Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.08.2013

19:59 Uhr

Italien

Berlusconi-Tochter will Cavaliere nicht beerben

Die als Nachfolgerin für die Spitze der Berlusconi-Partei PdL ins Gespräch gebrachte Marina Berlusconi lehnt den Eintritt in die Politik ab. Sie wolle allen Spekulationen ein Ende bereiten.

Silvio Berlusconis Tochter, Marina Berlusconi, sagt der Politik ab. Sie hatte schon früher politische Ambitionen bestritten. Reuters

Silvio Berlusconis Tochter, Marina Berlusconi, sagt der Politik ab. Sie hatte schon früher politische Ambitionen bestritten.

MailandDie rechtspopulistische italienische Partei Volk der Freiheit (PdL) wird aller Voraussicht nach kein Erbhof der Familie Berlusconi. Marina Berlusconi trat am Dienstag Spekulationen über einen Wechsel in die politischen Fußstapfen ihres Vaters Silvio entgegen. „Ich muss einmal mehr und kategorisch unterstreichen, dass ich einen Einstieg in die Politik niemals erwogen habe“, erklärte die Tochter des früheren Ministerpräsidenten. Sie hoffe, damit allen Spekulationen ein Ende bereiten zu können. Sie werde nicht in die Führung der Partei einziehen.

Die 47-Jährige war mehrmals als mögliche Nachfolgerin ihres Vaters an der Spitze der PdL genannt worden. Zu den Medien, die sie auf der Titelseite als Parteichefin handelten, gehörte auch die von ihrem Onkel geleitete Zeitung „Il Giornale“. Die mit einem ehemaligen Tänzer der Mailänder Scala verheiratete Mutter zweier Kinder hatte schon bei früherer Gelegenheit politische Ambitionen bestritten.

Spekulationen über einen Wechsel in die Politik wurden genährt, weil ihrem rechtskräftig wegen Steuerhinterziehung verurteilten Vater ein mehrjähriges Politikverbot droht. Der Oberste Gerichtshof hatte den 76-Jährigen in letzter Instanz zu vier Jahren Haft verurteilt, von denen er ein Jahr verbüßen muss. Entweder steht in einer seiner Villen unter Hausarrest, oder er leistet die Strafe in Form gemeinnütziger Arbeiten ab.

Die Gerichtsprozesse des Cavaliere

Es ist nicht Berlusconis erstes Mal vor Gericht

In zahlreichen andere Verfahren gelang es dem heute 76-jährigen Politiker und Medienunternehmer immer wieder, den Fängen der Justiz zu entkommen. Er wurde entweder freigesprochen oder die gegen ihn gefällten Urteile wurden später wieder aufgehoben beziehungsweise wegen Verjährung nicht rechtskräftig.

1994

Bestechung von Finanzbeamten: Verurteilung 1997 in erster Instanz zu 33 Monaten Gefängnis. Freispruch im Berufungsverfahren im Jahr 2000, zum Teil wegen Verjährung, bestätigt ein Jahr später durch das Revisionsgericht.

1995

Bilanzfälschung: Angeklagt, mit Hilfe schwarzer Kassen den Fußballer Gianluigi Lentini für seien Klub AC Mailand eingekauft zu haben, profitiert Berlusconi 2002 dank eines von seiner Partei im Parlament verabschiedeten Gesetzes erneut von der Verjährungsregelung.

Steuerbetrug beim Kauf einer Luxusvilla in Macherio bei Mailand: verjährt.

Bilanzfälschung beim Erwerb der Filmgesellschaft Medusa. Berlusconi wird 1997 in erster Instanz zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt. Freispruch im Berufungsverfahren im Jahr 2000, ein Jahr später in der Revision bestätigt.

Illegale Finanzierung der Sozialistischen Partei (PSI) über die Tarnfirma All Iberian. 1998 Verurteilung zu 28 Monaten Haft. Freispruch im Berufungsverfahren ein Jahr später, im Jahr 2000 Bestätigung durch das Revisionsgericht.

1996

Anklage wegen Bilanzfälschung im Zusammenhang mit der Affäre All Iberian. Freispruch 2005.

1998

Richterbestechung, um den Erzrivalen Carlo de Benedetti am Kauf des halbstaatlichen Lebensmittelunternehmens SME zu hindern. Der Kassationsgerichtshof spricht Berlusconi 2007 in letzter Instanz frei.

2012

Steuerbetrug rund um Berlusconis Medienimperium Mediaset. Verurteilung zu vier Jahren Gefängnis und fünf Jahren Amtsverbot. Wegen einer allgemeinen Amnestie wird die Haftstrafe aber sofort auf ein Jahr verkürzt.

März 2013

Beihilfe zur Veröffentlichung vertraulicher Informationen zu einem Finanzskandal im Jahr 2005. Verurteilung in erster Instanz zu einem Jahr Haft.

Juni 2013

Berlusconi wird wegen Begünstigung der Prostitution Minderjähriger und Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Haft verurteilt. Zudem darf er nach dem von einem Gericht in Mailand verkündeten Urteil im sogenannten Rubygate-Prozess keine öffentlichen Ämter mehr bekleiden. Das Urteil wird jedoch erst vollstreckt, wenn die Revisionsmöglichkeiten ausgeschöpft sind.

1. August 2013

Das Kassationsgericht in Rom bestätigt im sogenannten Mediaset-Prozess die von den Vorinstanzen verhängte auf ein Jahr reduzierte Haftstrafe. Die Verurteilung zu einem fünfjährigen Verbot der Ausübung öffentlicher Ämter wird jedoch zur erneuten Verhandlung nach Mailand zurückverwiesen.

Von der Entscheidung über das Politikverbot für Berlusconi hängt das Schicksal der zerstrittenen Koalition aus der linksliberalen Demokratischen Partei (PD) und der PdL ab. In beiden Parteien gibt es Bestrebungen, das Bündnis aufzukündigen. Die Regierung von Ministerpräsident Enrico Letta hat es mit der schwersten Rezession seit 1945 und einer hohen Arbeitslosigkeit zu tun.

Berlusconis älteste Tochter leitet Fininvest, die den Medienkonzern Mediaset, das Verlagshaus Mondadori und den Fußballverein AC Mailand kontrolliert. Das Familienimperium wird auf 4,9 Milliarden Euro geschätzt. Für das Magazin „Forbes“ gehört sie zu den mächtigsten Frauen der Welt. Marina Berlusconi wird von Weggefährten als harte und fordernde Unternehmerin beschrieben.

Auch ihr Vater bestritt in den 90er Jahren zunächst politische Ambitionen, trat dann aber doch erfolgreich für das Amt des Ministerpräsidenten an. Im Nachbarland Frankreich ist Marine Le Pen als Nachfolgerin ihres Vaters Jean-Marie Chefin des rechtsextremen Partei Front National geworden.

Von

rtr

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

13.08.2013, 20:52 Uhr

Diese fast zwangsläufig "Erbfolge" - nicht nur in diesem Fall, wo sie ausnahmsweise mal vorläufig ausgeschlagen wurde, sondern auch in anderen in anderen Ländern - ist doch überaus interessant, da wir doch in unserer modernen Gesellschaft angeblich über diese mittelalterlichen Gepflogenheiten der Erbfolge hinausgewachsen sind.

Nach langen Zeiten ohne Eliten-Umbrüche bilden sich eben (auch unter dem Deckmantel angeblicher Demokratie) zumindest Oligarchien-Stränge aus, aus denen dann möglicherweise die einfluchtsreichste "Familie" als Dynastie hervorgeht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×