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30.11.2015

17:06 Uhr

Islamischer Staat

Italien fürchtet Erstarken des IS in Libyen

Mehr als 2000 Kämpfer des IS sollen sich in der libyschen Stadt Sirte festgesetzt haben. Italien fürchtet, die Terrormilizen können sich das derzeitige Machtvakuum in der früheren italienischen Kolonie zunutze machen.

Dieses Bild soll Kämpfer des IS in der syrischen Stadt Rakka zeigen. Weil die Stadt zunehmend bombardiert wird, sollen sich die Terroristen auf den Weg nach Libyen gemacht haben. ap

Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates

Dieses Bild soll Kämpfer des IS in der syrischen Stadt Rakka zeigen. Weil die Stadt zunehmend bombardiert wird, sollen sich die Terroristen auf den Weg nach Libyen gemacht haben.

Rom/SirteDie in Syrien und im Irak militärisch unter Druck geratene Terrormiliz Islamischer Staat (IS) weitet ihre Aktivitäten im Bürgerkriegsland Libyen aus. Vor allem Italien ist alarmiert - die libysche Mittelmeerküste ist keine 700 Kilometer von Sizilien entfernt.

Mehrere italienische Zeitungen berichteten am Montag, dass sich inzwischen mehr als 2000 IS-Kämpfer in Sirte festgesetzt hätten, dem Geburtsort des früheren Diktators Muammar al-Gaddafi. Weitere Einheiten könnten nach Libyen verlegt werden, wenn die Extremisten in ihrer syrische IS-Hochburg Al-Rakka in Bedrängnis geraten sollten, hieß es.

Am Wochenende hatte die „New York Times“ berichtet, dass ausländische IS-Kämpfer libysche Dschihadisten abgelöst und das Kommando in Sirte übernommen haben sollen. Zahlreiche ausländische Kämpfer seien aus der ganzen Region in die Stadt gekommen. Der Libyen-Experte des Nahost-Rafik-Hariri-Zentrums vom Atlantic Council, Mohammed Eldscharh, sagte am Montag im CNN-Interview, dass aktuell „sehr viel Bewegung“ außerhalb der wichtigen Öl-Terminals und am Hafen von Sirte zu beobachten sei. Der Verkauf von Erdöl ist eine der wichtigsten Einnahmequellen des IS in Syrien und im Irak.

Erfolge, Niederlagen und Terror des IS seit Ausrufung des „Kalifats“

IS

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida im Irak hervor. Ein Rückblick:

29. Juni 2014

Die sunnitischen Dschihadisten rufen in den von ihnen eroberten Gebieten in Syrien und im Irak ein „Kalifat“ aus. Erster „Kalif“ des neuen Gottesstaates sei Anführer Abu Bakr al-Bagdadi.

August 2014

8. August: Die USA fliegen erste Angriffe im Nordirak.

August: Die Enthauptung eines US-Journalisten schockt die Welt. In den folgenden Monaten verbreitet der IS im Internet weitere Videos mit der Ermordung zweier US-Bürger und zweier Briten.

19. September und Dezember 2014

19. September: Frankreich startet mit Hilfe arabischer Partnerländer erstmals Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien.

Dezember: Kurdische Soldaten beenden mit Hilfe internationaler Luftangriffe die Belagerung des Sindschar-Gebirges nahe der IS-Hochburg Mossul. Im August waren Zehntausende Angehörige der jesidischen Volksgruppe vor den Dschihadisten in die Berge geflohen.

Januar und Februar 2015

Januar 2015: Nach monatelangen Kämpfen vertreiben kurdische Kämpfer den IS aus der nordsyrischen Stadt Kobane an der türkischen Grenze.

Februar: Ein Video zeigt, wie ein gefangener jordanischer Pilot bei lebendigem Leib verbrannt wird. Zuvor hatte die Terrormiliz bereits die Tötung zweier japanischer Geiseln zur Schau gestellt.

März und April 2015

März: Irakische Kräfte erobern die strategisch wichtige Stadt Tikrit zurück, die die Extremisten im Juni 2014 besetzt hatten.

April: IS-Kämpfer dringen in Ramadi 100 Kilometer westlich von Bagdad ein. Tausende Iraker fliehen vor dem Terror Richtung Bagdad, dürfen die Hauptstadt aber nicht betreten.

