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07.01.2016

14:19 Uhr

Je suis Charlie – ein Jahr danach

Angst, Zwist und Mitarbeiternöte

VonTanja Kuchenbecker

Charlie Hebdo ist nach den Anschlägen zum Symbol der Meinungsfreiheit geworden. Die Zeitschrift steigerte ihre Auflage rasant und hat keine Geldnöte mehr. Dafür plagen Charlie Hebdo und ihre Mitarbeiter andere Sorgen.

Ein Jahr nach dem Attentat

„Charlie Hebdo hat Frankreich verändert“

Ein Jahr nach dem Attentat: „Charlie Hebdo hat Frankreich verändert“

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Paris„Je suis Charlie“ - der Satz ging vor einem Jahr um die Welt und wurde zum Symbol für Meinungsfreiheit. Franzosen und Politiker aus dem Ausland nahmen an einem großen Friedensmarsch in Paris teil. Es sollte ein Symbol der Stärke sein und ein Zeichen gegen den Terrorismus setzen. Die kleine - und vorher im Ausland unbekannte - Satirezeitschrift Charlie Hebdo, die Religionen und Institutionen auf die Schippe nimmt, wurde zum Inbegriff der Meinungsfreiheit nicht nur in Frankreich, sondern in der ganzen Welt.

Vor den Anschlägen hatte Charlie Hebdo mit einer sinkenden Nachfrage gekämpft. Die Auflage lag bei gerade einmal 30.000 Exemplare, die Zeitschrift galt als altmodisch - dem Stil der 70er Jahre verhaftet. Zeichner Charb hatte einen Monat vor dem Anschlag sogar eine Petition lanciert und um Unterstützung gebeten.

Charb starb wie andere der bekannten Zeichner. Die Überlebenden brauchten viel Kraft, um weiter jeden Mittwoch 16 Satire-Seiten zu füllen.

Der Horror war immer präsent, viele hatten die Leichen der Kollegen gesehen. „Zwischen psychologischen Therapiesitzungen kämpfte die Redaktion um ihr Überleben“, erzählte Chefredakteur Gérard Biard. Nicht aufgeben hieß die Devise. Nach dem Anschlag fand der Verlag erst in den Büros der befreundeten Tagezeitung „Liberation“ Unterschlupf, die scharf bewacht wurde. Seit einiger Zeit hat Charlie Hebdo wieder eigene Büroräume, die aber geheim gehalten werden.

Die erste Ausgabe nach dem Anschlag am 14. Januar 2015 war sensationell hoch: Sie lag bei acht Millionen Exemplaren. Geldsorgen hat Charlie Hebdo daher nicht mehr, die Gewinne sind hoch. Die Zeitschrift bekam außerdem insgesamt Spenden in Höhe von vier Millionen Euro, aus dem In- und Ausland. Das Magazin gab die Gelder dem französischen Staat, damit dieser sie an die Opfer verteilt.

Wie die Anschläge von Paris die Konjunktur beeinflussen

Tourismus

Die Flugbuchungen in die französische Hauptstadt sind um mehr als ein Viertel zurückgegangen. In den Tagen nach den Anschlägen habe es im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein Minus von 27 Prozent gegeben, erklärt das Unternehmen ForwardKeys. Es wertet nach eigenen Angaben täglich die Daten von 14 Millionen Reservierungen aus. Sowohl Privatleute als auch Geschäftsreisende machen demnach einen Bogen um Paris. Frankreich ist das meistbesuchte Land der Welt. Nach Paris kamen im vergangenen Jahr 32,2 Millionen Besucher. Der französische Hotelier Accor und die Fluggesellschaft Air France-KLM verzeichneten an der Börse teils starke Kursrückgänge.

Dämpfer für Dienstleister

Hier hat sich die Stimmung in Frankreich merklich eingetrübt: Der Einkaufsmanagerindex für den Service-Sektor fiel im November um 1,4 auf 51,3 Punkte und signalisiert damit nur noch ein geringes Wachstum. Das fand das Markit-Institut bei seiner Unternehmensumfrage heraus. „Der Hauptgrund dafür sind die Anschläge“, sagt Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson. „Aber die Erfahrung lehrt, dass solche Ereignisse nur einen kurzzeitigen Einfluss haben.“ Gut 60 Prozent der Antworten der Manager gingen nach den Anschlägen ein.

