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13.07.2012

06:23 Uhr

IZA-Direktor Zimmermann

„Angst-Kampagnen wären Gift für die Krisenländer“

VonDietmar Neuerer

ExklusivDass die Euro-Krise soziale Unruhen auslösen könnte, hält der Bonner Wirtschaftsforscher Zimmermann für ein realistisches Szenario. Im Interview skizziert er, was jetzt zu tun ist, um das Schlimmste zu verhindern.

Klaus F. Zimmermann, Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn und Berater der Europäischen Kommission und der Weltbank zu Beschäftigungsfragen. dapd

Klaus F. Zimmermann, Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn und Berater der Europäischen Kommission und der Weltbank zu Beschäftigungsfragen.

Handelsblatt Online: Die Internationale Arbeitsorganisation (Ilo) warnt wegen einer womöglich massiv steigenden Erwerbslosigkeit vor Unruhen in der Euro-Zone. Ist die Warnung berechtigt?

Klaus F. Zimmermann: Die Ermahnungen des ILO-Reports sind jetzt angebracht und die möglichen Schwierigkeiten sind riesengroß. Denn für die  Akzeptanz der europäischen Idee ist  jetzt die Frage entscheidend: Wie kommen wir in der Europäischen Union zu neuen Jobs? Ziel der EU ist es gemäß den jüngsten Beschlüssen bis 2020 17,6  Millionen zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen, also eine Erwerbsquote von 75 Prozent bei den 20- bis 64-Jährigen zu erreichen. Derzeit liegt diese Quote bei 69 Prozent. Das gesteckte Ziel ist also überaus ehrgeizig.

Und mit den Krisenländern womöglich nicht zu erreichen?

Die Menschen in den Krisenstaaten im Süden Europas werden die notwendigen Reformen auf diesem Weg, insbesondere eine größere Flexibilisierung der Arbeitsmärkte nur mittragen, wenn sie im Gegenzug auch eine realistische Perspektive für mehr Beschäftigung  erkennen können. Einer der wichtigsten Ansätze hierfür ist eine Reform der beruflichen Bildung, die in vielen Ländern praktisch nicht existiert. Mit seinem „dualen System“ hat Deutschland hier ein Modell geschaffen, das in vielem Vorbild sein kann. Deshalb sollten die Kammern, Wirtschaftsverbände und Unternehmen in Deutschland auch im eigenen Interesse unverzüglich beginnen, durch Patenschaften einen Know-how-Transfer zu ermöglichen.

Was heißt das konkret, sollen die jungen Leuten zu uns kommen?

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) schätzt, dass allein in diesem Jahr bei uns rund 80.000 Lehrstellen unbesetzt bleiben. In den kommenden Jahren verschärft sich dieser Mangel noch weiter. Daher ist es klug,  ausbildungswilligen jungen Griechen, Spaniern, Italienern bei uns eine Chance zu geben. Viele von diesen jungen Fachkräften werden dann später mit den gewonnenen Erfahrungen wieder in ihre Heimatländer zurückgehen und dort beim weiteren Aufbau helfen, wenn sich dort die  wirtschaftlichen Bedingungen verbessern sobald die Reformen greifen.

Lässt sich damit das Schlimmste verhindern?

Offene Arbeitsmärkte in Europa und eine aktive Förderung von Migration durch ein ganzes Paket konkreter Begleitmaßnahmen sind ganz entscheidende Ansatzpunkte, damit das Krisenszenario der ILO nicht Wirklichkeit wird. Dazu gehört eine europaweit wirksame Arbeits- und Ausbildungsvermittlung.

Musterschüler und Sitzenbleiber - so verschuldet sind die Euro-Länder

Platz 1

Das am höchsten verschuldete Land der Euro-Zone ist - wer hätte es gedacht - Griechenland. Bei satten 175 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegt die Schuldenquote des Mittelmeerlandes. Ein kleiner Lichtblick: Immerhin haben es die Griechen in den vergangenen Jahren geschafft, ihr extrem hohes Haushaltsdefizit zu drücken: Nahm die Regierung 2009 noch neue Kredite in Höhe von 15,6 Prozent des BIP auf, wird sich die Defizitquote im Jahr 2012 - nicht zuletzt dank europäischer Hilfe - auf 7,3 Prozent des BIP verringern.

Platz 2

Auf Platz zwei der am meisten verschuldeten Euro-Länder landet Italien. Mit 123 Prozent des BIP stehen die Italiener laut Eurostat in der Kreide. Die Märkte bestrafen das mit höheren Zinsen, die der Regierung von Premierminister Mario Monti das Leben schwer machen. Mit einem harten Sparkurs steuert Rom dem entgegen: Die Defizitquote sank von 5,4 Prozent im Jahr 2009 auf voraussichtlich 2,0 Prozent in diesem Jahr.

