Zentrum von Damaskus herangerückt, berichtete die „Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ und sprach von „wenigen Kilometern bis zum Herzen der Stadt“. Gleichzeitig rückt von Norden her die islamistische „Eroberungsarmee“, deren militärisches Rückgrat Al Qaida bildet, auf die alawitische Hochburg Latakia an der Mittelmeerküste zu.

In dem bisher vom Krieg verschonten Kernland des syrischen Regimes ging am Mittwoch wieder eine Autobombe hoch, die zahlreiche Menschen in den Tod riss. Die Armee des syrischen Präsidenten Baschar al-Assads dagegen ist überall in der Defensive. Ihr gehen die Rekruten aus, die Kampfmoral liegt am Boden. Selbst eine massive Gegenoffensive von Hisbollah und iranischen Milizen im Süden von Damaskus konnte das Momentum der Angreifer nicht brechen.

Die syrischen Flüchtlinge und die Nachbarstaaten

Fast vier Millionen Flüchtlinge

Der syrische Bürgerkrieg hat sich zu einer humanitären Katastrophe entwickelt. Mehr als 3,8 Millionen Syrer sind ins Ausland geflohen, seit vor vier Jahren der Aufstand gegen Präsident Baschar al-Assad begann. Die meisten von ihnen sind in den Nachbarländern untergekommen und haben diese damit vor erhebliche Schwierigkeiten gestellt. Viele von ihnen sind nirgendwo registriert. Hier ein Überblick über die Situation. (Quelle: AP)

Libanon

1,2 Millionen Flüchtlinge sind registriert. In den oft spontan errichteten Notunterkünften werden jedoch noch zahlreiche weitere Vertriebene vermutet. Mit einer ursprünglichen Einwohnerzahl von 4,5 Millionen ist der Libanon damit nach Angaben der Vereinten Nationen das Land mit der höchsten Flüchtlingsquote der Welt. Die Regierung in Beirut hat aus Furcht um die innere Stabilität des Landes eine Reihe von Beschränkungen für Syrer verhängt. Eine der wichtigsten ist die Visumpflicht.

Jordanien

Nach offiziellen Angaben sind 625 000 Syrer nach Jordanien geflohen. Viele Flüchtlingslager stehen direkt an der Grenze zu Syrien, andere in der Nähe von Großstädten. Im größten Lager, Sataari, leben etwa 84 000 Flüchtlinge unter direkter Verwaltung der Regierung und der Vereinten Nationen.

Türkei

Der nördliche Nachbar Syriens hat 1,6 Millionen Bürgerkriegsflüchtlinge registriert. Die Regierung hat 21 Flüchtlingslager errichtet, zu denen auch Schulen und medizinische Einrichtungen gehören.

Irak

Der Irak wird selbst von einem Bürgerkrieg erschüttert. Trotzdem hat er 245 000 Flüchtlinge aufgenommen. Die meisten von ihnen sind Kurden, die in die von ihren Stammesverwandten bewohnten Gegenden im Nordirak gezogen sind. Zehntausende hausen in Zeltstädten oder eilig aus dem Boden gestampften Baracken. Die Regierung der weitgehend autonomen Kurdenregion im Irak erlaubt den Flüchtlingen eine große Freizügigkeit. Einige haben Arbeit und Wohnungen in Städten gefunden.

Ägypten

Die Regierung in Kairo geht nach eigenen Angaben von 136 000 Bürgerkriegsflüchtlingen aus. Doch selbst Beamte schätzen, dass hunderttausende Syrer im Land leben, die nicht registriert sind.

Die dramatischen Wendungen auf dem Schlachtfeld bringen nun auch die starren diplomatischen Fronten in Bewegung. Die Gefahr, dass ein Kollaps des Assad-Staates bevorstehen könnte, hat einen hektischen Reiseverkehr ausgelöst. Einen Einmarsch der Gotteskrieger in Damaskus sowie einen Genozid an der alawitischen Bevölkerung wollen weder die Assad-Feinde USA und Europa noch die Assad-Freunde Russland und Iran.

