Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.01.2016

13:13 Uhr

Istanbul und der Anschlag

Wenn sich die Kriegszone brutal ausweitet

VonRüdiger Scheidges

Brutal, unkontrollierbar und symbolisch: Der Anschlag in Istanbul vor der Hagia Sofia ist eine Kriegserklärung gegen die Freundschaft zwischen Zivilisationen. Mit einem fürchterlichen Signal.

Abgesperrter Tatort in Istanbul: Mindestens zehn Menschen sind durch die Explosion ums Leben gekommen. dpa

Anschlag in Istanbul

Abgesperrter Tatort in Istanbul: Mindestens zehn Menschen sind durch die Explosion ums Leben gekommen.

Neben dem blanken, tödlichen Terror hat der Anschlag in Istanbul extrem hohen Symbolgehalt. Er fand just vor der Hagia Sophia statt, dem glorreichen Monument der Christenheit, das zur Moschee und dann zum Museum wurde. Nirgendwo sonst könnte eine Annäherung der Religionen und Zivilisationen so tiefgründig angeregt und symbolisiert werden wie hier. Aber eben genau deshalb folgt die Zerstörung dieser Annäherung. Der Anschlag ist eine Kriegserklärung gegen die (schwierige) Freundschaft zwischen Zivilisationen.

Neben den menschlichen Opfern soll das Attentat dreimal treffen: Die Türkei, die sich lange Zeit dem Wahn hingab, die Henkersknechte des IS gegen die Kurden instrumentalisieren zu können, nur um sie dann zu bekämpfen. Dann die Deutschen, die jetzt aus der Türkei mit Tornados in den Syrien-Krieg eingreifen. Und schließlich den Tourismus, den effektivsten und leichtfüßigsten Weg der Annäherung der Kulturen und zugleich der effektivste Wirtschaftsfaktor für viele, gerade auch muslimische Länder.

Rüdiger Scheidges ist Handelsblatt-Korrespondent in Berlin.

Rüdiger Scheidges ist Handelsblatt-Korrespondent in Berlin.

Unterm Strich: Wir erleben auf brutalste Weise die Ausweitung der Kampf-, ja der Kriegszone mitten in unsere Zivilgesellschaften. Es ist der Terror ohne Grenzen, der sich nationalen Bekämpfungsstrategien entzieht und sich eine Palette unterschiedlichster Tatorte verschafft: Ob Hagia Sophia, das Bataclan, ein deutsches Fußballstadion, ein Baderessort in Tunesien, eine Ferieninsel in Indonesien: Unter dem Dach der Terrororganisation mit angehängtem Staatsterritorium IS soll die Weltkarte zu einer kargen Mondatlas des Schreckens werden. Für den Westen soll die Welt unwirtlich werden.

Tödliche Anschläge in der Türkei (Chronik)

Oktober 2016

Am 6. Oktober begeht die TAK einen Bombenanschlag in Istanbul. Auch die PKK attackiert türkische Polizisten in Hakkari. Am 14. Oktober kommt es zu einem Raketenangriff auf die Touristenprovinz Antalya. Der letzte Anschlag ist bisher ungeklärt.

September 2016

Auch im folgenden Monat schlägt die PKK mehrmals zu: mit einer Autobombe in der türkischen Stadt Van sowie mehreren weiteren Bombenanschlägen in der Südosttürkei sowie in Mardin.

August 2016

Am 17. August begeht die kurdische Terrororganisation PKK einen Anschlag auf ein Polizeihauptquartier in Elazig. Wenige Tage später kommt es zu einer Attacke ebenfalls auf eine Polizeistation in Cizre, für die auch die PKK verantwortlich gemacht wird.

Februar 2016

Die kurdisch-sozialistische Terrororganisation TAK (deutsch: Freiheitsfalken Kurdistans) begeht einen Bombenanschlag auf ein Militärfahrzeug in Ankara. In den folgenden Monaten tritt die Gruppe mehrfach in Erscheinung: Sowohl im März als auch im Juni und Oktober 2016 legen die Terroristen erneut Bomben in Istanbul, Ankara und Midyat.

Oktober 2015

Am Rande einer regierungskritischen Demonstration in der Hauptstadt Ankara reißen zwei Sprengsätze mehr als 100 Menschen in den Tod. Die Staatsanwaltschaft macht die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich.

Quelle: dpa

September 2015

Bei einem Bombenanschlag in Igdir in der Osttürkei werden zwölf Polizeibeamte getötet. Zuvor starben bei einem Angriff der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und Gefechten im südosttürkischen Daglica in der Provinz Hakkari 16 Soldaten.

