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27.07.2012

17:59 Uhr

IWF-Bericht

Währungsfonds liest Spanien die Leviten

Der Internationale Währungsfonds geht mit Spanien im jährlichen Bericht zur wirtschaftlichen Lage hart ins Gericht. Spanien müsse mehr sparen, fordern die Ökonomen. Doch auch Hilfe von außen scheint nötig.

Taxi-Fahrer streiken am Freitag in Madrid. dapd

Taxi-Fahrer streiken am Freitag in Madrid.

WashingtonDer Internationale Währungsfonds (IWF) zeigt sich besorgt über die Entwicklung Spanien. Die Organisation erwartet, dass die Wirtschaft in diesem Jahr um 1,7 Prozent schrumpft und im nächsten Jahr um 1,2 Prozent, heißt es in dem Länderbericht, den der IWF am Freitag in Washington veröffentlichte.

Die Wirtschaft befinde sich „inmitten eines Double-Dips“, also zweier hintereinander folgender Rezessionen, schreiben die Autoren. Die Arbeitslosigkeit sei „inakzeptabel hoch“, die öffentlichen Schulden stiegen schnell und Teile des Finanzsektors seien sowohl unterkapitalisiert als auch ohne Zugang zu den Märkten. Dazu kämen private und staatliche Einsparungen sowie Kapitalabflüsse. Deshalb sei in diesem und im nächsten Jahr weiter mit einem Abschwung zu rechnen.

Die düstere IWF-Einschätzung Spaniens

Wirtschaftswachstum

Der IWF erwartet, dass die spanische Wirtschaft in diesem Jahr um 1,7 Prozent schrumpft und im nächsten Jahr um 1,2 Prozent.

Arbeitslosigkeit

Am Freitag (27. Juli) hat Spanien eine Rekordarabeitslosigkeit in Höhe von fast 25 Prozent gemeldet, den höchsten Wert seit mehr als 30 Jahren. Laut IWF wird die Quote auf diesem Niveau verharren und das sei „unannehmbar hoch“.

Bankenrettung

Die Unterstützung spanischer Banken über eine zweistellige Milliarden-Spritze aus dem Rettungsschirm EFSF begrüßt der IWF. Der Plan folge der Linie der eigenen Vorschläge. Allerdings könnte diese Hilfe nur kurzfristig helfen, Risiken zu vermeiden.

Ansteckungsgefahr

Die schwache konjunkturelle Entwicklung kann nach Ansicht der IWF-Ökonomen „negative Auswirkungen für den Rest Europas“ haben. Außerdem sei die Gefahr groß, dass sich die Lage weiter verschlimmere. Es falle Spanien schwer, an den Märkten neues Vertrauen zu wecken.


Der IWF gab sich am Freitag noch pessimistischer als zuvor. Noch vor zehn Tagen hatten die Experten mit einem Wachstums-Minus von 1,5 für dieses und 0,6 für nächstes Jahr Jahr gerechnet. „Abwärtsrisiken herrschen vor“, schreibt der IWF. Das Land sehe sich „einem steigenden Druck der Märkte“ ausgesetzt, und der Zugang zu frischem Kapital sei teuer. Die Probleme Spaniens hätten mithin „mögliche negative Auswirkungen auf das restliche Europa“.

Gleichzeitig lobten die Experten aber die Schritte der spanischen Regierung gegen die Krise. In den vergangenen Monaten habe es „viele wichtige Maßnahmen an mehreren Fronten gegeben“, darunter Reformen im Finanzsektor und auf dem Arbeitsmarkt, die die Wettbewerbsfähigkeit erhöhten. In Zusammenarbeit mit der Eurozone seien die Probleme lösbar. „Der Erfolg beim Wiederherstellen von Vertrauen, Jobs und Wachstum hängt entscheidend von Fortschritten auf europäischer Ebene ab, die Währungsunion zu stärken.“

Schuldenkrise eskaliert: Spanien wankt

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Spanien wankt

Die Zeichen mehren sich, dass es Spanien ohne Hilfe seiner EU-Partner nicht schafft.

Allerdings, so warnt der IWF, „bleibt das Vertrauen der Märkte schwach und die Aussichten schwierig“. Deshalb sei jetzt eine „angemessen ambitionierte Antwort der Politik nötig. Unter anderem müsse die spanische Regierung mittelfristig konkrete Schritte einleiten, um die nötige Haushaltskonsolidierung zu erreichen. Außerdem sei eine klare „Roadmap“ erforderlich, wie angeschlagene Banken restrukturiert werden können sowie strukturelle Reformen, die das Wachstum fördern. Kurzfristig sei es jedoch das Wichtigste dafür zu sorgen, dass sich sowohl der Staat als auch die Privatwirtschaft zu Preisen refinanzieren können, die angemessen sind.

