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13.10.2015

20:45 Uhr

Israels Innenpolitik

Wie bekämpft man Terroristen mit Küchenmessern?

Nach Bluttaten, bei denen auch Teenager und Frauen mit nichts anderem als einem Küchenmesser aufbrechen, ringt Israel um Antworten. Das neue Phänomen lässt sogar auch Palästinenser-Präsident Abbas ratlos zurück.

Israels Premierminister warnt die Terroristen. AFP

Benjamin Netanyahu

Israels Premierminister warnt die Terroristen.

JerusalemPassieren kann es überall: Ein junger Mann, ein Teenager oder auch eine junge Frau zieht ein scharfes Messer und stürzt sich auf die Umstehenden. Sticht auf sie ein, bis er oder sie gestoppt wird. Passieren kann es im städtischen Autobus, an der Bushaltestelle, in der Altstadt von Jerusalem oder anderswo im öffentlichen Raum in Israel. 

Sieben Israelis fielen dem neuen Terror seit Beginn dieses Monats zum Opfer. Dutzende weitere wurden verletzt. Fast 30 Palästinenser kamen ums Leben: als erschossene Attentäter, aber auch als Demonstranten im Westjordanland oder am Grenzzaun zum Gazastreifen, auf die die israelische Armee gelegentlich mit scharfer Munition schießt.

Als Auslöser der jüngsten Gewaltwelle gilt der Streit um die Zukunft des Tempelberg-Plateaus in Jerusalem, einer heiligen Stätte der Muslime und der Juden. Ausschlaggebend dürfte aber vor allem die Perspektivlosigkeit der palästinensischen Jugend in dem von Israel annektierten Ost-Jerusalem und im besetzten Westjordanland sein.

So viel kostet ein Terroranschlag

Die exakten Kosten...

... ... für Anschläge von Terrororganisationen sind schwierig zu bestimmen, wurden jedoch gerade als Folge von 9/11 von den Ermittlungsbehörden taxiert.

500.000 US-Dollar...

... haben demnach die Anschläge vom 11. September gekostet. Es ist die höchste Summe, die soweit bekannt, jemals für einen Terrorangriff ausgegeben wurde. Bereitgestellt wurde das Geld durch Überweisungen.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung...

... aus Sicht der Islamisten ist dabei gerade nach 9/11 perfekt aufgegangen. Den 500.000 investierten Dollars stehen direkte Kosten des Sachschadens 15,5 Milliarden US-Dollar gegenüber plus weitere Milliarden Belastungen der Haushalte durch den „Kampf gegen den Terror“ und gesamtwirtschaftliche Kosten, etwa für Fluglinien und Versicherungen.

Die Bombenanschläge auf Bali...

... mit mehr als 200 Todesopfern im Oktober 2002 kosteten die Terroristen deutlich weniger. So wird die Summe, die dafür aufgewendet wurde, mit 50.000 Dollar taxiert.

Die Anschläge von Madrid...

... vom 11. März 2004 auf Nahverkehrszüge, bei denen 192 Menschen starben, werden mit maximal 15.000 Dollar angegeben.

Extrem niedrige Kosten...

... für die Islamisten verursachten die Anschläge auf die U-Bahn in London im Juli 2005 mit mehr als 30 Toten zur Rushhour am 7. Juli 2005. Die vier Bomben, vier Rucksäcke, Handys und Zugtickets kosteten die Terroristen höchstens 2000 Dollar.

Diese Mikrofinanzierung...

... des Terrors macht es so schwierig, die Finanzströme mit den üblichen Kontrollen aufzudecken und zu stoppen. Das zentrale Mittel dieser Organisationen sind die selbstmordbereiten Attentäter, für deren individuellen und kollektiven Deradikalisierung aus Sicht von Experten zu wenig getan wird.

Quelle

German Institute of Global and Area Studies/Konrad-Adenauer-Stiftung/eigene Recherche

Nach rund 20 Terrorangriffen zeichnet sich für den Sicherheitskorrespondenten Amos Harel von der Tageszeitung „Haaretz“ ein recht klares Täterprofil ab: Bei fast allen handelte es sich um Teenager. Der jüngste war gerade mal 13 Jahre alt. Auch vier junge Frauen waren darunter.

Kaum jemand war mit einer militanten Organisation verbunden. Einige, aber nicht alle waren fromme Muslime. Und die meisten von ihnen waren Bewohner von Ost-Jerusalem mit israelischen Personalausweisen, was es ihnen - anders als den Palästinensern aus dem Westjordanland - ermöglichte, sich frei in ganz Israel und Jerusalem zu bewegen.

All dies erschwere es den israelischen Sicherheitskräften, die Attacken dieser „einsamen Wölfe“ abzuwehren, schreibt Harel. „Würde eine Flut von Razzien und Festnahmen wirklich etwas nutzen, wenn die „Infrastruktur des Terrors“ aus Teenagern besteht, die mit Küchenmessern bewaffnet sind?“, fragt er rhetorisch.

In der Zeit der viel opferreicheren Selbstmordattentate in den frühen 2000er-Jahren konnte das israelische Militär beim organisatorischen Hintergrund des Terrors ansetzen: bei den Bombenbau-Werkstätten, bei den Geldströmen der Geldgeber, bei den Hintermännern, die man ausforschte und gezielt tötete oder verhaftete.

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