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05.12.2016

15:20 Uhr

Italien und Flüchtlingskrise

Das Geschäft mit etwas Hoffnung und sehr viel Tod

VonMathias Brüggmann

Das Referendum ist entschieden. Doch viele Italiener treibt ohnehin vor allem die Flüchtlingsfrage um. In Sizilien kommen immer mehr Menschen aus Afrika an und Italien ist es nicht gelungen, die EU zu Solidarität bei der Verteilung der Geflüchteten zu bewegen. Das Land fühlt sich im Stich gelassen. Eine Reportage aus Catania und Rom.

Ein Einsatz zwischen Leben und Tod für die Retter. dpa

Sinkendes Flüchtlingsboot im Mittelmeer

Ein Einsatz zwischen Leben und Tod für die Retter.

Catania/RomFlüchtlinge? Alessio Morelli, malt das Wort nochmal mit seinen Lippen nach. „Mit Flüchtlingen habe ich zu tun seit ich 1998 erstmals für die Küstenwache zur See fuhr. Erst die Albanien-Krise mit den vielen Flüchtlingen, die nach Italien kamen. Dann 2006 mein erster Frontex-Einsatz vor Senegal, 2008 die Rettungseinsätze vor Patmos und Lesbos, später um Lampedusa und jetzt hier in Sizilien.“

Morelli, Jahrgang 1972, ist Kommandant der „Luigi Dattilo CP940“, einem 94,5 Meter langen Schiff der italienischen Küstenwache. Doch mehr und mehr wird das 17 Knoten schnelle Schiff zum Seenotrettungskreuzer. „25.000 Menschen haben wir allein mit unserem Boot in den letzten Monaten aus dem Mittelmeer gerettet“, berichtet der Kapitän in seiner Kommandozentrale, die in tiefrotes Schummerlicht getaucht ist. Blutrot kommt einem in den Sinn als der Kommandant Bilder und Filme zeigt, wie er und seine Crew Afrikaner auf absaufenden Schlauchbooten in letzter Minute vor dem sicheren Tod retten.

Sein Schiff wird mehr und mehr zum Seenotrettungskreuzer. Mathias Brüggmann

Alessio Morelli

Sein Schiff wird mehr und mehr zum Seenotrettungskreuzer.

Es ist ein grausamer Job, der dem Kommandeur der Luigi Dattilo viel abverlangt. Bilder von im Brackwasser treibenden Toten bekommt er nicht mehr aus dem Kopf. Manchmal aber kann sich die Crew von CP940 auch freuen: Etwa als das Team hunderte Flüchtlinge, die Schiffe von europäischen Freiwilligen-Organisationen aus dem Mittelmeer gefischt und der italienischen Küstenwache übergeben hatten, in den sizilianischen Hafen Catania brachte. Und auf der Überfahrt drei Kinder geboren wurden.

Ein Einsatz zwischen Leben und Tod. An Bord hat das Schiff eine Kühlkammer – für eigentlich bis zu sechs Tote. Aber im Extremfall musste Morelli schon die doppelte Anzahl Leichen dort verstauen.

Wie brutal die Lage ist, machen auch die Maschinenpistolen klar, die Morelli an Bord hat. „Die zücken wir, wenn Schlepper auf Holzbooten versuchen, die von uns aufgebrachten Gummiboote zurückzubekommen, um sie nochmal für ihr kriminelles Geschäft des Flüchtlingsschmuggels einzusetzen“, berichtet der Kapitän mit den todmüden Augen. Seit die Balkanroute durch Zäune und das EU-Abkommen mit der Türkei die Ägäis-Route weitgehend versperrt sind, ist die Überfahrt über das Mittelmeer zur zentralen Fluchtroute in die Festung Europa geworden.

Was treibt Flüchtlinge nach Europa?

Syrien

Die Syrer stellen die größte Gruppe; 2014 kamen nach Angaben der Grenzschutzagentur Frontex 66 700. Millionen Syrer sind auf der Flucht vor einem extrem brutal ausgetragenen Religions- und Bürgerkrieg; viele sind Flüchtlinge im eigenen Land oder gingen in die Türkei und den Libanon.

Eritrea

Das Land am Horn von Afrika gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Präsident Isaias Afwerki regiert seit 1993 mit eiserner Faust. Oppositionelle werden ermordet oder inhaftiert. Viele junge Menschen fliehen vor dem Militärdienst. Laut Frontex nahmen 2014 rund 34 300 Menschen aus Eritrea das Risiko einer Überfahrt auf sich.

Afghanistan

Nach vielen Jahren Bürgerkriegs liegen Infrastruktur und Wirtschaft des Vielvölkerstaats am Boden. Industrie gibt es kaum. Dafür floriert der Drogenhandel und die Taliban sind unbesiegt. Viele Afghanen sehen daher keine Zukunft in ihrer Heimat.

Mali

Die 16 Millionen Einwohner des armen Wüstenstaates kämpfen um das tägliche Überleben. Nach einem Militärputsch hatten Islamisten 2012 den Norden erobert und waren erst von einer internationalen Truppe zurückgeworfen worden. Die Sicherheitslage bleibt prekär und die Korruption hemmt die Entwicklung.

Nigeria

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram hat in Teilen des Nordostens einen Gottesstaat ausgerufen. Ihre Angriffe kosteten Tausende das Leben. 1,5 Millionen Menschen flohen vor der Miliz in andere Landesteile oder ins Ausland. Mehr als die Hälfte der Einwohner des potenziell reichen Landes lebt in extremer Armut.

Alle Wege führen nach Rom, lautet ein altes Sprichwort. Nun bewahrheitet es sich wieder einmal in tragischer Weise. Denn das Geschäft mit ein wenig Hoffnung, das aber sehr viel Tod produziert und das Mittelmeer zum Massengrab macht, wird immer brutaler.

27 Schiffe hat Europas Grenzschutz Frontex momentan im Mittelmeer im Einsatz, hinzu kommen italienische und andere nationale Schiffe wie die Luigi Dattilo, Hubschrauber, Drohnen, Flugzeuge, abkommandierte Beamte aus EU-Mitgliedstaaten. Sie sollen die EU abriegeln, den Schleppern das Handwerk legen. Aber statt abzuschrecken, machen sich inzwischen immer mehr Menschen auf den lebensgefährlichen Weg über das Mittelmeer.

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