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07.12.2015

11:06 Uhr

Islamischer Staat und Anti-Terror-Krieg

„Der IS will, dass der Westen Muslime tötet“

VonNicolas Hénin

Der französische Journalist Nicolas Hénin war Geisel des IS. In einem exklusiven Gastbeitrag erläutert er, warum Luftangriffe in Syrien falsch sind – und wie wir stattdessen den Kampf gegen den Terror gewinnen können.

In Sicherheit: Die freigelassene IS-Geisel Nicolas Hénin kehrt zu seiner Familie zurück.

Nicolas Hénin

In Sicherheit: Die freigelassene IS-Geisel Nicolas Hénin kehrt zu seiner Familie zurück.

Nicolas Hénin ist Journalist und Spezialist für den mittleren Orient. Er war vom Juni 2013 bis Mai 2014 Geisel des islamischen Staates. Er ist Autor des Buches „Jihad Academy“, das im Frühjahr 2016 auf Deutsch erscheint.

Vor weniger als einem Monat wurde meine Stadt, Paris, vom Terrorismus getroffen. 130 meiner Mitbürger wurden auf eine Weise getötet, die mir aus dem Krieg bekannt ist. Seit über einem Jahrzehnt berichte ich über Konflikte und Kriege. Aber ich hätte niemals gedacht, dass sich so etwas vor meiner Haustür ereignen würde.

Nach den Anschlägen haben wir den Terroristen des „Islamischen Staats“ (IS) jenen Sieg geboten, den sie suchten. Faszinierend am Terrorismus ist, dass sein wirklicher Erfolg nicht vom Attentat abhängt, sondern von der Reaktion der Opfer.

Die US-Regierung hat ein eindrucksvolles Beispiel dafür geliefert mit ihrer Reaktion auf den 11. September: der Invasion in Afghanistan und im Irak – der bald danach die Wiege des IS wurde –, dem Aufbau von Guantanamo, illegalen Überführungen von Gefangenen und dem „Patriot Act“.

Erfolge, Niederlagen und Terror des IS seit Ausrufung des „Kalifats“

IS

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida im Irak hervor. Ein Rückblick:

29. Juni 2014

Die sunnitischen Dschihadisten rufen in den von ihnen eroberten Gebieten in Syrien und im Irak ein „Kalifat“ aus. Erster „Kalif“ des neuen Gottesstaates sei Anführer Abu Bakr al-Bagdadi.

August 2014

8. August: Die USA fliegen erste Angriffe im Nordirak.

August: Die Enthauptung eines US-Journalisten schockt die Welt. In den folgenden Monaten verbreitet der IS im Internet weitere Videos mit der Ermordung zweier US-Bürger und zweier Briten.

19. September und Dezember 2014

19. September: Frankreich startet mit Hilfe arabischer Partnerländer erstmals Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien.

Dezember: Kurdische Soldaten beenden mit Hilfe internationaler Luftangriffe die Belagerung des Sindschar-Gebirges nahe der IS-Hochburg Mossul. Im August waren Zehntausende Angehörige der jesidischen Volksgruppe vor den Dschihadisten in die Berge geflohen.

Januar und Februar 2015

Januar 2015: Nach monatelangen Kämpfen vertreiben kurdische Kämpfer den IS aus der nordsyrischen Stadt Kobane an der türkischen Grenze.

Februar: Ein Video zeigt, wie ein gefangener jordanischer Pilot bei lebendigem Leib verbrannt wird. Zuvor hatte die Terrormiliz bereits die Tötung zweier japanischer Geiseln zur Schau gestellt.

März und April 2015

März: Irakische Kräfte erobern die strategisch wichtige Stadt Tikrit zurück, die die Extremisten im Juni 2014 besetzt hatten.

April: IS-Kämpfer dringen in Ramadi 100 Kilometer westlich von Bagdad ein. Tausende Iraker fliehen vor dem Terror Richtung Bagdad, dürfen die Hauptstadt aber nicht betreten.

Mai und Juli 2015

Mai: Die Terrormiliz bringt Ramadi vollständig unter ihre Kontrolle. Kurden erobern IS-Gebiete in Nordsyrien.

Juni: Der IS verbreitet ein schockierendes Video über neue Hinrichtungsmethoden.

24. Juli und 6. August 2015

24. Juli: Nach einem dem IS zugeschriebenen Anschlag im türkischen Suruc fliegen türkische Kampfjets erstmals Angriffe auf IS-Stellungen in Syrien. Zudem öffnet Ankara wenig später den südtürkischen Nato-Stützpunkt Incirlik für US-Luftschläge gegen den IS.

6. August: Einer US-Bilanz zufolge hat das internationale Anti-Teror-Bündnis in einem Jahr mehr als 5900 Luftschläge gegen den IS im Irak und in Syrien geflogen. Außerdem sollen 10 000 IS-Kämpfer bei Angriffen getötet worden sein.

18. und 23. August 2015

18. August: Der IS enthauptet den früheren Chef-Archäologen der irakischen Oasenstadt Palmyra. Nach US-Angaben stirbt die Nummer zwei der Terrormiliz, Hadschi Mutas, bei einem Luftangriff im Irak.

23. August: Der IS sprengt den rund 2000 Jahre alten Tempel Baal Schamin in Palmyra. Einige Tage später zerstören die Extremisten auch den Baaltempel.

September 2015

Eine weitere Koalition bildet sich.  Russland bestätigt erstmals die Präsenz von Militärexperten in Syrien. Vorher waren Bilder russischer Soldaten in Syrien in den sozialen Netzwerken aufgetaucht. Russland und Iran unterstützen Syrien im Kampf gegen den IS, aber auch gegen andere Oppositionsgruppen.

