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23.11.2015

07:53 Uhr

Israel

Wenn die Angst zum Alltag gehört

Israel ist weltweit das Land mit der größten Erfahrung mit Terror im Alltag. Seit Jahrzehnten leben die Menschen mit der Bedrohung. Die Pariser Anschläge und die Zustände in Brüssel erzeugen allerdings gemischte Gefühle.

Israel hat wie kaum ein anderes Land seit Jahrzehnten Erfahrung mit Anschlägen auf Zivilisten, Angst und Terror. dpa

Bewaffnete Sicherheitsmänner in Jerusalem

Israel hat wie kaum ein anderes Land seit Jahrzehnten Erfahrung mit Anschlägen auf Zivilisten, Angst und Terror.

Tel AvivDer bewaffnete Wachmann vor dem Einkaufszentrum in Tel Aviv fordert eine junge Frau auf, ihre Tasche zu öffnen. Er wirft einen flüchtigen Blick hinein, dann winkt er sie durch. Sicherheitskontrollen wie diese gehören zum Alltag in Israel, kaum jemand stört sich daran. Denn Israel hat wie kaum ein anderes Land seit Jahrzehnten Erfahrung mit Anschlägen auf Zivilisten, Angst und Terror. Trotz der ständigen Existenzbedrohung ist der Staat am östlichen Rand des Mittelmeers heute die offenste und innovativste Gesellschaft im Nahen Osten.

Dem jüdischen Staat sei es insgesamt gelungen, sich gegenüber harten Angriffen von außen zu verteidigen und sich gleichzeitig immer mehr zu einer pluralistischen Gesellschaft zu entwickeln, sagt Dan Schueftan, Leiter des Zentrums für Nationale Sicherheitsstudien an der Universität Haifa.

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„Die Herausforderung ist: Wie kann man nach außen Sparta und nach innen Athen sein?“ Der Vergleich mit den beiden griechischen Stadtstaaten der Antike veranschaulicht für ihn das Spannungsfeld zwischen militärischer Härte und einer offenen Gesellschaft, in der auch Künste und Wissenschaft gedeihen.

„Im Nahen Osten kann man nicht überleben, wenn man nicht hart für seine Sicherheit kämpft“, meint Schueftan. „Aber wenn man nach innen nicht weich ist, hat das Überleben keinen Sinn.“ Nur eine offene Gesellschaft könne diesen Sinn bieten.

Parteien in Israel

Likud

Der Ursprung der Likud-Partei liegt in der 1948 gegründeten Partei Cherut. 1977 stellte Likud mit Menachem Begin zum ersten Mal den israelischen Regierungschef. Der aktuelle Ministerpräsident und Parteivorsitzende Benjamin Netanjahu war bereits von 1996 bis 1999 Ministerpräsident Israels. Likud gehört zu den Arbeiterparteien und steht für den Ausbau israelischer Siedlungen im Westjordanland. Nationalkonservative Grundsätze zeichnen Likud genauso wie ihre zionistische Weltsicht aus.

Kadima

Die vom damaligen Ministerpräsident Ariel Scharon 2005 gegründete Kadima-Partei hat ihren Ursprung bei der rechtskonservativen Likud. Kadima gehört zu den liberalen Parteien und strebt mithilfe der „Road Map“ eine Beendigung des israelisch-palästinensischen Konflikts an. Parteivorsitzender ist Schaul Mofas.

Awoda

Die Awoda ist eine israelische Arbeitspartei und wurde 1968 gegründet. Im Zentrum stehen sozial- und wirtschaftspolitische Fragen. Aber auch der Konflikt mit Palästina spielt bei Awoda eine zentrale Rolle. Die Arbeitspartei verfolgt hier einen ähnlichen Ansatz wie Kadima. Mithilfe von Verhandlungen mit nicht gewalttätigen palästinensischen Gruppierungen soll Frieden zwischen den Nationen hergestellt werden. Der aktuelle Parteivorsitzende ist Jitzchak Herzog.

HaBajit jaJehudi

Die Partei „Jüdische Heimat“ zählt zu den ultrakonservativen Gruppen im israelischen Parlament und ist aktuelle Koalitionspartner von Benjamin Netanjahu. Die von nationalreligiösen Politikern geführte Partei setzt sich besonders für israelische Siedler im Westjordanland ein.

Schas

Die ultraorthodoxe Partei Schas gehört zu den Hardlinern im Parlament. Sie verfolgen eine kompromisslose Politik gegenüber den Palästinensern und stufen Homosexualität als Krankheit ein. Dennoch war Schas an einigen Regierungen beteiligt. Seit 2013 gehört sie der Opposition an.

Jesch Atid

Die Zukunftspartei unter den Vorsitzenden und Parteigründer Yair Lapid hat sich seit 2012 zu einer Partei der Mitte etabliert. Die Partei fordert eine Wehrpflicht für ultraorthodoxe Juden, die bisher vom Dienst an der Waffe befreit waren. Außerdem wird eine Zwei-Staaten-Lösung mit den Palästinensern angestrebt.

Hatnua

Die von Tzipni Livni gegründete Hatnua ist ein Abspaltungsprodukt der Kadima-Partei. Hatnua gehört dem Mitte-Links-Spektrum an. Im aktuellen Wahlkampf hat sich die Partei der Awoda zusammengeschlossen. In den Prognosen liegt das Parteibündnis vor der Likud.

Meretz

Die linksgerichtete Meretz hat die Bürgerrechte, die Gleichstellung der Frau und den religiösen Pluralismus im Fokus. Außenpolitisch besitzt Meretz ein Alleinstellungsmerkmal. Als erste zionistische Partei akzeptiert sie einen palästinensischen Staat. Aktuelle Parteivorsitzende ist Zahava Gal-On.

Vereinigte Arabische Liste

Die Vereinigte Arabische Liga setzt sich aus der Balad- und der Taal-Partei zusammen. In ihrem Wahlkampf fordern sie die Etablierung eines palästinensischen Staates, die Räumung der jüdischen Siedlungen und eine Gleichberechtigung zwischen jüdischen und arabischen Israelis.

International gerät Israel aber wegen harter Maßnahmen gegen die Palästinenser und der fortwährenden Besatzung mit Siedlungsausbau immer wieder in die Kritik. Nach einer verheerenden Welle blutiger Selbstmordanschläge begann der Staat vor 13 Jahren mit dem Bau einer Sperranlage im Westjordanland. Die Mauer ist sehr umstritten und beschneidet die Rechte der Palästinenser, seit ihrem Bau haben die besonders schweren Anschläge im israelischen Kernland jedoch drastisch nachgelassen.

Wie andere israelische Sicherheitsexperten sieht Schueftan den europäischen Umgang mit dem islamistischen Terror sehr kritisch. „Die europäischen Staaten haben pluralistische Gesellschaften geschaffen, können sich aber nicht selbst verteidigen“, meint er. Die Pariser Anschläge seien zwar ein „Trauma“, er erwarte dennoch kein großes Umdenken. „Die Europäer haben eine kulturelle Sperre, es gibt Dinge, über die man nicht sprechen darf.“

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