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13.08.2011

09:04 Uhr

Japan nach dem Tsunami

Lächelnd von Tränen singen

VonFinn Mayer-Kuckuk

Der Tsunami und die Atomkatstrophe haben Japan verwundet, doch nun sucht die Wirtschaft des Landes ihren Weg in die Zukunft nach Katastrophe - mit typisch japanischer Zähigkeit und Widerstandskraft.

Japanische Anhänger warten auf die Ankunft ihrer Frauen-Nationalmannschaft. Quelle: dpa

Japanische Anhänger warten auf die Ankunft ihrer Frauen-Nationalmannschaft.

Fukushima/Sendai/HigashineWer mit dem Auto in die japanische Präfektur Yamagata hineinfährt, sieht vor sich die Kämme eines schneebedeckten Bergmassivs aufragen, uralt und scheinbar unverrückbar. Doch der feste Boden trügt in Japan. Diese Bergzüge haben sich bei dem Erdbeben im März einen guten Meter nach Osten verschoben, und mit ihnen alles, was darauf steht. Dazu gehören auch die sechs Werkshallen des Uhren- und Kameraherstellers Yamagata Casio. Sie liegen auf einer Hochebene in der Nähe der Stadt Higashine.

Masaki Isozaki war in seinem Büro, als die Erschütterungen an jenem Freitagnachmittag einsetzten. „Ich ahnte recht schnell, dass es diesmal besonders schlimm wird“, sagt der Firmenchef. Das Beben dauerte viel länger als sonst: Der Boden wankte statt weniger Sekunden viele lange Minuten ununterbrochen. Isozaki erinnerte sich dabei an Erzählungen seiner Mutter von dem schweren Beben, das Tokio vor knapp neunzig Jahren komplett verwüstet hat.

Doch jetzt war keine Zeit für langes Nachdenken. Isozaki ist hier der Chef. Er griff sich seinen Helm und nutzte eine Pause in den Beben, um seinen Mitarbeiter bei der Evakuierung auf den Notsammelplatz neben dem Hauptgebäude zu helfen. Draußen lag noch Schnee, erinnert er sich. Die 800 Werksangestellten standen frierend in ordentlichen Reihen in der Kälte, während ein Team der Personalabteilung die Anwesenheit prüfte.

Als erfahrener Fabrikleiter wusste Isozaki, dass auf ihn und seine Leute jetzt ein Kraftakt ohnegleichen zukommen würde. Sein Unternehmen ist eine Produktionstochter des Elektronikherstellers Casio. Es stellt unter anderem sämtliche Uhrwerke des Konzerns her. Wenn Isozaki die Bänder nicht bald wieder als Laufen bekäme, würden auch alle anderen Standorte darunter leiden. Doch nun waren die Präzisionsmaschinen durchgeschüttelt, Paletten mit Teilen umgestürzt.

Heute, ein knappes halbes Jahr später, überwindet Japan nach und nach seinen Schock. Nur langsam zeichnet sich ein Konsens ab, wie mit der Katastrophe umzugehen ist. Die Medien kennen immer noch kein anderes Thema, die Folgen der Katastrophe berühren fast jedes Gespräch. Für das einst so unbefangene und technikgläubige Inselvolk ist nichts mehr so, wie es einmal war. Der 11. März 2011 ist für Japan eine Wendepunkt in der Geschichte wie der 11. September 2001 einer für die Vereinigten Staaten war.

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