Unberührte Konjunktur

Anders als in Frankreich zeigen die jüngsten Indikatoren der anderen großen Euro-Länder Deutschland, Italien und Spanien nach oben. Die Stimmung in den Chefetagen deutscher Unternehmen etwa ist derzeit so gut wie seit anderthalb Jahren nicht mehr. „Die deutsche Wirtschaft zeigt sich von der zunehmenden weltweiten Unsicherheit unbeeindruckt“, betont Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn zur Umfrage seines Instituts unter 7000 Managern. „Nicht einmal die Anschläge von Paris haben sich in den Daten negativ bemerkbar gemacht.“

Erholte Aktienmärkte

Der Pariser Leitindex brach am ersten Handelstag nach den Anschlägen zunächst ein, machte seine Verluste aber rasch wieder wett. Inzwischen liegt das Barometer höher als davor. Ähnlich sieht es in Deutschland aus: Der Dax hat seit dem 13. November rund sechs Prozent zugelegt. Ein Treiber dafür ist die Aussicht auf eine weitere Lockerung der EZB-Geldpolitik. Der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock rechnet im Falle neuer Anschläge wie in Paris allerdings mit Verwerfungen. „Sollte es in den kommenden Wochen weitere Angriffe dieser Art geben, dürfte die Börse beim nächsten Mal heftig reagieren“, warnt Deutschland-Chef Christian Staub.

Mehr Staatsschulden

Frankreich wird nach Worten von Regierungschef Manuel Valls wegen steigender Ausgaben für die Sicherheit das EU-Ziel für das Staatsdefizit verfehlen. Die Vorgaben würden auf keinen Fall eingehalten, da man nicht an anderer Stelle sparen werde, sagt Valls. Die EU-Kommission müsse verstehen, dass „dies ein Kampf ist, der Frankreich betrifft und auch Europa“, betont Valls mit Blick auf das Vorgehen gegen die Extremistenmiliz IS. Die Regierung will rund Zehntausend zusätzliche Polizisten und Sicherheitskräfte einstellen. Der Haushaltsentwurf für 2016 sieht bislang vor, dass Frankreichs Defizit auf 3,3 Prozent sinkt von 3,8 Prozent 2015. Die Obergrenze in der EU für neue Schulden im Verhältnis zur Wirtschaftskraft liegt bei drei Prozent.

Verbraucher

Das Konsumklima in Frankreich blieb im November stabil. Allerdings: 93 Prozent der befragten Franzosen antworteten bereits vor den Anschlägen, weshalb es erst im Dezember ein genaueres Bild geben dürfte – ebenso in Deutschland. Die Angst vor Anschlägen kann Experten zufolge das gerade begonnene Weihnachtsgeschäft im Einzelhandel beeinträchtigen. „Es ist vorstellbar, dass sich dies auf die Konsumstimmung niederschlägt“, sagt Rolf Bürkl von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). „Es ist möglich, dass der eine oder andere die Innenstädte oder Weihnachtsmärkte meidet.“ Davon könne dann aber der Online-Handel profitieren. Auch die deutschen Einzelhändler sind besorgt. „Das alles lässt uns nicht unberührt“, sagt der Präsident des Branchenverbandes HDE, Josef Sanktjohanser.

Die Zahl der Abonnenten stieg von vorher 8000 auf 270.000 und ging dann wieder auf 180.000 zurück, zusätzlich am Kiosk verkauft werden 100.000. Insgesamt verfügt die Zeitschrift nun über ein Finanzpolster von 20 Millionen Euro. Doch die Millionen waren nicht nur ein Segen, es kam zu einem Zwist in der Redaktion. Einige Mitarbeiter verlangten mehr Mitspracherechte.

Sie fürchteten, dass sich die Aktionäre, darunter Zeichner Riss und Finanzdirektor Eric Portheault, das Geld in die Tasche stecken könnten, wie es schon mal passiert ist, als Charlie Hebdo nach einem spektakulären Islam-Titel im Jahr 2006 plötzlich viel Geld in der Kasse hatte. Karikaturist Luz verließ das ohnehin schon geschwächte Blatt.

Nach dem Tod der prominenten Zeichner fehlen Charlie Hebdo nun große Talente. Häufig kommt es zu Kritik an Karikaturen, wenngleich sie noch immer für Aufsehen sorgen. Der Vatikan kritisierte das Titelbild der Jubiläumsausgabe, die mit einer Auflage von einer Millionen Exemplare herauskam und forderte mehr Respekt für Religionen. Auf dem Cover steht „Ein Jahr danach: Der Mörder läuft noch“ . Darunter ist eine Gottesfigur mit Bart, Kalaschnikow und Blutspuren zu sehen. Auch muslimische Organisationen waren über die Titelseite empört.

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