Anfang Juli traf sich der russische Außenminister Sergei Lawrow mit seinen Amtskollegen aus den USA und Saudi-Arabien in Qatar. Vergangene Woche gaben sich Jordaniens König Abdullah, der emiratische Kronprinz Mohammed bin Zayed al-Nahyan sowie der saudische Thronfolger Mohammed bin Nayef im Kreml die Klinke in die Hand. Am Freitag reist der betagte saudische König Salman zu seinen ersten Staatsbesuch nach Washington. Auch er will mit US-Präsident Barack Obama über Syrien reden – und natürlich über den Iran und Jemen.

Sechs Gründe, warum der Bürgerkrieg in Syrien noch nicht beendet ist

Einmischung von außen

Das Regime von Baschar al-Assad hat mit Russland und dem schiitischen Iran mächtige Verbündete im Ausland. Teheran unterstützt Damaskus mit Geld und Kämpfern. Zudem kämpft die libanesische Schiiten-Miliz an der Seite Assads. Aber auch die Rebellen erhalten Geld und Waffen aus dem Ausland, unter anderem aus Saudi-Arabien. So wurde die Krise zu einem regionalen Konflikt. (Quelle: dpa)

Assads Unnachgiebigkeit

Der Präsident sagte am Anfang der Proteste Reformen zu - die nie kamen. Stattdessen brandmarkt sein Regime sämtliche Gegner als „Terroristen“, auch moderatere Oppositionelle. Viele Kritiker des Regimes sitzen in Gefängnissen. Im Kampf ums Überleben setzt die Armee zudem immer wieder sogenannte Fassbomben ein - Metallbehälter, die mit Sprengstoff und Metall gefüllt sind.

Zerstrittene Opposition

Den Regimegegnern ist es bis heute nicht gelungen, sich zu einen und eine gemeinsame Führung zu bilden. Die Exil-Opposition in Istanbul wird zwar international anerkannt, zeigt sich aber immer wieder zerstritten und hat in Syrien kaum Einfluss. Auch mit der Inlandsopposition aus Damaskus konnte sie sich noch immer nicht auf konkrete gemeinsame Ziele einigen.

Konfessionalismus

Längst ist der Bürgerkrieg auch zu einem Konflikt zwischen den Konfessionen geworden. Das Regime wird von Alawiten kontrolliert, einer Nebenlinie des schiitischen Islams. Die Alawiten befürchten blutige Rache, sollte Assad stürzen. Auch viele Christen sehen den Präsidenten als ihren Schutzpatron. In den Reihen der Rebellen kämpfen dagegen vor allem Sunniten.

Politik des Westens

Die USA und Europa lehnen eine militärische Intervention gegen das Assad-Regime ab. US-Präsident Barack Obama drohte zwar für den Fall des Einsatzes von Chemiewaffen durch das Regime in Syrien mit einem Eingreifen, nahm dann aber doch davon Abstand. Der Westen steht politisch zwar an der Seite der moderateren Rebellen, unterstützt diese aber kaum mit Waffen.


Stärke der Extremisten

Als die Krise in Syrien eskalierte, dehnte sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aus dem Irak ins Nachbarland aus. Jetzt kontrolliert sie dort ein Drittel der Fläche. Andere Teile Syriens stehen unter Herrschaft der Nusra-Front, Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Moderate Kräfte sind auf dem Rückzug. Die von den USA unterstützte Harakat Hasm löste sich kürzlich auf.

Denn die Zeit drängt. Washington weiß, dass die internationalen Luftangriffe gegen den IS bestenfalls dessen Expansion bremsen können. In die kommende Schlacht um Damaskus werden westliche Kampfjets jedoch nicht eingreifen, weil sie Assads Truppen damit direkt helfen würden. Die von den USA trainierten moderaten Rebelleneinheiten spielen keine Rolle. Und so scheint es nur eine Frage der Zeit, bis die anrückenden Islamisten-Heere die Tore der syrischen Hauptstadt einrennen.

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