Platz 3

Irland hatte vor allem unter der Bankenkrise zu leiden. Weil das kleine Land seine Banken stützen musste, hat es einen Bruttoschuldenstand von 116,1 Prozent des BIP. Auch das Haushaltsdefizit des früheren keltischen Tigers war in der Folge beängstigend hoch und lag 2010 bei 31 Prozent des BIP. Inzwischen konnte die Regierung das Defizit auf 8,3 Prozent senken - was immer noch deutlich zu hoch ist.

Platz 4

Genau wie Griechenland und Irland musste sich auch Portugal unter den Rettungsschirm flüchten. Das Land ächzt unter einer Schuldenquote von 113,9 Prozent der BIP. Auf Druck der EU reduzierten die Portugiesen ihr Haushaltsdefizit in den vergangenen Jahren deutlich: Waren es 2009 noch 10,2 Prozent des BIP, wird die Defizitquote in diesem Jahr voraussichtlich auf 4,7 Prozent sinken.

Platz 5

Auch Belgiens Schuldenquote hat mit 113,9 Prozent vom BIP eine kritische Höhe erreicht. Bei Haushaltsdefizit hingegen sehen die Belgier inzwischen wieder ganz gut aus: Nach satten 10,2 Prozent im Jahr 2009 werden sie die in den Maastricht-Kriterien festgelegte Defizitquote von drei Prozent in diesem Jahr vorrausichtlich exakt einhalten.

Platz 6

Deutschlands Nachbarland Frankreich hat eine Verschuldungsquote von 90,5 Prozent des BIP. Ökonomen halten diese Schuldenlast für gerade noch tragbar, die Maastricht-Kriterien hingegen verletzen die Franzosen deutlich: Sie sehen eine Quote von höchstens 60 Prozent vor. Auch das französische Haushaltsdefizit ist mit 4,5 Prozent vom BIP im Jahr 2012 zu hoch.

Platz 7

Auch Deutschland, das sich gerne als Musterschüler der Euro-Zone sieht, drückt eine hohe Schuldenlast: 81,2 Prozent beträgt die Bruttoschuldenquote im Jahr 2012 - zu hoch für Maastricht. Beim Haushaltsdefizit hingegen sieht Europas größte Volkswirtschaft inzwischen richtig gut aus: Eurostat schätzt, dass Schäubles Defizitquote in diesem Jahr nur noch bei 0,9 Prozent des BIP liegt - der zweitbeste Wert aller Euro-Staaten.

Platz 8

Das letzte Land, das Schutz unter dem Euro-Rettungsschirm suchte, war Spanien. Dabei ist die Bruttoschuldenquote der Iberer gar nicht so hoch: mit 80,9 Prozent liegt sie unter der von Deutschland. Deutlich zu hoch ist allerdings das Haushaltsdefizit Spaniens: Kredite in Höhe von 6,4 Prozent muss die konservative Regierung in diesem Jahr aufnehmen - weniger als im letzten Jahr (8,5 Prozent) aber immer noch zu viel.

Platz 9

Bei Zypern wird immer gemunkelt, dass das Land als nächstes unter den Rettungsschirm schlüpfen könnte. Den Inselstaat drückt eine Schuldenquote von 76,5 Prozent des BIP. Immerhin: Das Haushaltsdefizit konnten die Zyprioten spürbar reduzieren: Es sankt von 6,3 Prozent des BIP im Vorjahr auf 3,4 Prozent in diesem Jahr. Die Maastricht-Grenze ist damit wieder in Reichweite.

Platz 10

Die Mittelmeerinsel Malta weist eine Bruttoverschuldungsquote von 74,8 Prozent des BIP auf. Im europäischen Vergleich reicht das für Platz zehn. Das Haushaltsdefizit von Malta bewegt sich innerhalb der Maastricht-Kriterien und wird in diesem Jahr voraussichtlich bei 2,6 Prozent liegen.

Platz 11

Deutschlands südlicher Nachbar Österreich weist eine Verschuldungsquote von 74,2 Prozent des BIP auf - Platz elf in Europa. Auch das Haushaltsdefizitdefizit der Alpenrepublik ist mit aktuell drei Prozent vom BIP vergleichsweise gering. Im Jahr 2011 hatte es mit 2,6 Prozent sogar noch niedriger gelegen.

Platz 12

Die Niederlande gelten ähnlich wie Deutschland als Verfechter einer strengen Haushaltspolitik. Das macht sich bemerkbar: Die Verschuldungsquote liegt bei nur 70,1 Prozent vom BIP. Weniger erfolgreich haben die Niederländer in den vergangen Jahren gewirtschaftet: Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 5,6 Prozent und hat sich danach nur leicht verringert. Im Jahr 2012 peilt die Regierung ein Defizit in Höhe von 4,4 Prozent des BIP an.

