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03.05.2013

15:16 Uhr

IW-Forscher

Frankreich hängt Deutschland zehn Jahre hinterher

Die EU-Kommission will Frankreich und Spanien mehr Zeit zum Sparen gewähren. Das ist auch notwendig. Insbesondere Frankreich gilt als Sorgenkind. Aus Expertensicht muss das Land rasch Reformen anschieben.

Die Nationalflagge von Frankreich. dpa

Die Nationalflagge von Frankreich.

BerlinNach Einschätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) wird Frankreich noch viele Jahre benötigen, um überfällige Reformen zum Erfolg zu führen. „Frankreichs Wirtschaft lahmt, nicht nur wegen der Konjunkturschwäche, sondern auch weil das Land jahrelang von der Substanz gelebt hat“, sagte der Leiter des Kompetenzfelds Internationale Wirtschaftsordnung am IW, Jürgen Matthes, Handelsblatt Online. Überfällige Reformen seien lange verschleppt, nur zaghaft angegangen und unter der Regierung von Francois Hollande anfänglich sogar aufgeweicht worden. „Jetzt steht Frankreich da, wo Deutschland vor zehn Jahren stand: in der Stagnation und vor einem – hoffentlich – neuen Reformkurs.“

Wie in Deutschland damals sei auch jenseits des Rheins eine linksgerichtete Regierung an der Macht, sagte Matthes weiter. „Wahrscheinlich kann nur sie gegen den absehbaren Widerstand der Gewerkschaften die nötigen Korrekturen umsetzen.“ Einige erste Anzeichen gebe es, etwa bei der Arbeitsmarkt- oder der angekündigten Rentenreform, aber auch bei den jüngst avisierten Erleichterungen für junge Wachstumsunternehmen. „Doch ist noch sehr viel mehr nötig“, betonte der IW-Experte. „Ob die Sozialisten sich in der Verantwortung für ihr Land so verbiegen wie damals die SPD, wird sich zeigen. Es wäre unsern Nachbarn zu wünschen.“ 

Dass die Lage Frankreichs kritisch ist, zeigen auch negative Einschätzungen der EU-Kommission, auch wenn die französische Regierung auf die Senkung der Wachstumsprognose für Frankreich betont gelassen reagiert. Der Unterschied zwischen der eigenen Prognose für 2013 von plus 0,1 Prozent und der EU-Schätzung von minus 0,1 Prozent sei "angesichts der Unsicherheiten (rund um die Vorhersagen) nicht bedeutsam", erklärte das Wirtschaftsministerium am Freitag in Paris. Die EU-Kommission habe Frankreichs Sparanstrengungen für den Zeitraum 2010 bis 2013 anerkannt und Paris nicht empfohlen, zusätzliche Sparanstrengungen zu unternehmen, betonte das Ministerium.

Die EU-Kommission geht in ihrer am Freitag vorgestellten Konjunkturprognose davon aus, dass die französische Wirtschaft dieses Jahr leicht schrumpfen wird. Bisher waren die EU-Experten von einem minimalen Wachstum ausgegangen, dieser Prognose hatte sich auch die französische Regierung angeschlossen. Das Haushaltsdefizit dürfte laut EU-Kommission mit 3,9 Prozent wieder deutlich über der EU-Obergrenze von drei Prozent liegen. Für 2014 sagt die EU-Kommission sogar ein Defizit von 4,2 Prozent voraus.

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

Die französische Regierung peilt für 2014 eigentlich ein Defizit von 2,9 Prozent an. EU-Währungskommissar Olli Rehn sagte aber am Freitag in Brüssel, die Pläne der französischen Regierung seien "viel zu optimistisch". Um unter die drei Prozent zu kommen, wären "viel bedeutendere" Anstrengungen notwendig. Angesichts der "wirtschaftlichen Lage" des Landes sei es aber "sinnvoll", Frankreich bei der Erreichung des Defizitziels zwei Jahre Aufschub zu gewähren.

Kommentare (49)

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Account gelöscht!

03.05.2013, 15:30 Uhr

Volksmärchen sind das alles...Frankreich wie auch Italien SIND seit ca. 2 Jahren PLEITE!!!

Hier wird nach wie vor an Leichen herumgedoktert.

Account gelöscht!

03.05.2013, 15:35 Uhr

ja klar doch. Die Verschuldung wird gnadenlos ausgenutzt um in den Staaten asoziale Reformen durchzurücken und Staatseigentum für private Investoren frei zu machen.
Die BRD ist ja mit "gutem" Beispiel vorangegangen und hat mit Harz IV, Leiharbeit (= Einführung von Sklavenarbeit), Rente mit 67, unbezahlte Mehrarbeit (= staatl. geduldete Schwarzarbeit) ... gezeigt, wie man das "richtig" macht.
Wenn es dann überall durchgesetzt wurde, kann man ja in der BRD wieder anfangen ... Rente mit 69 ...

Schaarschmidt

03.05.2013, 15:40 Uhr

Solange der "Club Med" in der Eurozone das Sagen hat,wird wenig passieren.Eher senkt Draghi den Zins auf Null,bevor sich Hollande mal bewegt.

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