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29.10.2016

08:52 Uhr

Island wählt vorzeitig neues Parlament

Angst vor spanischen Verhältnissen

Nach dem „Panama Papers“-Skandal wählen die Isländer vorzeitig neu. Weil die Inselbewohner der alten Machtelite misstrauen, könnten in Reykjavík künftig die Piraten mitregieren. Das wäre eine Premiere.

Der Skandal um die „Panama Papers“ hat in Island eine politische Krise ausgelöst, das Vertrauen in die etablierten Parteien schwindet. dpa

Demonstration vor dem Parlament

Der Skandal um die „Panama Papers“ hat in Island eine politische Krise ausgelöst, das Vertrauen in die etablierten Parteien schwindet.

ReykjavíkIslands Fußballnationaltrainer Heimir Hallgrímsson würde am internationalen Flughafen in Keflavík am liebsten ein Schild für Touristen anbringen. „Ausverkauft“ sollte darauf stehen. „Wir können nicht noch mehr aufnehmen“, sagt der Trainer, der auch Zahnarzt ist. „Jeder kommt nach Island, um sich die Natur anzusehen, und wir zerstören sie, indem wir sie mit Menschen überfrachten.“

Vielen Isländern spricht Hallgrímsson damit aus dem Herzen. Gleichzeitig hat der Tourismus die Insel im Nordatlantik nach der schweren Krise und dem Zusammenbruch der Banken 2008 wieder zum Boomland gemacht. Selbst abgelegene Fischerdörfer sprudeln vor Leben. Der Regierung nützt das kometenhafte Wachstum nichts: Nach der Parlamentswahl am Samstag (29. Oktober) muss sie wohl abdanken.

Was Sie noch nicht über Island wussten

Ein Zahnarzt als Nationaltrainer

Wer sich an die Fußball-EM in Frankreich erinnert, erinnert sich auch an das „Hu!“ – das Jubelritual der Isländer, die völlig überraschend England schlugen und bei ihrer ersten EM erst im Viertelfinale ausschieden. Nach dem Abschied von Erfolgscoach Lars Lagerbäck trainiert Heimir Hallgrímsson die Nationalelf. Dass der eigentlich Zahnarzt ist, hilft ihm auch im Trainerjob, meint er: „Dadurch habe ich gelernt, dass man sich unterschiedlichen Menschen ganz unterschiedlich nähern muss.“

Friedliche Wikinger

Zwar blitzt bei den Isländern manchmal noch das Wikinger-Temperament durch. Das beschränkt sich aber auf das Parlament oder den Fußballplatz. An die Gurgel gehen sich die Inselbewohner so gut wie gar nicht: Im Jahr wird hier durchschnittlich ein Mord verübt.

Kein Zurück für Islandpferde

Berühmt ist die Insel unter anderem für ihre Islandpferde, die auch im Ausland als Zuchttiere sehr beliebt sind. Hat eins der pummeligen Pferde einmal Island verlassen, darf es nie wieder in seine Heimat zurückkehren. Deshalb gehören die Tiere zu den reinsten gezüchteten Pferderassen überhaupt.

Weit und breit kein Wald

In Island gibt es einen beliebten Scherz: Wenn du nicht mehr aus dem Wald herausfindest – dann steh auf! Ganz baumlos ist die Insel zwar nicht. Tatsächlich ist aber seit der Wikingerzeit nur noch ein winziger Teil Islands von Wald bedeckt. Die Vorfahren der Isländer rodeten die meisten Bäume, um das Holz zum Bauen und als Brennholz zu nutzen – und Schafe sorgten dafür, dass nur wenig nachwuchs.

Das hat auch mit den „Panama Papers“ zu tun, die im April die größten Proteste in der Geschichte des 330.000-Einwohner-Landes ausgelöst hatten. Weil der rechtsliberale Regierungschef Sigmundur David Gunnlaugsson nicht nur Millionen in einer Offshore-Firma versteckt, sondern auch auf der Gläubigerliste der Krisenbanken gestanden haben soll, musste er gehen. Die Wahl wurde um ein halbes Jahr vorgezogen.

Den steilen Absturz in der Finanzkrise, der die Republik an den Rand des Staatsbankrotts gebracht hatte, hatten die Wikinger-Nachfahren den Mächtigen ihres Landes gerade erst langsam verziehen. Die „Panama Papers“ stürzten sie in das nächste Trauma. „Es braucht Zeit, das Vertrauen wiederzugewinnen“, sagt Birgir Armansson. Seine konservative Partei, die derzeit mit den Rechtsliberalen die Regierung stellt, war seit der Unabhängigkeit Islands von Dänemark 1944 Jahrzehnte lang der Fels in der politischen Landschaft.

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Doch seit der Krise geht es für die Konservativen bergab. Viele Isländer wollen Veränderung – in der Fischerei, der Verfassung, im Gesundheitssystem. Die Unabhängigkeitspartei steht für sie dafür, dass zu viel beim Alten bleibt. Dass die Isländer den politischen Institutionen in ihrem Land tief misstrauen, spielt wiederum den Piraten in die Karten. Dass die Menschen im April auf dem Platz vor dem isländischen Parlament in so großer Zahl protestierten, mit Bananen und Eiern schmissen, hat viel mit einer von ihnen zu tun.

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