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13.01.2016

18:12 Uhr

Istanbul

„Der Anschlag sollte ein Umdenken hervorrufen“

VonOzan Demircan

Nach dem Attentat in Istanbul bleibt die Frage, wem der Anschlag galt. Türkei-Experte Sinan Ülgen über das Versagen der Behörden, die Terrormiliz IS und die Auswirkungen des Angriffs.

Der türkische Premierminister Ahmet Davutoglu und seine Frau Sare legen in Istanbul Blumen nieder. dpa

Trauerbekundung

Der türkische Premierminister Ahmet Davutoglu und seine Frau Sare legen in Istanbul Blumen nieder.

Sinan Ülgen ist Leiter des Forschungszentrums für Ökonomie und Außenpolitik in Istanbul. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht er über die Anschläge in der Türkei und wem sie galten.

Herr Ülgen, wem galt der Anschlag, der Türkei oder Deutschland?
Vorrangig der Türkei. Der Anschlag zielte darauf ab, die Wahrnehmung der Türkei als sicheres Urlaubsland zu untergraben. Trotzdem glaube ich, dass die Wahl einer deutschen Reisegruppe als Anschlagsziel nicht zufällig gewesen ist. Man muss nur bedenken, welche neue Rolle Deutschland im Kampf gegen den IS spielt – und die Hauptrolle bei der Linderung der Flüchtlingskrise in Europa.

Wieso konnte die türkische Regierung den Attentäter diesmal derart schnell identifizieren?
Es ist wahrscheinlich, dass der Täter den Behörden vorher bekannt gewesen ist...

Ein solches Szenario könnte Syrien in noch mehr Gesetzlosigkeit und Unordnung stürzen.

Sinan Ülgen

Ein solches Szenario könnte Syrien in noch mehr Gesetzlosigkeit und Unordnung stürzen.

was den Angriff nicht verhindert hat…
…und daher auf ein Versagen der Behörden hinweist. Sicherheitskräfte scheinen der gewaltigen Herausforderung durch die vorherrschenden Schwachstellen im Land nicht gewachsen zu sein. Dazu zählt neben der Terrorgefahr auch die große Zahl Flüchtlinge, die die Türkei beherbergen will.

Wird die Türkei ihre Flüchtlingspolitik ändern?
Die Türkei vollzieht, in gewisser Weise ähnlich wie Deutschland, eine „Politik der offenen Tür“, was Flüchtlinge angeht. Allein, das Attentat von Istanbul hat deutlich gezeigt, welche Sicherheitslücken durch diese Politik hervorgerufen werden. Sie wird daher in den nächsten Wochen sicher hinterfragt werden. Es sollte nun aber nicht darum gehen, die Zahl derjenigen zu verringern, die in der Türkei Schutz suchen. Vielmehr muss die Politik verhindern, dass sich eine kleine Minderheit innerhalb der Flüchtlingspopulation radikalisiert. Hier liegt das eigentliche Problem.

Tödliche Anschläge in der Türkei (Chronik)

13. Mai 2016

Bei einer Sprengstoffdetonation in Diyarbakir kommen vier Menschen ums Leben. 15 werden verletzt. Die Tat wird der PKK zugeschrieben.

9. April 2016

Bei einem Bombenanschlag in Istanbul gibt es drei Verletzte. Wer hinter dem Anschlag steckt, ist unklar.

31. März 2016

Mindestens 7 Tote, rund 23 Verletzte – das sind die Opfer eines Anschlags in Diyarbakir, hinter dem die PKK vermutet wird. Bei den Opfern handelt es sich um Polizeibeamte.

19. März 2016

Bei einem Bombenanschlag in Istanbul sterben mindestens fünf Menschen, etwa 36 werden verletzt. Bei den Opfern handelt es sich um Passanten in einer Einkaufsstraße. Hinter dem Anschlag steckt vermutlich der IS.

13. März 2016

Bei einem weiteren verheerenden Autobomben-Anschlag in der türkischen Hauptstadt Ankara sind am 13. März 37 Menschen ums Leben gekommen. Kurz darauf flog die türkische Luftwaffe Angriffe auf PKK-Stellungen im Nordirak – die Regierung zufolge gehörte die Selbstmordattentäterin zu der verbotenen Partei.

Februar 2016

Am 17. Februar hat in Ankara ein Selbstmordattentäter 28 Menschen in den Tod gerissen. Inzwischen hat sich die militante Organisation Freiheitsfalken Kurdistans (TAK) – eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK – zu der Tat bekannt.

Januar 2016

Bei einem Anschlag im historischen Zentrum Istanbuls werden elf Deutsche getötet. Der Angreifer sprengt sich mitten in einer deutschen Reisegruppe in der Umgebung der Hagia Sophia und der Blauen Moschee in die Luft. Der Attentäter gehörte nach Angaben der türkische Regierung der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) an.

September 2015

Bei einem Bombenanschlag in Igdir in der Osttürkei werden zwölf Polizeibeamte getötet. Zuvor starben bei einem Angriff der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und Gefechten im südosttürkischen Daglica in der Provinz Hakkari 16 Soldaten.

August 2015

Bei einem Bombenanschlag und einem anschließenden Angriff auf eine Polizeiwache in der Millionenmetropole Istanbul werden mindestens vier Menschen getötet. Zwei Frauen greifen zudem das US-Konsulat an, eine wird festgenommen. Sie soll Mitglied der linksextremen Terrororganisation DHKP-C sein.

Juli 2015

Im südtürkischen Grenzort Suruc reißt ein Selbstmordattentäter 33 pro-kurdische Aktivisten mit in den Tod. Die Behörden machen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich, die sich allerdings nie zu der Tat bekennt.

Juni 2015

Zwei Tage vor der türkischen Parlamentswahl verüben Unbekannte in der südosttürkischen Kurden-Metropole Diyarbakir einen Sprengstoffanschlag auf eine Veranstaltung der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP. Mindestens vier Menschen sterben. Die türkische Regierung macht den IS verantwortlich.

Mai 2013

Bei der Explosion zweier Autobomben in der Grenzstadt Reyhanli werden mehr als 50 Menschen getötet. Die Regierung beschuldigt türkische Linksextremisten mit Kontakten zum Regime im benachbarten Syrien.

September 2011

Drei Menschen sterben in der türkischen Hauptstadt Ankara, als im Regierungsviertel eine Bombe explodiert. Eine Splittergruppe der PKK bekennt sich zur Tat.

Welchen Einfluss hat der Anschlag auf die türkische Syrienpolitik?
Der Anschlag sollte ein Umdenken in Ankara hervorrufen. Ich glaube aber nicht daran. Die Regierung wird weiterhin einen Regimewechsel in Syrien vorantreiben, genauso wie den Kampf gegen den IS. Darüber hinaus versucht die Türkei, den Einfluss syrischer Kurden in dem Land gering zu halten. Diese Ziele stehen jedoch in Konflikt miteinander. Die Entmachtung des syrischen Machthabers Assads wird nicht den IS beseitigen. Im Gegenteil: Ein solches Szenario könnte Syrien in noch mehr Gesetzlosigkeit und Unordnung stürzen. Das würde dem IS sogar noch helfen. Im Idealfall sollte Ankara dem Kampf gegen den IS absolute Priorität geben. Alles weitere ist nachrangig.

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