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08.01.2015

15:48 Uhr

Islamistischer Terror

Dschihad gegen die eigene Religion

VonAnis Micijevic

Das Video von der Hinrichtung eines Polizisten durch die „Charlie Hebdo“-Attentäter geht um die Welt. Der Beamte soll ein Muslim gewesen sein. Die Aufnahme ist ein Symbol dafür, wie paradox der islamistische Terror ist.

Standbild des Amateurvideos, das die maskierten Paris-Attentäter kurz vor ihrer Gräueltat zeigt. Reuters

Standbild des Amateurvideos, das die maskierten Paris-Attentäter kurz vor ihrer Gräueltat zeigt.

DüsseldorfDas derzeit im Internet kursierende Video, in dem einer der Paris-Attentäter einen auf dem Boden liegenden Polizisten mit einem Kopfschuss kaltblütig niederstreckt, ist mehr als nur bestürzend. Die 42-Sekunden-Aufnahme markiere den „Iconic Turn“ des Islamismus in Europa, „so wie die Fernsehaufnahmen der brennenden Twin Tower in New York die globale Dimension des Terrorismus auf ewig in ein Motiv bannten“, schreibt David Hugendick von Zeit Online.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière forderte Youtube auf, das Videomaterial aus Paris zu löschen. Das ist erstens kaum machbar, da die Aufnahme auch längst auf anderen Videoportalen zu finden ist und zweitens zu spät, da sich das Video ohnehin schon ins kollektive Gedächtnis vieler Europäer eingebrannt hat. Es schockiert nichtmuslimische wie muslimische Bürger gleichermaßen.

Islamistischer Terror in Europa

Seit dem 11. September 2001

Seit den Terroranschlägen in den USA vom 11. September 2001 gab es auch in Europa eine Reihe islamistischer Attentate. Manche Pläne konnten gerade noch vereitelt werden. Beispiele:

März 2004

Bei Sprengstoffanschlägen auf Pendlerzüge in Madrid sterben 191 Menschen, etwa 1500 werden verletzt.

2. November 2004

Der Filmregisseur, Publizist und Satiriker Theo van Gogh wird in Amsterdam auf offener Straße ermordet.

Juli 2005

Vier Muslime mit britischem Pass zünden in der Londoner U-Bahn und einem Bus Sprengsätze. 56 Menschen sterben, etwa 700 werden verletzt.

Juli 2006

Im Kölner Hauptbahnhof werden in zwei Zügen Bomben gefunden, die wegen eines technischen Fehlers nicht explodierten. Der „Kofferbomber von Köln“ wird zu lebenslanger Haft erurteilt.

Januar 2010

Gut vier Jahre nach der Veröffentlichung seiner Mohammed-Karikaturen in der Zeitung „Jyllands-Posten“ entkommt der dänische Zeichner Kurt Westergaard nur knapp einem Attentat.

9. März 2010

Selbstmordanschläge auf die Moskauer Metro mit 40 Toten und 84 Verletzten. Der tschetschenische Terrorist Doku Umarow bekennt sich.

Dezember 2010

Bei einem Sprengstoffanschlag in der Stockholmer Fußgängerzone stirbt der Attentäter. Hintergrund war vermutlich der Einsatz schwedischer Soldaten in Afghanistan.

März 2011

Ein Kosovo-Albaner erschießt am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verletzt zwei weitere schwer.

Januar 2011

Bei einem Selbstmordanschlag auf dem internationalen Moskauer Flughafen Domodedowo sterben mindestens 37 Menschen. Die Ermittler machen Islamisten aus dem Nordkaukasus verantwortlich.

Dezember 2013

Bei Selbstmordanschlägen in der russischen Stadt Wolgograd sterben 34 Menschen im Bahnhof und in einem Bus. Islamisten aus dem Nordkaukasus bekennen sich zu den Attentaten.

Mai 2014

Im Jüdischen Museum in Brüssel erschießt ein französischer Islamist vier Menschen. Kurz darauf wird der Mann festgenommen.

7. Januar 2015

Mordanschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris. Zwölf Menschen fallen dem Anschlag zum Opfer.

13. November 2015

Bei mehreren Sprengstoffexplosionen im Pariser Stadtgebiet sterben 130 Menschen. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat bekennt sich zu dem Anschlag.

Denn die Aufnahme symbolisiert neben dem Schrecken die ganze Absurdität und das Paradoxon des islamistischen Terrors: Da wird Ahmed M., ein mutmaßlich muslimischer Polizeibeamter, von Attentätern hingerichtet, die kurz vor der Stürmung der „Charlie Hebdo“-Redaktion die Takbīr-Formel („Allahu akbar“) gerufen haben sollen, die jedes der fünf täglichen Pflichtgebete im Islam einläutet.

Terroristen, die sich auf den Islam berufen, nehmen bei ihren Anschlägen zunehmend muslimische Opfer in Kauf oder diffamieren sie als Ungläubige oder Apostaten, um ihre Taten ideologisch zu legitimieren – siehe Taliban, Al-Qaida, Boko Haram und Islamischer Staat (IS).

Auf das Konto dieser vier Terror-Organisationen gehen laut Global Terrorism Index zwei Drittel aller Terror-Opfer, die es 2013 weltweit zu beklagen gab (rund 12.000) – die meisten davon in muslimischen Ländern. Dies geht aus den Daten von mehr als 162 Ländern hervor, die die Forscher der australischen Denkfabrik Institute for Economics & Peace (IEP) ausgewertet haben.

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Nach dem Anschlag von Paris melden sich nun auch Gelehrte aus den Reihen konservativer islamischer Strömungen deutlich zu Wort: „Heutzutage reicht es, Fatwas zu googeln und beliebige Vorfälle aus dem Leben des Propheten Mohammed zu zitieren, um ein Rechtsgelehrter zu werden“, spottete der US-amerikanische Islamgelehrte und Ex-Salafist Yasir Qadhi nach dem Anschlag in Paris auf seiner Facebook-Seite.

„Wir haben das Tor zum „Takfir“ (die Exkommunikation anderer Muslime) geöffnet: Mit etwas, das sogar die größten islamischen Rechtsgelehrten gegen ihre schlimmsten ketzerischen Widersacher nur in seltenen Fällen angewandt haben, wird heute wie mit Süßigkeiten geworfen – gegen jeden, der dem eigenen Standpunkt widerspricht.“ Dabei seien viele Kernattribute der islamischen Lehre verlorengegangen: „Gnade, Wissen, Geduld, gute Manieren und Nachsicht“, kritisiert Qadhi, der 2011 vom New York Times Magazine als einer der einflussreichsten konservativen islamischen Kleriker in den USA bezeichnet wurde.

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