„Spanien muss seine Reformen jetzt umsetzen. Aber auch Europa muss Spanien helfen“, sagte der IWF-Spanienexperte James Daniel vor Journalisten in Washington.

Vor Veröffentlichung des IWF-Reports hatte es neue entmutigende Daten vom Arbeitsmarkt gegeben. Das Statistikamt hatte mitgeteilt, dass die Arbeitslosenquote im zweiten Quartal 2012 auf 24,63 Prozent gestiegen sei. Laut spanischen Medien markieren die nun 5,69 Millionen Arbeitslosen die höchste je in dem Land erfasste Quote. Die Jugendarbeitslosigkeit stieg auf 53 Prozent.

Ebenfalls am Freitag gab es Spekulationen, Spanien müsse wegen der Schuldenkrise bald das volle Rettungsprogramm von EU und Währungsfonds in Höhe von 300 Milliarden Euro Anspruch nehmen. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte berichtet, Finanzminister Luis de Guindos habe diese Woche mit seinem deutschen Amtskollegen Wolfgang Schäuble darüber gesprochen. Madrid dementierte jedoch am Nachmittag die Gerüchte: Dies werde nicht geschehen und sei keine Option, sagte Vize-Ministerpräsidentin Soraya Saenz de Santamaria.
Schon im vergangenen Monat hatten die Mitgliedsstaaten der Eurozone dem Land Finanzhilfen in Höhe von bis zu 100 Milliarden Euro zugesagt, um den Bankensektor zu restrukturieren. Die Regierung in Madrid will aber vermeiden, wie Griechenland, Irland und Portugal unter den Rettungsschirm der EU zu flüchten.

Mit dpa und afp.


Von

rüd

Kommentare (12)

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FranzVeldung

27.07.2012, 18:45 Uhr

Solange sich Spanien weigert wichtige strukturelle Reformen anzugehen,wird alles Geld der EZB nichts nützen.Die spanische Industrie wird auf dem Weltmarkt zunehmend durch die Konkurrenz aus Asien verdrängt,alles Streiken der Gewerkschaften nützt leider wenig,bis gar nichts.

WFriedrich

27.07.2012, 18:55 Uhr

Nun liest der Währungsfond Spanien die Leviten. Anderen ist Vergleichbares zuvor widerfahren. Die Resultate sind bekannt. So titeln die Kommentatoren heute:
1. Spanen wankt,
2. Großbritanien steuert in die Rezession,
3. US-Wirtschaft taumelt Richtung Abgrund,
4. Patient Italien atmet noch,
5. Patient Griechenland offenbar aufgegeben,
6. (hier erübrigen sich Hinweise auf weitere Kandidaten).

Nun wird sicherlich alles gut, denn die erfolgreichen Krisenmanager setzen auf die Rezepte, deren Erfolg zumindest in den Parlamenten beschworen werden konnte. Nach jeder Großtat explodierten die Kurse am Finanzmarkt. Prima, dass der Erfolg dadurch auch praktisch sichtbar wird: "EZB-Spekulationen lassen DAX abheben". Dagegen sind Erfolge in der Realwirtschaft nicht sichtbar; selbst die Flaggschiffe-Länder drohen mitgerissen zu werden. So stellt sich mit wachsendem Missmut die Frage, wann das Herumdoktoren an Symptomen, das Werkeln mit Zahlen (die lediglich den Zustand der Wirtschaften abbilden) und die Durchhaltepropaganda zurückweichen und durch substanzielle Entscheidungen ersetzt werden. Letztere müssen das Gleichgewicht zwischen Sach- und Geldwirtschaft sowie in den Handelsbilanzen wieder herstellen. Anderenfalls werden Griechen, Spanier u.a. bald Geld "fressen" müssen, weil es sich bequem in großer Menge drucken lässt.

WFriedrich

27.07.2012, 19:07 Uhr

Ich stimme Ihnen ausdrücklich zu. Allerdings gebe ich - auch mit Hinweis auf den beschwerlichen Aufbau Ost - zu bedenken, dass die Adressaten Ihrer Kritik aussichtslos überfordert sein dürften. Leider sehe ich das notwendige Potential zur Wirtschaftshilfe bei Dritten nicht (auch nicht in D). Darin scheint die Ursache für den Verzicht auf Statistiken über Direktinvestitionen zwecks des Aufbaues wettbewerbstauglicher Produktions- und Exportstrukturen zu liegen. Ob die aktuellen politischen Hand- und Kopfstände eine Alternative sein können, mag jeder selbst einschätzen.

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