Mai und Juli 2015

Mai: Die Terrormiliz bringt Ramadi vollständig unter ihre Kontrolle. Kurden erobern IS-Gebiete in Nordsyrien.

Juni: Der IS verbreitet ein schockierendes Video über neue Hinrichtungsmethoden.

24. Juli und 6. August 2015

24. Juli: Nach einem dem IS zugeschriebenen Anschlag im türkischen Suruc fliegen türkische Kampfjets erstmals Angriffe auf IS-Stellungen in Syrien. Zudem öffnet Ankara wenig später den südtürkischen Nato-Stützpunkt Incirlik für US-Luftschläge gegen den IS.

6. August: Einer US-Bilanz zufolge hat das internationale Anti-Teror-Bündnis in einem Jahr mehr als 5900 Luftschläge gegen den IS im Irak und in Syrien geflogen. Außerdem sollen 10 000 IS-Kämpfer bei Angriffen getötet worden sein.

18. und 23. August 2015

18. August: Der IS enthauptet den früheren Chef-Archäologen der irakischen Oasenstadt Palmyra. Nach US-Angaben stirbt die Nummer zwei der Terrormiliz, Hadschi Mutas, bei einem Luftangriff im Irak.

23. August: Der IS sprengt den rund 2000 Jahre alten Tempel Baal Schamin in Palmyra. Einige Tage später zerstören die Extremisten auch den Baaltempel.

September 2015

Eine weitere Koalition bildet sich.  Russland bestätigt erstmals die Präsenz von Militärexperten in Syrien. Vorher waren Bilder russischer Soldaten in Syrien in den sozialen Netzwerken aufgetaucht. Russland und Iran unterstützen Syrien im Kampf gegen den IS, aber auch gegen andere Oppositionsgruppen.

November 2015

Nach den Anschlägen von Paris vom 13. November mit mindestens 129 Toten fliegt die französische Luftwaffe verstärkt Angriffe auf die Stadt Al-Raqqa, das inoffizielle Zentrum des vom IS kontrollierten Gebiet im Irak und Syrien. Frankreich fliegt bereits seit September 2014 Luftangriffe auf IS-Stellungen.

Nach Presseberichten soll sich auch der Iraker Abu Nabil-al-Anbari, Ex-Oberst des früheren irakischen Machthabers Saddam Hussein und später einer der Anführer von Al-Kaida im Irak, nach Sirte begeben haben. Von ihm hatte es geheißen, er sei bei einem Drohnenangriff am 13. November getötet worden. Eine Bestätigung dafür gab es jedoch nicht.

Libyen war vor dem Zweiten Weltkrieg für einige Jahrzehnte eine italienische Kolonie. Seit Jahren machen sich von dort unzählige Bootsflüchtlinge auf den Weg über das Mittelmeer in Richtung Italien.

Der IS hatte bereits im Februar weite Teile von Sirte erobert. Zu der Zeit meldeten sich die Dschihadisten per Internet-Video mit einer „in Blut geschriebene Nachricht an die Nation des Kreuzes“ zu Wort und zeigten, wie 21 Geiseln, christliche Kopten aus Ägypten, an einem Strand „südlich von Rom“ enthauptet wurden.

Die Anrainerstaaten des nordafrikanischen Landes sind schon lange in Sorge. Vor allem die vielen Waffen aus dem einstigen Arsenal Gaddafis sind derzeit eine Bedrohung für die ganze Region. Denn seit dem Sturz und der Ermordung des Diktators 2011 herrscht politisches Chaos in Libyen, mit einer Regierung im westlichen Tripolis und einer weiteren im östlichen Tobruk. Zahlreiche Milizen kämpfen um Macht und Geld.

Die internationale Gemeinschaft fordert die Bildung einer nationalen Einheitsregierung. Bei einer Konferenz in Algier, an der neben Algerien, Ägypten, Tunesien, Sudan, Niger und der Tschad auch Vertreter der Vereinten Nationen, der Arabischen Liga und der Afrikanische Union teilnehmen, wollen die Anrainerstaaten am Dienstag über das weitere Vorgehen beraten.

Eine politische Einigung in Libyen ist nach Einschätzung von Beobachtern der einzige Weg, den IS effektiv zu bekämpfen. Als Beispiel dafür gilt die libysche Hafenstadt Derna, wo islamistische Brigaden gemeinsam mit Bürgern die Terrormiliz vertreiben konnten.


Von

dpa

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