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05.11.2013

18:27 Uhr

IWF-Vorstoß

Angriff auf die Reichen

VonDietmar Neuerer

Ein Gedankenspiel des IWF sorgt für Aufregung: Die Euro-Staaten könnten eine Vermögensabgabe einführen, um ihre gigantischen Schuldenberge abzutragen. Experten reagieren mit Kopfschütteln – aber längst nicht alle.

„IWF-Gedankenspiele“

Kommt die Zwangsabgabe auf Vermögen?

„IWF-Gedankenspiele“: Kommt die Zwangsabgabe auf Vermögen?

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BerlinDie immensen Schulden der Euro-Staaten rufen den Internationalen Währungsfonds (IWF) auf den Plan. Er denkt nun laut über die einmalige Erhebung einer Vermögensabgabe in Höhe von zehn Prozent nach. Das berichtet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ unter Berufung auf einen bereits im Oktober veröffentlichten Fiskalbericht des Währungsfonds.

In der Expertise mit dem Titel „Taxing Times“ äußert der IWF die Einschätzung, dass es ein „neu belebtes Interesse“ an der Idee einer solchen Abgabe gebe, die alle Besitzer von Ersparnissen, Wertpapieren sowie Immobilien betreffen würde. „Die Attraktivität einer solche Steuer“ liege darin, dass sie keine Verhaltensverzerrung bewirke, sofern es keine Ausweichmöglichkeit gebe und die Abgabe einmalig sei, schreiben die Experten. Zudem werde sie von einigen Menschen als gerecht angesehen.

Der IWF betonte jedoch, dass es dabei um ein Gedankenspiel gehe und ausdrücklich nicht um eine politische Empfehlung. Der kurze Text in dem Bericht greife lediglich die Diskussion über eine Vermögenssteuer auf und weise auf deren erhebliche Nachteile hin. In ihrer Publikation verwiesen die Autoren demnach auf die extrem gestiegene Verschuldung der Staaten, deren Quote sich 2014 im Durchschnitt aller Länder dem historischen Höchststand von 110 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nähere.

Dies sind 35 Prozentpunkte mehr als 2007, also vor der Finanzkrise. Es ist auch das höchste Niveau seit dem Zweiten Weltkrieg. In absoluten Zahlen ist die Verschuldung der Euro-Staaten von 6000 auf 8600 Milliarden Euro gestiegen – deutlich über 90 Prozent des BIP. Durch eine Vermögensabgabe von etwa 10 Prozent könnten die Schuldenstände von Euro-Ländern auf den Stand vor der Finanzkrise 2007 gedrückt werden. Allein dieser Gedanke an eine Zwangsabgabe auf Sparvermögen, Wertpapiere und Immobilien ließ viele Sparer aufschrecken, geben die Experten zugleich zu bedenken.

Reiche in Deutschland

Ab wann gilt man als reich?

Eine Definition für Reichtum gibt es nicht. Auch ist dies - wie so vieles - relativ. Der Durchschnittsverdienst eines Arbeitnehmers liegt in Deutschland bei rund 30.000 Euro. Die Hälfte der 26,6 Millionen Steuerpflichtigen hatte nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2007 Einkünfte von bis zu 29.000 Euro, 10 Prozent erhielten mehr als rund 73.400 Euro, aber nur ein Prozent mehr als 206.000 Euro.

Wie ist die Vermögensverteilung?

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) geht von einem Nettovermögen in Deutschland von 9,3 Billionen Euro. Das umfasst Immobilien, Geldvermögen, Versicherungen, Betriebsvermögen oder auch Vermögen in Form wertvoller Sammlungen. Dieses Vermögen ist in Deutschland ungleich verteilt. So besitzen 10 Prozent der Bevölkerung nach Angaben des DIW gut 66 Prozent des Gesamtvermögens. Ein Prozent der Bevölkerung verfügt über mehr als ein Drittel des gesamten Vermögens.

Wie viele Millionäre und Milliardäre gibt es in Deutschland?

Nach Angaben des „Manager Magazins“ gibt es in Deutschland gut 100 Milliardäre - sowohl Einzelpersonen als auch Familien. Angeführt wird die Liste der Superreichen von Aldi-Gründer Karl Albrecht.

Trotz Wirtschaftskrise und Börsenturbulenzen ist auch die Zahl der Deutschen, die über ein Nettovermögen von einer Million Euro und mehr verfügen deutlich gestiegen. Der D.A.CH-Vermögensreport 2012 gibt die Zahl der Euro-Millionäre in Deutschland mit 826.000 an.

Wie sieht es mit „Einkommensmillionären“ aus?

