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09.06.2016

12:44 Uhr

Israel

Wie ein Anschlag alle Illusionen zerstört

Erst bestellten sie ein süßes Dessert, dann zogen sie ihre Schusswaffen aus Koffern. Zwei palästinensische Attentäter haben im idyllischen Sarona-Park in Tel Aviv vier Menschen erschossen. Wie reagiert Israel?

Das Entsetzen ist groß, dass es wieder zu einem Anschlag in Tel Aviv gekommen ist. AFP; Files; Francois Guillot

Tel Aviv

Das Entsetzen ist groß, dass es wieder zu einem Anschlag in Tel Aviv gekommen ist.

Tel AvivAm Morgen nach dem tödlichen Anschlag in Tel Aviv sind kaum noch Spuren des Blutbads zu sehen. Ein Mann wischt im Café Max Brenner im Sarona-Park den Boden mit viel Wasser. Hier haben am Abend zuvor zwei palästinensische Attentäter gesessen und sogar noch Schokoladendessert bestellt. „Sie trugen Anzüge und sahen aus wie Geschäftsmänner“, erzählt ein Kellner aus dem Café direkt nebenan. „Plötzlich haben sie aus Koffern ihre Waffen gezogen und aus nächster Nähe auf andere Gäste geschossen“, erzählt der 22-jährige Tal Scharabi am Donnerstag. „Wir stehen alle noch unter Schock.“

„Wir hätten nie gedacht, dass so etwas hier, an diesem belebten Ort passieren könnte, den auch so viele Touristen besuchen“, sagt Scharabi. Ganz so unerwartet kam der Anschlag zu Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan allerdings nicht. Die Polizei hatte bereits vor ein paar Wochen gewarnt, das aufwendig restaurierte alte deutsche Templerdorf sei nicht sicher genug. Sie hatte wegen der Sicherheitslücken sogar die Schließung des beliebten Sarona-Parks gefordert.

Die radikal-islamische Palästinenserorganisation Hamas

Zweitgröße Palästinenserorganisation

Die radikal-islamische Hamas ist die zweitgrößte Palästinenserorganisation. Die 1987 gegründete Gruppe bestreitet das Existenzrecht Israels und fordert die gewaltsame Errichtung eines islamischen Palästinas vom Mittelmeer bis zum Jordan. Ihr militärischer Arm, die Kassam-Brigaden, hat in der Vergangenheit Dutzende tödliche Anschläge auf Israelis verübt.

Hamas im Gazastreifen

Seit 2007 herrscht die Hamas im palästinensischen Gazastreifen. Damals vertrieb sie die gemäßigtere Fatah-Organisation von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas gewaltsam aus dem Küstenstreifen.

17.000 Raketen

Seither haben die militanten Palästinenser mehr als 17.000 Raketen und Mörsergranaten auf Israel abgefeuert, wie die israelische Armee sagt. Die Fatah herrscht seit 2007 nur noch in den nicht von Israel verwalteten Teilen des Westjordanlandes. Es gibt jedoch auch im Westjordanland aktive Hamas-Zellen.


Einstufung als Terrororganisation

Die Hamas und ihre Milizen werden unter anderem von den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft.

Strategiewechsel

Nach 2007 änderte die Hamas ihre Strategie und zeigte grundsätzlich Bereitschaft zu einer langfristigen Waffenruhe mit Israel. Diese ist jedoch nicht in Sicht. Bis zu einer solchen Vereinbarung setzt die auch im Sozialbereich engagierte Organisation weiter auf den „bewaffneten Widerstand“.

Der Anschlag zerstört die Illusion vieler Israelis, die im Oktober begonnene palästinensische Gewaltwelle sei wieder abgeebbt. Das leichtlebige Tel Aviv wird gerne als „Blase“ beschrieben, die mit dem Rest des konfliktgeplagten Landes wenig zu tun hat. Den Einwohnern der schillernden Küstenmetropole wird oft vorgeworfen, sie seien vergnügungssüchtig und blendeten Probleme einfach aus.

Seit Beginn einer Welle palästinensischer Anschläge wurde Tel Aviv allerdings schon mehrmals zum Ziel tödlicher Attacken. Die Tat in Sarona forderte jedoch bisher die meisten Todesopfer: Zwei Frauen und zwei Männer im Alter von 32 bis 58 Jahren.

