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05.01.2006

09:44 Uhr

Israel

Scharon soll gelähmt sein

Nach zwei stundenlangen Operationen ist der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon auf die Intensivstation verlegt worden. Einheimische Medien berichten, der 77-Jährige sei halbseitig gelähmt und werde sein Amt wohl kaum mehr ausüben können. Die israelische Börse reagierte mit einem Kurssturz.

Ariel Scharon. Foto: dpa

Ariel Scharon. Foto: dpa

HB JERUSALEM. Scharon hatte am Mittwochabend auf seiner Farm in der Negev-Wüste über Unwohlsein und Druck in der Brust geklagt. Auf Anraten der Ärzte wurde er in ein Jerusalemer Krankenhaus gebracht. Dort wurde ein Schlaganfall diagnostiziert – der zweite binnen zweieinhalb Wochen. Nach einer ersten Operation wurde eine Computertomografie gemacht, bei der weitere Hirnblutungen entdeckt wurden. Scharon wurde ins künstlichen Koma versetzt und wird künstlich beatmet. Krankenhausärzte beschrieben seinen Zustand als „sehr ernst“.

Ein Ende von Scharons politischer Karriere dürfte das Land schwer erschüttern. Die Börse reagierte mit Kursstürzen von bis zu acht Prozent. Auch die Landeswährung Schekel verlor deutlich gegenüber dem Dollar. Der Leitindex der Börse in Tel Aviv fiel im frühen Handel um sechs Prozent. Die Landeswährung schwächte sich auf 4,6422 Schekel je Dollar von 4,5770 ab. „Der Markt ist der Meinung, dass nun Scharons politische Karriere beendet ist“, sagte ein Devisenhändler. Es herrsche Unsicherheit über die Zukunft.

Angesichts von Scharons Zustands versammelte sich die israelische Regierung am Donnerstag zu einer Dringlichkeitssitzung, wie der israelische Rundfunk meldete. Scharons Stellvertreter Ehud Olmert übernahm vorübergehend die Amtsgeschäfte. Der israelische Parlamentspräsident Reuven Rivlin sprach sich dafür aus, die im März geplanten Wahlen ungeachtet des gesundheitlichen Zustands von Scharon abzuhalten. Als Begründung nannte er Sorge um die politische Stabilität des Landes. Erst vor einigen Monaten hatte Scharon gegen starken Widerstand konservativer Politiker den Abzug Israels aus dem Gazastreifen durchgesetzt.

Scharon hatte erst vor gut zwei Wochen einen leichteren Schlaganfall erlitten, von dem er sich nach kurzem Klinikaufenthalt aber erholt und von dem er nach Angaben der Ärzte keine bleibenden Schäden zu erwarten hatte. Im Zuge der Untersuchungen war jedoch ein angeborener Herzfehler entdeckt worden, so dass für Donnerstag ein Eingriff geplant war. Er habe sich am Mittwochabend auf die geplante Herz-OP vorbereitet, als sich sein Zustand plötzlich verschlechterte.

Beim Eintreffen im Jerusalemer Hadassah-Universitätskrankenhaus sei Scharon noch bei vollem Bewusstsein und ansprechbar gewesen, berichtete das israelische Fernsehen. Auf der Fahrt in die Klinik habe er noch im Krankenwagen telefoniert. Scharon wurde von seinen Söhnen Gilad and Omri in die Klinik begleitet.

Nach Ansicht der palästinensischen Autonomiebehörde wird der Gesundheitszustand Scharons keine unmittelbaren Auswirkungen auf das palästinensisch-israelische Verhältnis haben. Vor den israelischen Parlamentswahlen erwarte er keinen Politikwechsel, sagte der palästinensische Informationsminister Nabil Schaath in der Nacht zum Donnerstag in Gaza, „auch wenn Scharon krank ist und Olmert bis zu den Wahlen in Israel am 28. März (die Amtsgeschäfte) übernimmt“.

Mitglieder militanter Gruppen, vor allem Aktivisten des Islamischen Dschihad, zeigten sich erfreut über den schlechten Gesundheitszustand Scharons. Das palästinensische Volk werde „niemals traurig sein über die Krankheit“, sagte ein Dschihad-Führer.

Scharon hat das Amt des Regierungschefs 2001 übernommen und wollte im März bei vorgezogenen Parlamentswahlen an der Spitze seiner neuen Partei Kadima antreten. Nach einem monatelangen, erbitterten Streit um den israelischen Abzug aus dem Gazastreifen hatte Scharon den Likud-Block verlassen.

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