August 2015

Bei einem Bombenanschlag und einem anschließenden Angriff auf eine Polizeiwache in der Millionenmetropole Istanbul werden mindestens vier Menschen getötet. Zwei Frauen greifen zudem das US-Konsulat an, eine wird festgenommen. Sie soll Mitglied der linksextremen Terrororganisation DHKP-C sein.

Juli 2015

Im südtürkischen Grenzort Suruc reißt ein Selbstmordattentäter 33 pro-kurdische Aktivisten mit in den Tod. Die Behörden machen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich, die sich allerdings nie zu der Tat bekennt.

Juni 2015

Zwei Tage vor der türkischen Parlamentswahl verüben Unbekannte in der südosttürkischen Kurden-Metropole Diyarbakir einen Sprengstoffanschlag auf eine Veranstaltung der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP. Mindestens vier Menschen sterben. Die türkische Regierung macht den IS verantwortlich.

Mai 2013

Bei der Explosion zweier Autobomben in der Grenzstadt Reyhanli werden mehr als 50 Menschen getötet. Die Regierung beschuldigt türkische Linksextremisten mit Kontakten zum Regime im benachbarten Syrien.

September 2011

Drei Menschen sterben in der türkischen Hauptstadt Ankara, als im Regierungsviertel eine Bombe explodiert. Eine Splittergruppe der PKK bekennt sich zur Tat.

Es liegt deshalb auf der Hand: Nationalstaaten, nationale Sicherheitskräfte mögen zwar auf heimischem Territorium mit großer Anstrengung für mehr Sicherheit sorgen können. Doch das eigentliche Ziel: Die Sicherheit der ihnen anvertrauten Bürger können sie im Zeichen des asymmetrischen Krieges, der die Fronten auflöst und die Kampfzonen in die Zivilgesellschaft verlegt, nicht mehr gewährleisten. Die hilflose westliche, jetzt überall leicht verwundbare Demokratie soll den Nimbus der westlichen Übermacht verlieren. Das ist das fürchterliche Signal, das von dem Anschlag in Istanbul ausgehen soll: Wir sind alle verwundbar.

Terror in Istanbul

Auswärtiges Amt rät: Meiden Sie Tourismus-Attraktionen!

Terror in Istanbul: Auswärtiges Amt rät: Meiden Sie Tourismus-Attraktionen!

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Kommentare (20)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Vinci Queri

13.01.2016, 13:26 Uhr

>> Wenn sich die Kriegszone brutal ausweitet >>

Deutschland hat bekanntlich keine kriegerischen Ausseinandersetzungen im Nahen Osten vollzogen, verursacht und an denen auch nicht Teil genommen.

Dann zog Deutschland, mit ihren wild gewordenen Muttis, in den Krieg:

zuerst mit Installationen von PRO-Abwehrsystemen in der Türkei,

dann mit Waffenlieferungen an die Peschmerga-Kurden,

anschliessend mit Stationierung von Tornados in der Türkei und deren Einsatz in Syrien ( ohne Uno-Mandat, Bundestag-Mandat, Syrien-Mandat ).

Damit hat sich Deutschland zum KRIEGSTEILNEHMER gemacht !!!

Und Deutschland muss mit Kriegsmethoden wie "TERRORANSCHLÄGE" von den Seiten, denen sie auf die Füsse getreten hat, auch rechnen !

Die Opfer in Istanbul hat die Deutsche Regierung mit ihrer ( unnötigen, überflüssigen, nichtsbringenden ) kriegerischen Massnahmen bewußt in Kauf genommen !



Sergio Puntila

13.01.2016, 13:35 Uhr

Weiter wird Politik versuchen Probleme zu lösen, die ohne sie garnicht erst entstanden wären

Herr Ciller Gurcae

13.01.2016, 13:40 Uhr

Deutschland hat, im Auftrage der Frau Merkel, den IS angegriffen. Natürlich ohne Kriegserklärung, wie heute allgemein üblich. Das ist ein Staat, ob es einem nun paßt, oder nicht.

Den Krieg kann man vertreten, aber man muß damit rechnen, daß sich die Angegriffenen auch wehren. Und die wehren sich dann so, daß es uns schadet.

Ich sehe auch nicht ein, daß einerseits Deutschland Kriege führt (gegen afghanische Bauern, gegen fundamentalistische Moslems, gegen Tuaregs und Malineger in Kürze) und dennoch der Deutsche meint oder meinen soll, daß immer nur Urlaub und Spaß wichtig.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×