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20.08.2016

12:27 Uhr

Islamistische Terroristen

Taliban setzen Vormarsch in Nordafghanistan fort

Der islamische Extremismus erlebt eine Renaissance in Afghanistan: Seit dem Abzug der Nato-Mission 2014 feierten die Taliban mehrere Kampferfolge. Ihren Siegeszug haben sie nun in Kundus fortgesetzt.

Die Region Kundus gehörte während der Afghanistan-Mission zu den gefährlichsten Einsatzgebieten der Bundeswehr. Eine strategisch wichtige Stadt ist nun wieder in der Hand der Islamisten. AP

Taliban-Kämpfer

Die Region Kundus gehörte während der Afghanistan-Mission zu den gefährlichsten Einsatzgebieten der Bundeswehr. Eine strategisch wichtige Stadt ist nun wieder in der Hand der Islamisten.

KabulNach Tagen schwerer Gefechte haben die radikalislamischen Taliban in der nordafghanischen Provinz Kundus weiteres Territorium erobert. Am Morgen sei das Zentrum des Bezirks Chanabad in ihre Hände gefallen, sagte das Provinzratsmitglied Sarkul Alimi am Samstag. Die Taliban hätten ihre Flagge auf einem Platz gehisst. Sicherheitskräfte versuchten, sie zurückzutreiben. Nach Medienberichten beschuldigte Bezirksgouverneur Haiatullah Hamidi die Regierung, tagelang keine Verstärkung geschickt zu haben.

Der Sprecher der Provinzpolizei Hidschratullah Akbari bestätigte am Mittag (Ortszeit), dass auch im bisher eher friedlichen Bezirk Aliabad heftige Kämpfe ausgebrochen seien. Die Aufständischen hätten dort aber bisher keine Regierungsgebäude eingenommen.

Die Taliban meldeten in einer E-Mail, dass sie viele Soldaten getötet hätten. Ihre Berichte sind aber oft übertrieben. Zu Opfern unter Sicherheitskräften oder der zivile Bevölkerung gab es zunächst keine weiteren Informationen.

Jüngst hatten die Taliban erst die Zentren der Bezirke Kala-e Sal und Dascht-e Archi teilweise eingenommen. Somit sind nun alle fünf Bezirke der Provinz Kundus, in der bis 2013 die Bundeswehr stationiert war, umkämpft oder in Händen der Islamisten.

In der Provinzhauptstadt sind die Ängste groß, dass sich der Fall der Provinz aus dem Herbst 2015 wiederholen könnte. Damals war die Stadt Kundus fast zwei Wochen in den Händen der Taliban gewesen. Auch um das zu verhindern, ist nun zeitweise wieder eine kleine Gruppe deutscher Militärberater vor Ort.

In einer jüngst veröffentlichten Analyse des Rechercheinstituts „Afghanistan Analysts Network“ heißt es, Kundus habe im vergangenen Jahr mehr Angriffe auf Bezirkszentren gesehen als jede andere Provinz. Das Leben in der Provinzhauptstadt sei zum Stillstand gekommen. Die Regierung habe weitgehend aufgehört, zu arbeiten. Gouverneur Assadullah Omarchel wird mit den Worten zitiert: „Ich soll eine ganze Provinz regieren, aber ich bin in der Stadt gestrandet.“

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

Humanitäre Helfer warnen, dass im nahenden Winter Zehntausende Menschen Hunger leiden werden, weil die Gefechte Saat und Ernte weitgehend verhindert hätten. Die Stadt ist seit drei Tagen ohne Strom, weil bei Kämpfen Leitungen gekappt wurden.

Seit Anfang Juli hat sich die Gewalt im Land noch einmal deutlich gesteigert. In der an Kundus angrenzenden Nordprovinz Baghlan haben die Taliban in der vergangenen Woche den Bezirk Dahan-e Ghori erobert. Auch hier war bis 2013 die Bundeswehr stationiert.

Gegen Baghlan, Kundus und die Südprovinz Helmand richten sich die meisten Taliban-Offensiven. Aber auch im Hisarak-Bezirk von Nangarhar waren laut Provinzbeamten am Samstag schwere Kämpfe im Gang.

Der humanitäre Arm der Uno, OCHA, hatte am Donnerstag gewarnt, dass seit Anfang Januar mehr als 182.000 Menschen durch Gefechte aus ihren Dörfern vertrieben worden seien. Betroffen waren 25 der 34 Provinzen.

Viele der Landgewinne der Taliban sind von kurzer Dauer, weil Sicherheitskräfte anrücken und sie vertreiben. Dennoch haben die Aufständischen ihre Kontrolle über die Provinzen ausgeweitet. In einem Bericht des Aufsichtsgremiums des US-Senats für die Hilfe in Afghanistan (Sigar) ging jüngst hervor, dass die Regierung Ende Mai nur noch 65,6 Prozent der 407 Bezirke des Landes kontrollierte. Ende Januar seien es noch 70,5 Prozent gewesen.

Von

rtr

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