Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.01.2015

10:14 Uhr

Islamischer Staat und Al-Qaida

Blutige Rivalität

VonMartin Gehlen

Al-Qaida hat ein Imageproblem: Der Terrororganisation laufen die Mitglieder weg. Ein Deutscher empfand die Praxis des Jihad nicht so, wie es in den Büchern steht – also wechselte er zur Miliz „Islamischer Staat“.

Härter als al-Quaida? Mitglieder der Terrormiliz IS. ap

Härter als al-Quaida? Mitglieder der Terrormiliz IS.

Er nennt sich Abu Mujahid und trägt eine schwarze Häkelkappe. Das Sturmgewehr hält er locker in beiden Händen, während er in die Videokamera redet. „Ich habe in Deutschland gelebt und bin in Deutschland geboren“, deklamiert der junge Mann mit dunklem Bart. „Eines Tages hat mich der Wind der Rechtleitung getroffen. Dann bin ich – wie jeder andere auch – zu dem Entschluss gekommen, dass man in Deutschland definitiv nicht leben kann und dass Allah von einem verlangt, den Boden der Ungläubigen zu verlassen.“

Abu Mujahid ging nach Syrien und schloss sich zunächst der Al-Nusra-Front an. „Ich habe mir gedacht, okay, al-Qaida – das ist schon der richtige Weg, da werde ich schon nicht falsch sein“, bekennt er leutselig seinem Youtube-Auftritt. Doch bereits nach einigen Monaten fühlte er enttäuscht über die neuen Mitkämpfer, weil sie den Jihad seiner Meinung nach nicht so richtig praktizieren, wie es der deutsche Auswanderer „aus den Büchern“ gelernt hat. Doch zum Glück „hat Allah mir Türen aufgemacht“. So sei er am Ende zum „Islamischen Staat“ gekommen. „Jetzt bin ich froh, ich habe den Treueeid auf den Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi abgelegt“, frohlockt er. „Jetzt bin ich ein stolzes Mitglied des Islamischen Staates.“

Konservative und Rechte: Wer sagt was zu Integration und Islam?

Debatten

Die Debatte um Zuwanderung, Asyl, Integration und den Islam in Deutschland wird immer schriller. Kleinster gemeinsamer Nenner ist die Ablehnung radikaler islamistischer Tendenzen. Die Grenze zwischen „Anti-Islamismus“ und Rassismus ist dabei aber oft nicht klar erkennbar. Einige Positionen dazu:

Quelle: dpa

Politischer Islam und Salafismus

- „Stoppt die Islamisierung Europas!“ lautet der zentrale Slogan der „Pegida“. Die Bewegung will nach Angaben der Organisatoren der Dresdner Demonstrationen „gewaltfrei und vereint gegen Glaubenskriege auf deutschem Boden“ kämpfen.

- Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagt: „Wir haben keine Gefahr der Islamisierung.“

- Die AfD ist „zunehmend besorgt über den Einfluss und die Gewaltbereitschaft der Islamisten in Deutschland“.

Islam

- Die rheinland-pfälzische CDU-Chefin Julia Klöckner und der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn fordern ein Burka-Verbot. In der Partei ist das umstritten. Spahn: „Burka geht gar nicht.“ Klöckner findet, es sei nicht akzeptabel, dass die Frauenverhüllung von linken Politikern als Ausdruck „kultureller Vielfalt“ verstanden werde.

- Bei der „Hogesa“ (Hooligans gegen Salafisten) heißt es plakativ: „Keine Scharia in Europa“.

- Die NPD behauptet: „Das sichtbarste Zeichen der ungebremsten Überfremdung unseres Landes ist die expansive Ausbreitung des Islam.“

Deutsche Identität

- Die Angst vor einem vermeintlichen Verlust der deutschen kulturellen Identität schürt vor allem die Bewegung „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ („Pegida“). Eine Rednerin sagte kürzlich bei einer Veranstaltung des Düsseldorfer Ablegers der Bewegung („Dügida“): „Heimat, Freiheit und Tradition“ sollten in Deutschland wieder wichtiger genommen werden. Es gehe darum, „die eigene Identität zu verteidigen“.

- Sachsens AfD-Fraktionschefin Frauke Petry fordert: „Mehr deutschsprachige Lieder im öffentlich-rechtlichen Rundfunk“.

Zuwanderung und Asyl

- FDP und AfD plädieren für das kanadische Modell: Einwandern sollen nur Fachleute aus Bereichen, in denen Arbeitskräfte fehlen. Der Familiennachzug wird eingeschränkt. Das Recht auf Asyl für politisch Verfolgte wird nicht angetastet. Die AfD favorisiert „heimatnahe“ Hilfe für Bürgerkriegsflüchtlinge.

- Die CDU/CSU fordert: „Bei Armutszuwanderung zügig handeln“.

- Die „Hogesa“ schürt vor allem Ängste in der bildungsfernen Unterschicht. In einem Lied heißt es wörtlich: „Alt, arm, obdachlos, einfach ausrangiert - doch für Fremde wird frisch renoviert.“

Integration

- Die CSU will Migranten, die dauerhaft in Deutschland leben wollen, motivieren, im täglichen Leben Deutsch zu sprechen.

- Der neue Chef der Jungen Union, Paul Ziemak, erntete auf dem JU-Deutschlandtag Applaus für Sätze wie „Wer die Scharia mehr achtet - da hilft kein Integrationskurs, da hilft nur Gefängnis“.

Wie Abu Mujahid soll auch Abu Qatadah alias Christian Emde aus Solingen sich dem IS angeschlossen haben. In einem Interview mit dem Publizist Jürgen Todenhöfer, das in den vergangenen Tagen für Schlagzeilen gesorgt hat, erklärt er, warum er nach Syrien gegangen ist. Das Gespräch wurde nach Angaben Todeshöfers im Dezember 2014 aufgenommen.

Während er direkt zum „Islamischen Staat“ reiste, haben seit Mitte des vergangenen Jahres tausende Kämpfer in Syrien und Irak die Seiten gewechselt, al-Qaida den Rücken gekehrt und dem IS Gefolgschaft geschworen – genauso wie Terrorbrigaden in Ägypten, Libyen und Algerien. Rund 50.000 Jihadisten kämpfen in ihren Reihen, darunter etwa 15.000 Ausländer, von denen rund ein Viertel aus Europa kommt. Seit der neue, selbst ernannte „Kalif Ibrahim“ alias Abu Bakr al-Baghdadi, weltweit als der gefürchtetste Organisator des Islam-Terrors gilt, war es eine Weile stiller geworden um die al-Qaida-Führung von Ayman al-Zawahiri in Afghanistan.

Zudem hatten die IS-Extremisten dem 63-jährigen Bin Laden-Nachfolger vor einem Jahr öffentlich den Gehorsam aufgekündigt. Anders als al-Qaida verfolgen sie ein jihadistisches Staatsprojekt und streben die Herrschaft über ein konkretes Territorium an. Acht Millionen Menschen leben im Nahen Osten inzwischen unter ihrem Scharia-Regime auf einer Fläche so groß wie England, auch wenn ihre zunächst atemberaubender Expansion dank der internationalen Luftschläge und der Kampfkraft der kurdischen Peschmerga vorerst gestoppt scheint.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×