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08.11.2011

15:33 Uhr

Israel vs. Iran

Die Angst vor Krieg greift um sich

Israel wägt offensichtlich das Pro und Contra eines Militärschlags gegen iranische Atomanlagen ab. Die Sorge vor einem Krieg greift um sich - in Berlin, Paris, Moskau. Noch ist die Diplomatie gefragt.

Eine Iranerin in Teheran. dapd

Eine Iranerin in Teheran.

Berlin/Paris/Tel AvivVor dem mit Spannung erwarteten Bericht zum Atomprogramm des Irans häufen sich Warnungen vor einem Militärschlag Israels gegen die Anlagen. Russlands Präsident Dmitri Medwedjew warf Israel am Dienstag „gefährliche Rhetorik“ vor, die zu einem bewaffneten Konflikt im Nahen Osten führen könne. Auch Außenminister Guido Westerwelle und sein französischer Kollege Alain Juppé warnten vor einem Angriff. Israels Verteidigungsminister Ehud Barak bemühte sich, Sorgen vor einem unmittelbar bevorstehenden Krieg mit dem Iran zu zerstreuen.

Die Internationale Atomenergie-Behörde IAEA, deren Bericht noch diese Woche vorgelegt werden soll, hat Zeitungsberichten zufolge zahlreiche Belege für eine systematische Entwicklung von Atomwaffen im Iran. In Israel wird seit Tagen intensiv über die Möglichkeit diskutiert, den möglichen Atomwaffenbau im Iran mit einem Militärschlag zu verhindern.

„Ein Krieg ist kein Picknick, und wir wollen keinen Krieg“, sagte Barak dem israelischen Rundfunk. „Israel hat sich noch nicht für einen militärischen Einsatz entschieden. Medienberichte über mögliche israelische Angriffspläne auf die Atomanlagen im Iran bezeichnete er als „Panikmache“.

Irans umstrittene Atomanlagen

Natans

In der unterirdischen Fabrik südöstlich von Teheran wird schwach angereichertes Uran produziert. Es wird für die Stromgewinnung, aber in hoch angereicherter Form auch für Atomwaffen benötigt. Für den Bau einer Atombombe müsste Uran auf 80 Prozent und mehr angereichert werden.

Ghom

2009 gab Teheran die Existenz einer weiteren, lange geheim gehaltenen Anreicherungsanlage südlich von Teheran zu, die noch nicht in Betrieb ist. Die Fabrik in einem Tunnelsystem auf einem früheren Militärgelände nahe der Schiiten-Hochburg Ghom bietet Platz für 3000 Zentrifugen zur Urananreicherung.

Buschehr

Nach der islamischen Revolution von 1979 zog sich die deutsche Kraftwerk Union (KWU) aus dem Projekt zurück. Später stiegen die Russen in Buschehr ein. In den beiden Atomreaktoren im Südwesten des Landes wurden im Oktober 2010 die ersten aus Russland gelieferten Brennelemente geladen - 35 Jahre nach Baubeginn. Im September 2011 ging Irans erstes Atomkraftwerk offiziell in Betrieb.

Isfahan

Im Zentrum der iranischen Kernforschung gibt es eine Anlage zur Produktion von Kernbrennstäben. Auch das in Zentrifugen zur Urananreicherung benötigte Hexafluoridgas wird südlich von Teheran hergestellt.

Arak

Den USA ist seit 2002 die Existenz des unfertigen Schwerwasserreaktors im Westen des Landes bekannt. Hier fällt Plutonium an, das für die Bombenproduktion verwendet werden könnte.

Teheran

Der kleine Leichtwasserreaktor in der Hauptstadt wurde noch zu Zeiten des 1979 gestürzten Schahs mit US-Hilfe gebaut. Er soll Material für medizinische Zwecke produzieren. Dazu benötigt er angereichertes Uran.

Karadsch

Seit den 1990er Jahren arbeitet nahe der Hauptstadt ein Nuklearforschungszentrum, das vor allem medizinischen Zwecken dienen soll.

Medwedjew sagte bei seinem Deutschland-Besuch in Berlin, Israel baue derzeit eine „Drohkulisse“ auf. „Die Drohung mit einem Militärschlag kann in einen großen Krieg führen.“ Es komme jetzt darauf an, die Lage zu beruhigen, „Luft zu holen und Gespräche zu führen“, sagte der russische Präsident. Moskau habe den Iran immer wieder aufgefordert, den ausschließlich friedlichen Charakter seines Atomprogramms zu belegen. „Leider gibt es noch keine Bewegung in diese Richtung“, sagte Medwedjew.

Westerwelle sagte im ARD-„Morgenmagazin“: „Für den Fall, dass sich die Dinge weiter zuspitzen sollten, dass der Bericht wiedergibt, dass der Iran erneut an diesen Programmen arbeitet, werden wir in Europa auch eine nächste Sanktionsrunde vorbereiten.“ Sollten Russland und China bei neuen Sanktionen nicht mitziehen, schließt Westerwelle auch einen möglichen Alleingang der Europäer nicht aus.

Das angespannte Verhältnis zwischen USA und Iran

1979

Nach der Vertreibung des US-Verbündeten Schah Mohammed Reza Pahlavi ruft Ajatollah Khomeini die Islamische Republik Iran aus. Am 4. November besetzen Studenten die US-Botschaft in Teheran, nehmen 52 Amerikaner als Geiseln und fordern die Auslieferung des Schahs. Als Reaktion verhängt Washington Sanktionen gegen den Iran.

