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20.01.2017

19:56 Uhr

Islamischer Staat

Terrormiliz sprengt historische Bauten in Palmyra

In der kruden Weltsicht der Terrormiliz IS stammt das Weltkulturerbe in Palmyra aus einer „Zeit des Unglaubens“. Deshalb richtet sich die Zerstörungswut der militanten Islamisten immer wieder gegen die historische Stadt.

Zerstörungen am Triumphbogen in der antiken Oasenstadt Palmyra durch die Terrormiliz Islamischer Staat. dpa

Antike Oasenstadt Palmyra

Zerstörungen am Triumphbogen in der antiken Oasenstadt Palmyra durch die Terrormiliz Islamischer Staat.

PalmyraDie IS-Terrormiliz hat in Syriens Oasenstadt Palmyra erneut einzigartige archäologische Bauten in Schutt und Asche gelegt. Satellitenbilder der UN zeigten am Freitag, dass Teile der Bühne und prächtigen Bühnenwand des römischen Amphitheaters zerstört wurden. Auch das Tetrapylon liegt zu großen Teilen in Trümmern. Allerdings handelt es sich bei den meisten Säulen dieses typischen Monuments der römischen Architektur um moderne Nachbauten. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana meldete, die Bauten seien gesprengt worden.

Für die militanten Islamisten der IS-Terrormiliz sind die historischen Bauten Überreste aus der „Zeit des Unglaubens“, die aus ihrer Sicht vernichtet werden müssen. Die neuen Zerstörungen reihen sich in eine Serie ähnlicher Gewaltakte des IS ein. Die Unesco verurteilte die Sprengung der Monumente als „Kriegsverbrechen“. Die Zerstörung sei „ein immenser Verlust für das syrische Volk und die Menschheit“, sagte Unesco-Chefin Irina Bokowa. Die Oasenstadt gehört seit 1980 zum Unesco-Weltkulturerbe. Russland sprach von einer Tragödie. Syriens Militär gebe Palmyras Rückeroberung nicht auf, erklärte der Kreml.

Die Extremisten hatten Palmyra erstmals im Mai 2015 erobert. In den Monaten danach sprengten sie einzigartige, rund 2000 Jahre alte Bauwerke, darunter den Baal-Tempel und den Triumphbogen. Auch ein Teil der berühmten Säulenstraße wurde zerstört. Laut Unesco blieb die historische Stätte jedoch „zum größten Teil in ihrer Einheit und in ihrem ursprünglichen Charakter erhalten“.

Im März 2016 konnten syrische Regierungskräfte die Stadt mit Hilfe russischer Luftangriffe wieder unter Kontrolle bringen. Moskau strich seine Rolle in dem Bürgerkriegsland danach mit einem Sinfoniekonzert in Palmyras Amphitheater demonstrativ heraus. Für den Auftritt wurde das Orchester des St. Petersburger Mariinski-Theaters eingeflogen. Im vergangenen Dezember eroberte der IS Palmyra jedoch erneut.

Den Bilder des UN-Satellitenprogramms UNOSAT zufolge müssen die neuen Zerstörungen zwischen dem 26. Dezember und 10. Januar erfolgt seien. Lokale Quellen hatten zunächst berichtet, die historischen Stätten seien am Donnerstag zerstört worden. Das Tetrapylon sei ein Symbol für den Geist der Begegnung und die Offenheit Palmyras - „und dies ist auch einer der Gründe, warum es zerstört wurde“, sagte Unesco-Chefin Bokowa. Von den 16 Säulen des massiv beschädigten Tetrapylons war allerdings nur eine ein Original, wie Andreas Schmidt-Colinet, Professor für Archäologie an der Universität Wien, der Deutschen Presse-Agentur bestätigte. Die anderen Säulen seien Anfang der 1960er Jahre rekonstruiert worden.

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

Die teilweise ebenfalls zerstörte Bühnenwand des Amphitheaters wurde bis Anfang der 1990er Jahre mit Originalteilen und modernem Material restauriert. Bei dem Giebel des Tores der Bühnenwand habe es sich um ein Original gehandelt, sagte Schmidt-Colinet.

Die IS-Anhänger brachten in Palmyra auch zahlreiche Gefangene um. Im August 2015 töteten sie unter anderem den früheren Chef-Archäologen der Stadt, Khalid Asaad, vor Dutzenden Zuschauern auf einem öffentlichen Platz. In dieser Woche meldeten Aktivisten, der IS habe dort zwölf Gefangene getötet, einige davon im Amphitheater. Die Terrormiliz hat in Syrien mehrere Niederlagen erlitten, kontrolliert im Norden und Osten des Bürgerkriegslandes aber weiter große Gebiete. Regierungsanhänger versuchen derzeit, Palmyra wieder unter Kontrolle zu bringen.

Von

dpa

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