Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.11.2013

23:18 Uhr

Jassir Arafat

Experten entdecken Hinweise auf Polonium-Vergiftung

Ein neues Schweizer Gutachten findet „unerwartet hohes Niveau“ von Gift in der Leiche des Palästinenserführers. Dem Nahen Osten droht ein Polit-Skandal. Israel kritisiert die Studie als „unseriös“.

Neue Erkenntnisse

Wurde Palästinenser-Präsident Arafat radioaktiv vergiftet?

Neue Erkenntnisse: Wurde Palästinenser-Präsident Arafat radioaktiv vergiftet?

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Tel AvivDer frühere Palästinenserführer Jassir Arafat ist 2004 möglicherweise doch einem Giftmord zum Opfer gefallen. Darauf zumindest deuten Untersuchungsergebnisse Schweizer Experten hin, übe die der TV-Sender Al-Dschasira und die britische Zeitung „Guardian“ am Mittwoch berichteten. Gewebeproben Arafats hätten 18-mal mehr Polonium enthalten als normal.

„Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass er keines natürlichen Todes starb“, sagte Arafats Witwe Suha Arafat am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters in Paris. Sie berief sich dabei auf Ergebnisse einer Schweizer Untersuchung des Leichnams. „Wir decken ein echtes Verbrechen auf, ein politisches Attentat.“

Al-Dschasira gegenüber bezeichnete Suha Arafat den Vorfall als „Verbrechen des Jahrhunderts“. Die Palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah wollte zu den Berichten zunächst keine Stellung nehmen. Sie hatte am Vortag bekräftigt, dass sie die Ergebnisse der Untersuchungen erst öffentlich machen werde, wenn alle drei Gutachten vorlägen.

Hürden auf dem Weg zum Nahost-Frieden

Siedler

Nach Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation Betselem gibt es im Westjordanland 125 von Israel genehmigte Siedlungen. Hinzu kommen etwa 100 „wilde“ Siedlungen, die nach israelischem Recht zwar illegal sind, aber dennoch vom Staat unterstützt werden. Mit dem Siedlungsbau hat sich Israel immer wieder über das Völkerrecht hinweggesetzt.

Grenzen

Die Palästinenser wollen ihren Staat in den 1967 von Israel besetzten Gebieten Westjordanland, Gazastreifen und Ost-Jerusalem einrichten. Aus dem Gazastreifen hat sich Israel bereits 2005 zurückgezogen. Israel will aber seine großen Siedlungsblöcke im Westjordanland ebenso behalten wie eine Militärpräsenz im Jordantal an der Grenze zu Jordanien. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hat seine Bereitschaft zum Gebietsaustausch signalisiert.

Jerusalem

Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders heftig umstritten. Jerusalem gilt den Muslimen als drittheiligste Stätte. Israel beharrt darauf, Jerusalem sei seine „ewige und unteilbare“ Hauptstadt. Dagegen beanspruchen die Palästinenser den von Israel annektierten Ostteil Jerusalems als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Dort liegt aber die Klagemauer, der heiligste Ort für Juden.

Sicherheit

Bei Selbstmordanschlägen palästinensischer Terroristen sind in den vergangenen Jahrzehnten viele Israelis getötet worden. Die radikalislamische Hamas schoss aus dem Gazastreifen Tausende Kleinraketen auf israelische Grenzstädte. Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei.

Flüchtlinge

Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerkes UNRWA in den Palästinensergebieten sowie in Israels Nachbarländern etwa 5,3 Millionen registrierte Palästinenser, unter ihnen 4,9 Millionen Flüchtlinge und deren Nachkommen. Sie sollen nach dem Willen Israels kein Recht auf Rückkehr nach Israel erhalten. Die Palästinenser beharren offiziell auf ihrem „Rückkehrrecht“ nach Israel, was die Juden dort zur Minderheit machen würde.

Wasser

Schon seit Jahrzehnten wird vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist.

Die Nachrichtenagentur AFP erfuhr aus informierten Kreisen in Ramallah, die Angaben von Al-Dschasira würden stimmen. Laut dem Bericht von zehn Schweizer Experten fanden die vorgenommenen „neuen toxikologischen und radio-toxikologischen Untersuchungen“ ein „unerwartet hohes Niveau von Polonium-210- und Blei-201-Aktivität“ in den untersuchten Proben.

Russische Experten hatten bereits erklärt, sie hätten keine Hinweise auf eine Polonium-Vergiftung finden können. Ein französisches Gutachten steht noch aus. Alle drei Expertenteams hatten die Gewebeproben - unter anderem aus einer Rippe und dem Beckenbereich Arafats - bei der Exhumierung der Leiche vor knapp einem Jahr entnommen.

Die Schweizer Experten vom Institut de radiophysique in Lausanne hatten ihr Ergebnis der Untersuchung am Dienstag der Palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah zugeleitet.

Die Frage, wer den im Alter von 75 Jahren in einem französischen Militärhospital gestorbenen Arafat vergiftet haben könnte, ist allerdings völlig unklar. Israel hat entsprechende Vorwürfe von palästinensischer Seite stets zurückgewiesen.

Für viele Palästinenser steht hingegen außer Zweifel, dass nur Israel hinter der plötzlichen Erkrankung und dem schnellen Tod ihres Idols stecken könne. Allerdings hatte Arafats wegen seines autoritären Führungsstils und wuchernder Korruption innerhalb der Palästinenserführung auch anderswo viele Feinde.

Kommentare (7)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

06.11.2013, 19:27 Uhr

Jetzt müsste man nur noch "Pollonium" richtig schreiben können.

Account gelöscht!

06.11.2013, 19:57 Uhr

Schneller getippt als gedacht. Danke für den Hinweis, der Fehler wurde inzwischen korrigiert!

so-isses

06.11.2013, 20:43 Uhr

es deuteten viele Hinweise von Vergiftung aufs Arafats Tod, aber er wurde ohne weitere Analyse und Nachforschung schnellstens Beerdigt.
Arafat war fuer lange Zeit in dem von Israelis umstellten PLO Hauptquatier im Gazastreifen quasi Gefangener. Erst als er ploetzlich schwer erkrankte wurde er nach in Ausland gebracht.
Israel hatte groesstes Interesse Arafat zu beseitigen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×