Platz 13

Slowenien ist das erste Land im Ranking, dessen Verschuldungsquote die Maastricht-Kriterien erfüllt: Sie liegt im Jahr 2012 bei 54,7 Prozent des BIP. Schlechter sieht es bei den Haushaltszahlen aus: Nach einen Defizit in Höhe von 6,4 Prozent des BIP im Jahr 2011 steuert die Regierung in diesem Jahr auf 4,3 Prozent zu. Die Gesamtverschuldung steigt also.

Platz 14

Ein Musterbeispiel für solide Haushaltsführung ist Finnland: Die Bruttoverschuldungsquote der Skandinavier liegt bei 50,5 Prozent und bewegt sich damit locker in dem Rahmen, den der Maastricht-Vertrag vorgibt. Auch die Haushaltszahlen können sich sehen lassen: In den vergangenen vier Jahren lag Finnlands Defizit nie über der Drei-Prozent-Marke. Im Jahr 2012 werden es nach Prognose von Eurostat gerade einmal 0,7 Prozent sein.

Platz 15

Auch die Slowakei weist eine niedrige Gesamtverschuldung auf: Die Bruttoverschuldungsquote liegt bei 49,7 Prozent des BIP. In den vergangen Jahren allerdings hatten die Slowaken zunehmend Probleme: Bei acht Prozent des BIP lag das Haushaltsdefizit im Jahr 2009, in diesem Jahr werden es laut Eurostat-Prognose 4,7 Prozent sein.

Platz 16

Geldsorgen sind in Luxemburg ein Fremdwort. Die Verschuldungsquote des Großherzogtums liegt bei niedrigen 20,3 Prozent. Der Regierung gelingt es in den meisten Jahren auch, mit den eingenommenen Steuermitteln auszukommen. In den vergangenen drei Jahren lag das Haushaltsdefizit stets unter einem Prozent des BIP. Die anvisierten 1,8 Prozent in diesem Jahr sind da schon ein Ausreißer nach oben.

Platz 17

Hätten Sie es gewusst? Der absolute Haushalts-Musterschüler der Euro-Zone ist Estland. Das baltische Land hat eine Gesamtverschuldung, die bei extrem niedrigen 10,4 Prozent des BIP liegt - ein echter Spitzenwert. 2010 und 2011 gelang es der Regierung sogar, einen kleinen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften. In diesem Jahr läuft es etwas schlechter: Voraussichtlich wird die Regierung Kredite in Höhe von 2,4 Prozent des BIP aufnehmen. Die Maastricht-Kriterien halten die Esten damit aber immer noch locker ein.

Kommentare (19)

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ein_Liberaler

13.07.2012, 07:42 Uhr

Unruhen mag es ja geben. Und mehr Arbeitslosigkeit auch. Doch der Hinweis auf die Ursachen bleibt aus. Fehlkonstruktion des Euro. Leistungsbilanzdefizite. Rettungseuropäer. Das alles ist keine Frage der Akzeptanz der europäischen Idee. Wer das strukturelle Versagen der politischen Eliten in Europa zur europäischen Idee umfirmiert, macht deren Akzeptanz unmöglich. Wir haben Frieden in Europa und das wird auch so bleiben. Nur ist die EU schlichtweg ungeeignet, um Europa gut und gerecht zu organisieren. Und warum wir für Desorganisation grenzenlos zahlen sollen, versteht keiner.

r.ebell

13.07.2012, 07:57 Uhr

Die Europleite in ihrem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf.
Die Unterdrückungs und Verschleierungskampange der vereinigten Qualitätsmedien werden noch etwas Zeit gewinnen sonst nichts!
Der Begriff "Öl ins Feuer"ist noch zu harmlos, es muß dann heißen -Dynamit in die Explosion-!
Auch hier auf der Insel der Glückseligen wird es gewaltig zur Sachen gehen,wenn derRTL,SAT1,PRO7,IPhone sedierte aufrechte hart schuftende Bundesmichl aufwacht und merkt das er jahrelang verarscht wurde.

Ursache-Euro

13.07.2012, 08:04 Uhr

1995 war die Arbeitslosigkeit in Spanien so groß wie heute. Der hohe Anteil der Jugendarbeitslosigkeit resultiert aus "verkrusteten Arbeitsmärkten". Arbeitgeber müssen einen freigesetzten Arbeitnehmer anteilsmässig nach den Beschäftigungsjahren abfinden. Unternehmen können es sich nicht leisten ältere Arbeiter (kurz vor der Pensionierung) abzufinden. So bleiben die Alten und den Jungen bleibt der Einstieg verwehrt.

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