Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.04.2014

15:52 Uhr

Italien und Venetien

Alle Wege führen weg von Rom

VonRegina Krieger

Venetien im Norden Italiens hat die Nase voll vom räuberischen Rom: Die in der Hauptstadt verprassen unser Geld, sind faul und tun nichts gegen zu viele Ausländer, heißt es dort. Teil vier der Separatisten-Serie.

Venedig ist vergleichsweise reich – und will an Rom kein Geld mehr überweisen. AFP

Venedig ist vergleichsweise reich – und will an Rom kein Geld mehr überweisen.

„Katalonien ist meine Heimat. Und Katalonien ist nicht Spanien.“ Pep Guardiola, der Trainer von Bayern München, ist wohl der bekannteste Spanier, der sich für die Abspaltung Katalonien von Spanien einsetzt. Doch die Katalanen sind nicht die einzigen, die unabhängig sein wollen: Nicht von Europa, aber von ihrem Land. Handelsblatt Online zeigt, in welchen Ländern Europas es Separatistenbewegungen gibt und warum. Lesen Sie heute den vierten und letzten Teil der Serie von unserer Korrespondentin Regina Krieger.

„Willst Du, dass das Veneto eine föderale, unabhängige und souveräne Republik wird?“ 89 Prozent der Teilnehmer eines Online-Referendums antworteten mit ja, exakt 2,1 Millionen von 2,36 Millionen Menschen, die mitgemacht haben. Deutlich weniger, aber immerhin noch mehr als die Hälfte wollte dazu, dass die neue Republik Venedig in der EU und in der Nato bleibt und den Euro behält.

Die Ergebnisse machten Schlagzeilen, auch weil sie an dem Tag veröffentlicht wurden, als die Welt auf die Krim schaute. Doch so schnell wird es einen unabhängigen Staat im Nordosten Italiens nicht geben. Die Online-Umfrage, vorangetrieben von einer Bürgerbewegung, die der Lega Nord nahesteht, hat keinerlei juristische Bindung und zudem sind die Zahlen nicht zu überprüfen. Ein Journalist des „Corriere della Sera“ berichtete, er habe mindestens 20 Mal abgestimmt und als Name einfach historische Personen angegeben. Und als vor ein paar Tagen 24 Sezessionsanhänger wegen des Verdachts auf Terrorismus, Umsturz und der Herstellung von Kriegswaffen verhaftet wurden, war die öffentliche Meinung in Italien trotz eines Aufmarsches in Verona am Sonntag deutlich auf der Seite des römischen Staats.

Konjunkturaussichten für die Euro-Länder

Spanien

Spanien könnte 2014 wieder um ein Prozent wachsen. Die Arbeitslosigkeit soll jedoch mit 25,7 Prozent hoch bleiben. Das Haushaltsdefizit wird auf 5,8 Prozent der Wirtschaftsleistung geschätzt.

Frankreich

Frankreichs Wachstum dürfte 2014 mit 1,0 Prozent unter dem Durchschnitt der Euro-Zone bleiben. Die Arbeitslosigkeit soll auf elf Prozent steigen.

Griechenland

Die griechische Wirtschaft soll 2014 erstmals seit sechs Jahren wieder um 0,6 Prozent wachsen. Trotz der erwarteten Besserung dürfte die Arbeitslosigkeit mit 26 Prozent vergleichsweise hoch bleiben. Bei der Verschuldung werden 177 Prozent der Wirtschaftsleistung erwartet.

Italien

Italiens Wirtschaft soll 2014 um 0,6 Prozent wachsen. Die Arbeitslosigkeit dürfte hingegen auf einen Rekord von 12,6 Prozent klettern. Der Schuldenstand bleibt hartnäckig hoch: 2015 soll er mit 132,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts leicht unter dem diesjährigen Niveau liegen.

Zypern

Um 4,8 Prozent soll das Bruttoinlandsprodukt einbrechen. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf den Rekordwert von 19,2 Prozent steigen.

Portugal

Für Portugal erwartet die EU-Kommission 2014 ein Wachstum von 0,8 Prozent. 2015 soll die Arbeitslosenquote mit 16,5 Prozent einen Tick unter den diesjährigen Wert fallen. Der Schuldenstand dürfte nach dem Rekordwert von 129,4 Prozent im vorigen Jahr bis 2015 wieder auf 125,8 Prozent zurückgehen.

Irland

Irlands Wirtschaft dürfte 2014 mit 1,8 Prozent deutlich stärker wachsen als der gesamte Währungsraum. Bis 2015 soll die Arbeitslosenquote auf 11,2 Prozent fallen, nachdem sie 2013 noch bei 13,1 Prozent lag. Das Defizit soll 2015 auf 4,3 Prozent sinken.

Quelle

EU-Kommission

Zwei Gründe gibt es für die neue Sezessionsbewegung, die eng miteinander verwoben sind: einen ökonomischen und einen innenpolitischen. Die Unzufriedenheit des Nordens mit der Regierung in Rom hat in Krisenzeiten noch zugenommen. „Roma ladrona“, Rom, die Räuberin – das war und ist der Schlachtruf der Lega Nord. Die in der Hauptstadt verprassen unser Geld, sind faul und tun nichts gegen zu viele Ausländer in Italien, hieß es.

Die Finanzkrise traf auch das reiche Veneto, Stammland zum Beispiel der Familie Benetton. 20.000 Unternehmen haben dort seit 2008 dichtgemacht, die Arbeitslosenrate ist mit 7,7 Prozent zwar niedrig für Italien, aber ein neuer Rekord für die hochindustrialisierte Region im Norden. Vor allem die kleinen und mittelgroßen Betriebe, die das Rückgrat der italienischen Wirtschaft sind, leiden unter der hohen Steuerlast und der Kreditklemme.

„Die Ergebnisse der Umfrage spiegeln glaubwürdig den wachsenden Frust über Rom wider“ sagt Ilvo Diamanti, Chef des Meinungsforschungsinstituts Demos. Für den Soziologen, selbst aus dem Nordosten, gibt es bei dem Unabhängigkeitsbestreben keine „ethnische Komponente“. Er hält den Hass auf „den ausbeuterischen Bürokratenstaat“ in Rom und Brüssel für das Motiv.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

11.04.2014, 17:19 Uhr

Widersprechen muss man der Behauptung „…und in Bozen plant Maurizio Fugatti, einen „Freien Staat Südtirol“ zu schaffen in Zusammenarbeit mit den Südtiroler Freiheitlichen.“ Dies unglückliche Formulierung hat mit der Realität in Südtirol überhaupt nichts zu tun. Herr Fugatti ist Parteichef der Lega Nord in der Provinz Trient, er kann daher für die Provinz Bozen (Südtirol) nichts planen. Wohl aber habe die drei separatistischen Parteien Südtirols (Die Freiheitlichen, Süd-Tiroler Freiheit, Bürgerunion) bei der jüngsten Landtagswahl gemeinsam 27,5 Prozent der Stimmen erhalten. Die Freiheitlichen setzen sich für einen Freistaat (gemeint ist ein souveräner Staat) Südtirol ein, die Süd-Tiroler Freiheit würde die Wiedervereinigung Tirols innerhalb von Österreich bevorzugen nach dem Motto "Was für Deutschland möglich war, muss auch für Tirol möglich sein". Meinungsumfragen deuten auf eine Mehrheit für die Sezession hin. Ein Ausstieg aus Italien bedeutet keineswegs einen Ausstieg aus der Solidarität. Vor allem die Partei Süd-Tiroler Freiheit bekennt sich eindeutig zur europäischen Solidarität.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×