Laut Statistischem Bundesamt gab es im Jahr 2007 insgesamt 16.681 Steuerzahler mit Einkünften von einer Million Euro oder mehr. Die meisten kamen aus Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg.

Wer zahlt Steuern?

Auf das oberste Zehntel der Einkommensbezieher entfielen 2007 fast 55 Prozent des gesamten Steueraufkommens. Fast ein Viertel (23,9) des Aufkommens ging auf die 1 Prozent Einkommensreichsten zurück. Dagegen zahlt die untere Hälfte nur sieben Prozent des Steueraufkommens.

Werden Reiche künftig stärker besteuert?

Wenn es nach SPD, Grünen, Linken und Gewerkschaften geht: Ja. Es geht vor allem um einen höheren Spitzensteuersatz bei der Einkommensteuer und eine Rückkehr zur Vermögensteuer, die Ende 1996 in Deutschland ausgesetzt wurde. Zurzeit liegt der Spitzensteuersatz bei 42 Prozent, er gilt ab einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 52.882 Euro. Hinzu kommt die „Reichensteuer“ von 45 Prozent ab 250.001 Euro (Ledige). Die Sätze könnten angehoben werden oder früher greifen.

Das Bundesfinanzministerium wollte laut FAZ zu den IWF-Aussagen nicht direkt Stellung nehmen. Es sei nur auf jüngste Äußerungen von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) verwiesen worden, er wolle „ohne Steuererhöhungen und ohne neue Schulden auskommen“, schreibt die Zeitung. Der IWF hatte sich in seinem Fiskalbericht auch für höhere Spitzensteuersätze ausgesprochen. Unter Einnahmegesichtspunkten riet der Fonds Deutschland zu einem Spitzensteuersatz von 55 bis 70 Prozent. Derzeit werden hierzulande inklusive Reichensteuer maximal 45 Prozent fällig.   

Harsche Kritik an dem IWF-Vorstoß kam aus der Unions-Bundestagsfraktion. Der Vorschlag gehe in Richtung einer „verdeckten Vermögensbesteuerung, die wir aus guten Gründen ablehnen“, sagte Fraktionsvize Michael Meister Handelsblatt Online. „Der IWF sollte vielmehr die Notwendigkeit einer Verbesserung  der Wettbewerbsfähigkeit der betroffenen Staaten durch beschäftigungsfördernde Strukturreformen in den Fokus seiner Analyse stellen.“

Meister zeigte sich verwundert darüber, mit welcher Beharrlichkeit der Währungsfonds immer wieder das Thema Gläubigerbeteiligung ins Gespräch bringe. „Als sei es eine Art Allheilmittel, das notwendige beschäftigungsfördernde Strukturreformen obsolet machen würde“, sagte der CDU-Politiker. „Auch eine Wiederholung solcher Vorschläge durch den IWF löst nicht das Problem, dass eine erneute private Gläubigerbeteiligung das Vertrauen der Kapitalmarktteilnehmer und Investoren zerstört.“

Kommentare (87)

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Mauserspeck

05.11.2013, 18:42 Uhr

So treibt man die Spargroschen unter das Kopfkissen.

Skyjumper

05.11.2013, 19:01 Uhr

Die Überschrift ist leider völlig falsch gewählt.

Der Vorstoß des IWF zielt keinesfall nur auf die Reichen, sondern auf JEDEN Bürger dessen persönlicher Guthaben/Schulden-Saldo grösser gleich Null Euro ist. Das ergibt sich aus den Zahlen mit denen der IWF gerechnet hat sehr klar.

Auch sehr klar ist, dass sich die 10% nur dann ergeben, wenn man 10% in jedem Land der Eurozone erheben würde und anschließend die "Erträge" so verteilen würde, dass die Einzelstaaten jeweils wieder auf ihre Verschuldensquoten von 2007 kommen. Betrachtet man die Einzelstaaten nämlich isoliert würde im Falle Irlands selbst 100 % !!! Vermögensabgabe nicht dafür reichen, im Falle Deutschlands würden dagegen schon 7 % reichen.

Es handelt sich bei diesem Vorschlag demnach um eine europaweite Enteignung mit gigantischen Umverteilungseffekt.

Profit

05.11.2013, 19:07 Uhr

Typische Sozis: Die Pensionsansprüche der Politiker und Beamte werden nicht als "Vermögen" angesehen und bleiben außen vor. Frau Lagarde empfiehlt des Weiteren, daß Deutschland denselben Blödsinn wie Frankreich machen soll, indem die Grenzsteuersätze auf 70% angehoben werden sollen. Der Ruin der deutschen Volkswirtschaft wäre vorprogrammiert, aber Frankreich wenigstens nicht allein. Schickt die Frau zum Teufel!

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