1980

Die Geiselnahme endet nach 444 Tagen. Ein Militäreinsatz zur Befreiung der Amerikaner war gescheitert. Im September greift Irak den Iran an. Im achtjährigen Golfkrieg beliefern die USA beide Länder mit Waffen und schlagen sich schließlich auf die Seite des Iraks.

1984

Nach Terroranschlägen auf US-Soldaten und die Botschaft im Libanon erklärt US-Präsident Ronald Reagan Irans Regime zum „Sponsor des internationalen Terrorismus“ und verschärft die Sanktionen.

1985-1986

In Geheimgesprächen verspricht Washington Teheran Waffenlieferungen, im Gegenzug sollen amerikanische Geiseln im Libanon befreit werden. Mit den Gewinnen finanzieren die USA Rebellen in Nicaragua. Der Iran-Contra-Skandal bringt die US-Regierung in Bedrängnis.

1988

Ein US-Kriegsschiff schießt einen iranischen Airbus über dem Golf ab, alle 290 Passagiere sterben.

1995

Wegen angeblicher Terrorunterstützung und dem Streben nach Massenvernichtungswaffen verhängt US-Präsident Bill Clinton ein umfassendes Handelsembargo gegen den Iran.

2001

Washington beschuldigt Teheran, direkt in einen Anschlag auf US-Soldaten in Saudi-Arabien verwickelt zu sein. Der US-Geheimdienst CIA bezichtigt den Iran, ein Atomwaffenprogramm zu verfolgen.

2002

Präsident George W. Bush bezeichnet den Iran, den Irak und Nordkorea als „Achse des Bösen“. Washington würde nicht tatenlos zusehen, wenn diese Länder versuchten, die USA mit Massenvernichtungswaffen zu bedrohen.

2004

Auf Drängen der EU verzichtet der Iran auf sein Programm zur Urananreicherung. Die USA bleiben misstrauisch.

2005

Die USA beschuldigen Irans Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, Kopf der Geiselnahme von 1979 in Teheran gewesen zu sein.

2007

US-Behörden erklären, im Irak festgenommene Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden hätten sich aktiv am Krieg gegen US-Truppen beteiligt. Man habe zudem Beweise dafür, dass mit von Teheran gelieferten Waffen US-Soldaten im Irak getötet wurden.

2008

Der Iran droht für den Fall eines Angriffs auf seine Atomanlagen mit militärischen Gegenschlägen und testet bei einem Großmanöver Raketen. Im Persischen Golf gibt es mehrere Zwischenfälle von US-Schiffen mit iranischen Schnellbooten. Es fallen Warnschüsse.

2009

Iranische Militärs nehmen im Grenzgebiet zum Irak drei US- Touristen fest. Nach einer Verurteilung wegen Spionage zu acht Jahren Haft kommt der erste 2010 frei, die beiden anderen im September 2011.

2010

US-Präsident Barack Obama setzt im Streit um das iranische Atomprogramm neue umfangreiche Sanktionen gegen Teheran in Kraft.

2011

Im Oktober werfen die USA dem Iran ein Mordkomplott vor: Für das geplante Attentat an einem saudischen Diplomaten macht US-Justizminister Eric Holder den militärischen Arm der iranischen Revolutionsgarden, Al-Kuds, verantwortlich. Ende des Jahres verschärfen die USA ihre Sanktionen wegen des umstrittenen iranischen Atomprogramms. Im Dezember kündigt der Iran eine Reaktion auf die angebliche Verletzung seines Luftraums durch ein US-Aufklärungsflugzeug an. Am 4. Dezember vermeldet der Iran, die Armee habe in einer östlichen Provinz eine unbemannte Drohne des Typs RQ170 abgeschossen.

Der Vorsitzende der FDP Im Europaparlament, Alexander Graf Lambsdorff, hält bei einer weiteren Zuspitzung des Konflikts ebenfalls eine deutliche Reaktion der internationalen Gemeinschaft für unausweichlich. „Wenn sich die Vermutungen über das im neuesten Bericht der IAEA düster gezeichnete Bild der Lage bewahrheiten, dann müssen ernsthafte Konsequenzen gezogen werden“, sagte Lambsdorff Handelsblatt Online. Das hieße, dass die bereits im Uno-Sicherheitsrat verabschiedeten Sanktionen besser implementiert werden müssten. „Der Sicherheitsrat hätte sich aber auch erneut der Angelegenheit anzunehmen, da nach der weiteren Eskalation der Tatbestand einer Bedrohung des Friedens gemäß Kapitel VII der Charta der Vereinten Nationen erfüllt wäre und dies Folgen in der Form von weiteren Sanktionen nach sich ziehen müsste.“

Kommentare (12)

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Account gelöscht!

08.11.2011, 16:01 Uhr

Die Achse Paris,Berlin,Moskau wird sich zurückziehen wie beim Irak-Krieg.Das ist auch gut so-Lybien und Nordafrika sind von herausragender Bedeutung für die Sicherheit Europas aber die Türkei ist ein Wall der uns von der Irrsinn in den Nahen Osten schützt.Dort sollen die Amerikaner ihre Abenteuer ausleben,Europa muss sich da raushalten auf jeden Fall.Wir sollen für Isreal eine Sicherheitsgarantie abgeben nur im Falle,dass Isreal angegriffen wird,nicht für den Fall,dass Israel ein anderer Staat angreift.

baladon

08.11.2011, 16:28 Uhr

Eine Iranerin in Teheran....

Account gelöscht!

08.11.2011, 16:29 Uhr

OK.

Schon beim Irak-Krieg fragte ich mich nach der Ökonomie des Krieges. Wäre es nicht viel einfacher auf einen gefährlichen Bösewicht einen Scharfschüzten von der Marke Rambo anzusetzen? Kopfschuß als Fortsetzung der Politik?

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