November 2015

Nach den Anschlägen von Paris vom 13. November mit mindestens 129 Toten fliegt die französische Luftwaffe verstärkt Angriffe auf die Stadt Al-Raqqa, das inoffizielle Zentrum des vom IS kontrollierten Gebiet im Irak und Syrien. Frankreich fliegt bereits seit September 2014 Luftangriffe auf IS-Stellungen.

Man muss schon sehr beschränkt sein, um zu glauben, dass Osama bin Laden und al-Kaida bestraft wurden, indem man Afghanistan und den Irak besetzte. Das Gegenteil ist wahr: Der eigentliche Erfolg des 11. September war nicht der Einsturz der Twin Towers, sondern der Krieg in diesen beiden Ländern. Die Opfer der Terroristen haben diesen ihren Sieg verschafft.

Wir sollten uns an die geopolitische und moralische Niederlage der Regierung von George W. Bush erinnern in diesem Moment, da wir selber auf die jüngsten Attentate und die wachsende Bedrohung durch den Terrorismus reagieren müssen. Stellen wir uns zunächst einfach die Frage: Welche Reaktion erhofft sich unser Feind? Welche Reaktion von uns würde ihm gefallen?

Die Antwort: Die Anschläge vom 13. November hat Daesh (arabisch für IS) begangen, weil er gerne hätte, dass wir Muslime töten. Daesh will eine militärische Eskalation in Syrien provozieren. Und die Terroristen möchten Konflikte mit den Muslimen auslösen, die im Westen leben. Sie denken, dass ein Muslim nichts in einer westlichen Gesellschaft zu suchen hat, dass diese beiden Welten nicht koexistieren dürfen. Ihre ganze Propaganda, die auf einer Wiederherstellung des „Stolzes der Muslime“ aufbaut, ist ein billiger Betrug: Der IS will, dass der Westen Muslime tötet, damit er seinen Kampf begründen kann.

Daesh will terrorisieren, um uns Angst einzujagen und um unsere politische Agenda zu bestimmen. Damit wir vergessen, was gerecht und moralisch geboten ist. Damit wir nur noch dem IS unsere Aufmerksamkeit widmen. Damit wir, gelähmt durch unsere Furcht, gegen unsere eigenen Interessen und gegen jede Logik handeln.

Einer unserer Irrtümer ist, dass wir Daesh als das ursprüngliche Übel ansehen. Ich selber bin sein Opfer gewesen, und ich versuche bestimmt nicht, die Verbrechen zu beschönigen. Aber der IS ist nur das Symptom des eigentlichen Übels.

Stellen Sie sich vor, ihr Nachbar bittet Sie um Hilfe, weil seine Wohnung von Küchenschaben infiziert ist. Sie gehen zu ihm und sehen, dass seine Küche völlig verschmutzt ist. Entweder du machst sauber, und die Kakerlaken werden verschwinden, werden Sie ihm sagen. Oder du versuchst, die Schaben zu bekämpfen, zu vergiften. Aber solange die Küche dreckig ist, wird die Jagd erfolglos sein.

Kommentare (25)

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Herr Hermann Eifles

07.12.2015, 11:23 Uhr

Sehr guter Artikel.
Aber es geht weder Russland, den USA noch den anderen Mächten dort vor Ort darum den Syrern Frieden zu bringen. Es geht um geostrategische Interessen, ums Öl, um Waffenexporte und letzlich hat man mit dem IS auch einen Feind mit dem man "an der Heimatfront" jede Menge Sicherheitsgesetze durchbringen kann die vor Jahren noch undenkbar gewesen wären !

Herr Edmund Stoiber

07.12.2015, 11:27 Uhr

@ Nicolas Henin
Ihre Argumente sind richtig wie falsch!

Auch ich lebe häufig in diesen Ländern und glauben Sie mir, dass die Menschen dieser Kultur dem Auge-um-Auge Prinzip folgen. Ihre Ratio ist diesen Menschen fremd!

Schlimm finde ich nur die Effizienz dieser Kampfeinsätze, die m.E. einen Beleg dafür abliefern, dass sich die Beteiligten untereinander nicht "grün" sind und jeder jeweils konspirativ seine eigenen egoistischen Interessen verfolgt.

Übrigens sprechen wir hierbei von UNSEREN Volksvertretern, die unsere jungen Soldaten in ineffizienten Kampfhandlungen physisch bereitwillig zur Disposition stellen.
Das ist der eigentliche Skandal dieser Politikerkaste und systemstützend LÜGENPRESSE!

Herr Thomas Ebert

07.12.2015, 11:28 Uhr

Interessanter Ansatz, doch ohne Aussicht auf Erfolg!
Zum einen ist die westliche Politik einseitig auf militärische Lösungen gerichtet ( obwohl die nie funktioniert haben). Zum anderen müssten die führenden Politiker in der EU und in den USA Fehler zugeben. Also etwas völlig unvorstellbares tun!
Und zum dritten müsste es in Syrien demokratische Kräfte geben, also in Wirklichkeit und nicht nur in den Wünschen unserer Politiker.
Der fromme Wunsch, die Bevölkerung würde sich gegen den IS wenden, wenn sie nicht von Assad bedroht würde, ist schon eindeutig ad absurdum geführt.
Hunderttausende junge Syrer, die in Sicherheit vor Assad sind, ziehen lieber in die EU als gegen den IS.
Die Beobachtung, Opfer westlicher Militärschläge helfen bei der Rekrutierung neuer Kämpfer, ist richtig. Das allerdings Flugverbotszonen den IS schwächen würden ist falsch.
Außer es ist an ein Flugverbot für türkische Maschinen gedacht. Jene Maschinen die die Kurden in Syrien und dem Irak bekämpfen.

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