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14.08.2015

17:59 Uhr

Japan

Kriegsgedenken mit Beigeschmack

VonMartin Kölling

Die Gedenkrede von Shinzo Abe zum 70. Jahrestag des Kriegsendes wurde mit Spannung erwartet. Japans Ministerpräsident zeigt in der Ansprache Reue und sorgt damit für eine kleine Sensation. Doch es gibt Zweifel.

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Umstrittene Gesetzesänderung : Japan: Erstmals seit 1945 ändert sich Verteidigungspolitik

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TokioJahrestage zum Ende des zweiten Weltkriegs sind normalerweise der Zeitpunkt, um große Zeichen zu setzen. In Asien jedoch dürfte eher das Gefühl der Erleichterung dominieren, dass Japans Ministerpräsident Shinzo Abe in seiner sorgsam austarierten Gedenkrede zur Kapitulation Japans am 15. August 1945 Schlüsselbegriffe seiner Vorgänger aufgriff und damit die schlimmsten Befürchtungen seiner Skeptiker widerlegte. Der mühsame Entspannungskurs in Ostasien zwischen Japan und seinen Nachbarn Korea und China könnte weitergehen, wenn er am Sonnabend noch weitere Klippen umschifft.

Das ist nicht selbstverständlich. Geschichte ist in Ostasien noch immer brisant und ein Mittel von Innen- und Außenpolitik der Staaten. Besonders in Japan: Anders als in Deutschland gibt es in Japans Establishment keinen Geschichtskonsens. Eine starke Gruppe mit Abe als Aushängeschild versucht vielmehr, die in ihren Augen „masochistische“ vorherrschende Geschichtsschreibung und Entschuldigung für Japans Kriegsgreuel revidieren. Und Abe hat sich lange vor einer klaren Stellungnahme zu Japans Kolonisations- und Kriegsgeschichte geziert.

Auszüge aus der Rede von Regierungschef Abe zum Kriegsende

Am 70. Jahrestag des Kriegsendes ...

„... müssen wir in Ruhe den Weg zum Krieg betrachten, den Pfad, den wir seitdem genommen haben und die Ära des 20. Jahrhunderts. Wir müssen aus den Lektionen der Geschichte die Weisheit für unsere Zukunft ziehen...“

Ich neige meinen Kopf...

„... tief vor den Seelen all jener, die gestorben sind, hier und im Ausland. Ich drücke meine tiefe Trauer und mein unendliches, aufrichtiges Beileid aus...“

Unser Land fügte ...

„... unschuldigen Menschen unermesslichen Schaden und Leid zu. Die Geschichte ist rau. Was geschah, kann nicht ungeschehen gemacht werden. Jeder Einzelne von ihnen hatte sein oder ihr Leben, Traum und eine geliebte Familie. Wenn ich diese objektive Tatsache klar betrachte, gerade jetzt, bin ich sprachlos und mein Herz ist zerrissen von größten Kummer.“

Zwischenfall, Aggression, Krieg – ...

„... wir dürfen nie wieder auf irgendeine Form von Bedrohung oder den Einsatz von Gewalt zurückgreifen als ein Mittel, um internationale Streitigkeiten zu schlichten...“

Japan hat mehrfach ...

„... seine Gefühle von tiefer Reue und aufrichtiger Entschuldigung für seine Handlungen während des Kriegs zum Ausdruck gebracht. Um diese Gefühle in konkreten Handlungen zu äußern, haben wir in unseren Herzen die Leidensgeschichten der Menschen in Asien, unserer Nachbarn, eingraviert... Und wir haben uns konsequent dem Frieden und dem Wohlstand in der Region seit dem Kriegsende gewidmet.“

In Japan macht ...

„... die Nachkriegsgeneration jetzt mehr als 80 Prozent der Bevölkerung aus. Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Kinder, Enkel und künftige Generationen, die nichts mit dem Krieg zu tun haben, dazu vorbestimmt sind, sich zu entschuldigen. Dennoch müssen wir Japaner durch alle Generationen hindurch der Geschichte klar ins Auge sehen. Wir haben die Verantwortung, die Vergangenheit in aller Demut zu erben und sie in die Zukunft zu tragen...“

Wir haben ...

„... die große Verantwortung, uns die Lektionen der Geschichte zu Herzen zu nehmen, eine bessere Zukunft zu gestalten und alle möglichen Anstrengungen zu unternehmen für den Frieden und den Wohlstand in Asien und der Welt.“

Daher fragten sich Beobachter mit sorgenvoller Spannung, ob Abe die vier Schlüsselworte verwenden wird, die die Ansprachen seiner Vorgänger Tomiichi Murayama und Junichiro Koizumi 1995 und 2005 ausgezeichnet hatten und die sowohl viele Japaner als auch China und Korea weiter fordern: tiefe Reue und tief empfundene Entschuldigung für Japans Aggression und Kolonialherrschaft?

Die gute Nachricht vorweg: Die Worte fallen in der am Freitag vom Kabinett beschlossene Rede. Damit dürfte Abe am Ende eines langen, gewundenen Prozesses einen diplomatischen Gau mit Japans Opfern China und Korea vermieden haben. Das Problem: Sowohl der Wortlaut als auch die Vorgeschichte der Rede hinterlassen einen faden Beigeschmack. Im In- und Ausland fragen Kommentatoren bereits, wie sehr die Rede das wirkliche Denken des Regierungschefs widerspiegelt. Denn auch in der jetzigen Form mussten ihm die Kernbegriffe geradezu aus der Nase gezogen werden.

Zuerst zur Textanalyse, die in diesem Fall hochpolitisch ist. Ja, er hat die bei Revisionisten verhassten Begriffe verwendet. Aber während Murayama und Koizumi sie prägnant in ihren rund 1300 Worte kurzen Reden in einem Schlüsselabsatz konzentrierten, verstreut Abe unter mehr als 3000 Worten und versucht mehr Gewicht auf Japans aktuellen Beiträge zum Frieden in der Welt zu lenken. Mehr noch: Er zitiert quasi die Entschuldigungen der früheren Regierungen anstatt sich selbst zu entschuldigen. Damit nimmt er der Geste ihre Kraft.

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