Parteien in Israel

Likud

Der Ursprung der Likud-Partei liegt in der 1948 gegründeten Partei Cherut. 1977 stellte Likud mit Menachem Begin zum ersten Mal den israelischen Regierungschef. Der aktuelle Ministerpräsident und Parteivorsitzende Benjamin Netanjahu war bereits von 1996 bis 1999 Ministerpräsident Israels. Likud gehört zu den Arbeiterparteien und steht für den Ausbau israelischer Siedlungen im Westjordanland. Nationalkonservative Grundsätze zeichnen Likud genauso wie ihre zionistische Weltsicht aus.

Kadima

Die vom damaligen Ministerpräsident Ariel Scharon 2005 gegründete Kadima-Partei hat ihren Ursprung bei der rechtskonservativen Likud. Kadima gehört zu den liberalen Parteien und strebt mithilfe der „Road Map“ eine Beendigung des israelisch-palästinensischen Konflikts an. Parteivorsitzender ist Schaul Mofas.

Awoda

Die Awoda ist eine israelische Arbeitspartei und wurde 1968 gegründet. Im Zentrum stehen sozial- und wirtschaftspolitische Fragen. Aber auch der Konflikt mit Palästina spielt bei Awoda eine zentrale Rolle. Die Arbeitspartei verfolgt hier einen ähnlichen Ansatz wie Kadima. Mithilfe von Verhandlungen mit nicht gewalttätigen palästinensischen Gruppierungen soll Frieden zwischen den Nationen hergestellt werden. Der aktuelle Parteivorsitzende ist Jitzchak Herzog.

HaBajit jaJehudi

Die Partei „Jüdische Heimat“ zählt zu den ultrakonservativen Gruppen im israelischen Parlament und ist aktuelle Koalitionspartner von Benjamin Netanjahu. Die von nationalreligiösen Politikern geführte Partei setzt sich besonders für israelische Siedler im Westjordanland ein.

Schas

Die ultraorthodoxe Partei Schas gehört zu den Hardlinern im Parlament. Sie verfolgen eine kompromisslose Politik gegenüber den Palästinensern und stufen Homosexualität als Krankheit ein. Dennoch war Schas an einigen Regierungen beteiligt. Seit 2013 gehört sie der Opposition an.

Jesch Atid

Die Zukunftspartei unter den Vorsitzenden und Parteigründer Yair Lapid hat sich seit 2012 zu einer Partei der Mitte etabliert. Die Partei fordert eine Wehrpflicht für ultraorthodoxe Juden, die bisher vom Dienst an der Waffe befreit waren. Außerdem wird eine Zwei-Staaten-Lösung mit den Palästinensern angestrebt.

Hatnua

Die von Tzipni Livni gegründete Hatnua ist ein Abspaltungsprodukt der Kadima-Partei. Hatnua gehört dem Mitte-Links-Spektrum an. Im aktuellen Wahlkampf hat sich die Partei der Awoda zusammengeschlossen. In den Prognosen liegt das Parteibündnis vor der Likud.

Meretz

Die linksgerichtete Meretz hat die Bürgerrechte, die Gleichstellung der Frau und den religiösen Pluralismus im Fokus. Außenpolitisch besitzt Meretz ein Alleinstellungsmerkmal. Als erste zionistische Partei akzeptiert sie einen palästinensischen Staat. Aktuelle Parteivorsitzende ist Zahava Gal-On.

Vereinigte Arabische Liste

Die Vereinigte Arabische Liga setzt sich aus der Balad- und der Taal-Partei zusammen. In ihrem Wahlkampf fordern sie die Etablierung eines palästinensischen Staates, die Räumung der jüdischen Siedlungen und eine Gleichberechtigung zwischen jüdischen und arabischen Israelis.

Die Attentäter hatten auf die Cafébesucher geschossen und waren dann aus dem Park gerannt. Einer von ihnen wurde von einem Polizisten mit Schüssen verletzt, der andere unverletzt gefasst. Maurice Tzorf saß mit seiner Familie in einem Café. „Plötzlich fielen Schüsse, einer der Terroristen rannte direkt an uns vorbei“, erzählt der Übersetzer auch deutscher Texte. „Ein Polizist folgte ihm mit gezogener Waffe, wir dachten erst, hier wird gerade gefilmt. Aber es gab kein Kamerateam.“

Der Polizist habe nach einer Warnung mehrere gezielte Schüsse auf den Attentäter abgefeuert. „Danach war da die Hölle los, wir saßen zwei Stunden in dem Café fest, weil alles abgesperrt war, solange nicht klar war, dass es keinen dritten, flüchtigen Terroristen gab.“

Es ist der erste Anschlag in Israel, seitdem der ultrarechte Avigdor Lieberman das Amt des Verteidigungsministers übernommen hat. Wird der 57-Jährige seine martialischen Drohungen gegen die Palästinenser jetzt in die Tat umsetzen? Er hatte dem rechtsorientierten Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu immer wieder vorgeworfen, sein Vorgehen nach Anschlägen sei zu lasch.

