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18.01.2008

20:30 Uhr

Italien

Legal, illegal – das ist nicht egal

VonKatharina Kort

Pflegenotstand? In Italien ist das kein Thema mehr. Während in Deutschland die große Koalition noch über eine Pflegereform streitet, hat der Nachbar seine Probleme mit der häuslichen Pflege bereits gelöst: Aus Schwarzarbeitern wurden legale Pflegekräfte.

Die "legalisierten" Pflegekräfte sind für das italienische Sozialsystem unverzichtbar. Foto: AP ap

Die "legalisierten" Pflegekräfte sind für das italienische Sozialsystem unverzichtbar. Foto: AP

CASAGLIA. Langsam führt Nadia Kuz den Löffel zum Mund von Franco Giovagnoni. Es gibt Gemüsebrei und gestückelte Pasta. Draußen hat sich Dunkelheit über die Hügel Umbriens gelegt. Im Kamin knistern drei Holzscheite. Zugedeckt mit einer Decke sitzt Giovagnoni in seinem Sessel mit Blick auf den Fernseher. Dort läuft „Wer wird Millionär?“

Nadia Kuz, 35, aus der Ukraine ist an diesem Freitagabend Giovagnonis einzige Gesellschaft. Der Rest der Familie – Tochter, Schwiegersohn und Sohn – sind ausgegangen. Kuz streicht dem 83-Jährigen die dünnen Haare zurück. „Schmeckt es dir?“ fragt sie liebevoll. Giovagnoni schaut die junge Frau mit ihren kurzen, rötlichen Haaren und den goldenen Ohrringen fragend an und öffnet erneut den Mund. Er leidet seit Jahren an Alzheimer.

Seit sieben Jahren lebt Nadia Kuz in Italien, seit zwei Jahren kümmert sie sich in Casaglia, zehn Kilometer von Perugia, um Giovagnoni. Es ist nicht ihr erster Job als „Badante“, als „Hüterin“ – oder de facto: Altenpflegerin. Aber es ist das erste Mal, dass sie legal arbeiten darf. Seit dem Sommer hat sie einen offiziellen Arbeitsvertrag: 800 Euro monatlich plus Kost und Logis. Die Familie zahlt noch 120 Euro Beiträge für die Renten-, Kranken- und Unfallversicherung. Eineinhalb Tage die Woche hat sie frei.

In Deutschland, einem Land im „Pflegenotstand“ mit seinen 2,1 Millionen Pflegebedürftigen, brütet die Große Koalition über einer Pflegereform und streitet über Beitragserhöhungen, Pflegestützpunkte und „humanere Pflege“. Italien hat einfach und radikal gehandelt – und sein Problem mit der häuslichen Pflege gelöst: Es hat einfach den Status der illegalen Pflegekräfte, die ehe zu Tausenden im Land arbeiteten, legalisiert.

Rund 400 000 Menschen arbeiten nach Angaben der italienischen Rentenanstalt INPS als „Badante“. Für das italienische Sozialsystem sind sie unverzichtbar: „Ohne sie bräche unser Sozialstaat zusammen“, sagt Gesundheitsministerin Rosy Bindi.

Die eigene Geschichte machte es Italien leicht, die Illegalen zu integrieren. Verträge für Arbeitskräfte im Haushalt gibt es in Italien bereits seit den 70er-Jahren. „Damals waren es die Frauen aus der Provinz, die zum Arbeiten in die Großstädte kamen“, sagt Teresa Benvenuto, Generalsekretärin des Verbandes der Arbeitgeber von Hausangestellten. „Heute kommen sie vorwiegend aus der Ukraine, aus Moldawien und Russland.“

Italien hat für Hausangestellte Einwanderungsquoten eingeführt. 2007 erhielten 65 000 Nicht-EU-Bürger eine Arbeitserlaubnis – eine von ihnen war Nadia Kuz. Hinzu kommen bilaterale Verträge mit Ländern wie Albanien, Moldawien, Sri Lanka, Marokko und Tunesien.

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