Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.06.2016

20:34 Uhr

Islamisten

Die tödliche Taktik der Taliban

Die Taliban stehen unter Druck. Und doch können sie in Afghanistan große Gebiete erobern. Das liegt vor allem an der neuen Strategie: Sie stürmen einen Checkpoint, töten alle Polizisten, übernehmen ihre Waffen – und warten.

Die radikal-islamischen Taliban setzen im Machtkampf im Süden Afghanistans auf eine neue Taktik. AP

Neue Strategie

Die radikal-islamischen Taliban setzen im Machtkampf im Süden Afghanistans auf eine neue Taktik.

KabulDie radikal-islamischen Taliban setzen im Machtkampf im Süden Afghanistans auf eine neue Taktik. Anders als in der Vergangenheit greifen sie Dörfer oft nicht mehr an, sondern hungern sie aus. Dazu versuchen sie zunächst, Kontrolle über strategische Straßen zu bekommen: Sie stürmen einen Checkpoint, töten dort alle Polizisten, übernehmen ihre Waffen – und warten. Jedes Fahrzeug, das die besetzte Straße noch zu nutzen wagt, wird in die Luft gejagt. Abgelegene Siedlungen werden so von der Außenwelt abgeschnitten.

Sind die Nachschub-Routen blockiert, werden in den Dörfern die Vorräte knapp, wie Anwohner und lokale Politiker berichten. Für das Wenige, das trotz allem durchkommt, müssen die Bewohner horrende Preise zahlen. Die meisten haben bald keine andere Wahl, als zu Fuß oder auf Eseln über die Berge zu flüchten – und dabei einen Großteil ihres Besitzes zurückzulassen. Wenn die Taliban schließlich einmarschieren und ihre Flagge hissen, sind die Dörfer zwar menschenleer, aber die Geländegewinne beträchtlich.

Flüchtlinge: Die unerträgliche Ungewissheit der Afghanen

Flüchtlinge

Die unerträgliche Ungewissheit der Afghanen

Syrische und irakische Flüchtlinge können in Deutschland fast sicher davon ausgehen, dass sie bleiben dürfen. Migranten vom Balkan haben nur geringe Chancen. Sehr viel unklarer ist die Lage der Afghanen.

Gleichzeitig ist für die Extremisten das eigene Risiko deutlich geringer als bei ihrem bisherigen Vorgehen. Mit Überraschungsangriffen direkt auf die Dörfer kamen sie meist zwar schneller voran als mit der neuen Aushungerungstaktik. Oft stießen sie aber auf bewaffneten Widerstand und erlitten zum Teil hohe Verluste. Nun lassen sie sich einfach Zeit. Langsam aber sicher verdrängen sie dabei die afghanischen Sicherheitskräfte - und damit den Einfluss der Regierung in Kabul. Die neue Strategie ist zwar brutal, aber effizient.

Mit dem Abzug der internationalen Kampftruppen im Jahr 2014 entstand in etlichen Regionen Afghanistans eine Art Sicherheitsvakuum. Die Taliban haben ihre Angriffe seitdem gezielt verstärkt, vor allem in den südlichen Provinzen Helmand, Kandahar und Urusgan. Mit verheerenden Folgen: Nach Angaben der Vereinten Nationen sind 2015 in Afghanistan 3.545 Zivilpersonen getötet und 7.457 verletzt worden, überwiegend durch Aktionen der Taliban.

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

„Im Moment konzentrieren sich die Taliban im Süden vor allem auf Urusgan“, sagt Charles Cleveland, ein Sprecher der US-Streitkräfte in Kabul. Im Umkreis der Provinzhauptstadt Tarin Kut würden die afghanischen Streitkräfte dadurch zunehmend unter Druck geraten. Die Lage dort sei „so schlimm wie seit 15 Jahren nicht mehr“, sagt der Vorsitzende des Provinzrates, Abdul Hakeem Chadimsai. Allein im Mai seien in Urusgan etwa 200 Sicherheitskräfte getötet und mehr als 300 verletzt worden. „Jeden Tag müssen unsere Truppen zurückweichen und mit jedem Tag vergrößert sich das von den Taliban kontrollierte Gebiet“, sagt Chadimsai.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×