Das Tunnelsystem der Hamas

Das Hauptziel Israels

Eines der Hauptziele der israelischen Bodenoffensive im Gazastreifen ist das weit verzweigte Tunnelsystem der Hamas. Die radikal-islamische Organisation hat unter ihrem Herrschaftsgebiet Hunderte dieser unterirdischen Gänge gegraben. Sie verlaufen zumeist im Grenzgebiet zu Israel und Ägypten – vor allem in der Nähe des Rafah-Grenzübergangs – und dienen unterschiedlichen Zwecken. Auch zwischen Häusern im Inneren des Gazastreifens verlaufen Tunnel, die als Fluchtwege für militante Kämpfer dienen. Die gesamte Führung der Hamas versteckt sich nach israelischen Informationen seit Beginn der Offensive am 8. Juli in unterirdischen Betonbunkern.

Zerstörte Tunnel

Ägypten hat bisher nach Militärangaben rund 1400 Tunnel zerstört, die in den Gazastreifen führten. Auch das israelische Militär spürt immer wieder unterirdische Tunnel auf. Israels Armee hat nach eigenen Angaben seit Beginn der Offensive im Gazastreifen am 8. Juli 230 Mal unterirdische Tunnel angegriffen.

Zweck der Tunnel

Die in Richtung des israelischen Staatsgebiets gegrabenen Tunnel dienen vor allem Terrorzwecken. Durch die Gänge, die oft in monatelanger mühsamer Arbeit ausgehoben und mit Zement verstärkt werden, können bewaffnete Kämpfer über die Grenzen geschleust werden, um Anschläge zu verüben. Ein weiteres Ziel ist die Entführung von Israelis, bevorzugt Soldaten. Durch einen solchen Tunnel wurde 2006 auch der Grenzsoldat Gilad Schalit in das Palästinensergebiet verschleppt.

Ägypten und die Tunnel

Die im Grenzgebiet zu Ägypten gegrabenen Tunnel dienten jahrelang als Schmugglerwege und damit als „Lebensader“ des blockierten Palästinensergebiets. Mit der Entmachtung der mit der Hamas verbündeten Muslimbruderschaft vor einem Jahr begann Ägypten jedoch massiv gegen diese Tunnel vorzugehen und sie zu zerstören. Ägypten wirft der Hamas vor, zusammen mit der Muslimbruderschaft das Land zu destabilisieren.

Zerstörungsmöglichkeiten der Tunnel

Die Zerstörungsmöglichkeiten mit Luftangriffen seien begrenzt, betonte Israel vor Beginn der Bodenoffensive immer wieder. Die nach Israel führenden Tunnel würden meist erst im letzten Moment entdeckt, wenn die palästinensischen Kämpfer aus dem Ausgang herauskommen, erklärte der frühere Leiter des Einsatzkommandos der israelischen Streitkräfte, Israel Ziv. Es gebe auch ein ausgeklügeltes System mit Strom und Belüftung um die Tunnel herum. „Sobald man den Boden kontrolliert, kann man die Tunnel effektiv bekämpfen“, sagte er.

Barak Ben Zur, ehemaliger Leiter der Forschungsabteilung des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet, hält ein radikales Vorgehen Liebermans für eher unwahrscheinlich. „Bei früheren rechtsorientierten Regierungen in Israel war es immer so: Wenn es einen Konflikt zwischen Realität und Ideologie gab, hat letztlich der pragmatische Ansatz gesiegt“, erklärt er. Dies sei etwa bei dem ehemaligen Regierungschefs Ariel Scharon so gewesen. Reflexartige Reaktionen Israels wie Häuserzerstörungen würden wohl weitergehen, meint Ben Zur. Er rate jedoch von einer kollektiven Bestrafung jener ab, „die nicht aktiv an Terroranschlägen beteiligt sind“.

In Tel Aviv wollen die Menschen nach dem schockierenden Vorfall so schnell wie möglich zum Alltag zurückkehren. In den beiden betroffenen Cafés in Sarona sitzen am Morgen schon wieder einige Kunden. „Wir haben uns dieses Land ausgewählt“, sagt Kellner Scharabi. „Das Leben geht weiter, es muss einfach.“

Von

dpa

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