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08.07.2012

09:16 Uhr

Jean-Claude Trichet

„Wir müssen so mutig wie möglich sein“

VonGabor Steingart, Thomas Hanke, Dirk Heilmann

Ex-EZB-Präsident Jean-Claude Trichet plädiert im Handelsblatt-Interview für eine Banken- und Fiskalunion. Für ihn ist die aktuelle Krise mehr eine Krise der Banken und einzelner Staaten als eine Krise des Euros.

Jean-Claude Trichet glaubt, dass der Euro die aktuelle Krise überleben wird. dpa

Jean-Claude Trichet glaubt, dass der Euro die aktuelle Krise überleben wird.

Handelsblatt: Monsieur Trichet, der November 2003 muss eine für Sie sorglose Zeit gewesen sein. Die Weltwirtschaft boomte, der Häusermarkt in den USA entwickelte sich prächtig, die Investmentbanken meldeten Rekordgewinne. Erinnern Sie sich noch an Ihre Amtseinführung im Frankfurter EZB-Hochhaus?

Jean-Claude Trichet: Natürlich. Aber ich erinnere mich an eine durchaus bewegte Zeit. In drei großen Staaten, Deutschland war einer davon, tobte die Auseinandersetzung um den Bruch des Stabilitäts- und Wachstumspakts. Am allerersten Tag, ich hatte kaum auf meinem Stuhl in Frankfurt Platz genommen, ging es schon los. Die drei Länder wollten verhindern, dass ein Sanktionsverfahren gegen sie verschärft würde. Und insgesamt herrschte eine Stimmung milder Nachlässigkeit. Darauf mussten wir als Notenbanker reagieren.

Euro-Krise: Warum sich Amerikaner und Europäer nicht verstehen

Euro-Krise

Warum sich Amerikaner und Europäer nicht verstehen

Die Diskussion über den Euro ist von Missverständnissen geprägt. Die Europäer wollen ihren Fehler nicht wahrhaben, die Amerikaner verstehen das zwanghafte Festhalten am Euro nicht. Ein Erklärungsversuch.

Fremdelten Sie noch ein wenig mit der Institution, ihrer diskreten Sprache, ihrer enormen Macht?

Nein, überhaupt nicht, ich war ja als Mitglied des EZB-Rates schon oft da gewesen und als Gouverneur der Banque de France seit Jahren in engem Kontakt mit den anderen Zentralbankchefs wie meinem Freund Hans Tietmeyer. Den kannte ich übrigens schon, als er Staatssekretär im Finanzministerium war und ich das französische Schatzamt leitete. Ich fühlte mich fast wie zu Hause in Frankfurt - auch wenn ich nicht genug Zeit hatte, all die wunderschönen Museen der Stadt zu besichtigen. Freundlicherweise bekam ich im „Frankfurter Hof" immer dasselbe Zimmer, das hat mir geholfen, jedes Gefühl von Fremdheit zu verlieren.

Waren Sie stolz? Eine der wichtigsten Positionen, die ein Mensch in Europa erreichen kann, hatten Sie erklommen.

Ich muss gestehen, dass ich mich schon sehr geehrt fühlte. Und gleichzeitig fühlte ich die schwere Last auf meinen Schultern. Man sieht nicht nur Europa, sondern die ganze Welt aus einer ganz anderen Perspektive.

Die Beschlüsse des Euro-Gipfels im Überblick

Direkte Bankenhilfe

Um den Teufelskreis zwischen angeschlagenen Banken und Staatsfinanzen zu durchbrechen, sollen Geldhäuser direkt aus dem Rettungsfonds ESM rekapitalisiert werden, heißt es in der Gipfelerklärung. Durch die Notkredite wird sich dann die öffentliche Verschuldung nicht mehr erhöhen - und die Zinsen könnten sinken. Mit dem Beschluss wird eine Kernforderung Spaniens erfüllt. Aber auch Irland wird in Aussicht gestellt, davon Gebrauch machen zu können, um die Schuldentragfähigkeit zu erhöhen. Die Hilfe soll an „angemessene Bedingungen" geknüpft werden.

Bankenaufsicht

Voraussetzung für die direkte Bankenhilfe ist eine effiziente Aufsicht auf der Euro-Ebene. Die Kommission wurde beauftragt, in Kürze einen Vorschlag für einen entsprechenden Mechanismus zu präsentieren, an dem die Europäische Zentralbank beteiligt sein soll. Die Mitgliedsstaaten werden aufgerufen, den Gesetzesvorschlag vordringlich bis Ende des Jahres zu prüfen.

Rettung für spanische Banken

Das bereits zugesagte Rettungsprogramm für die spanischen Banken soll so schnell wie möglich beschlossen werden. Anders als bislang vorgesehen, sollen die Kredite der Europartner keinen Vorrang vor Krediten der Privatgläubiger haben, wenn das Geld aus dem ESM kommt. Im Falle einer Pleite müssten die öffentlichen Geldgeber also genauso verzichten wie die Privatwirtschaft.

Spar- und Reformverpflichtungen

Länder, die den Brüsseler Spar- und Reformverpflichtungen nachgehen, erhalten einen erleichterten Zugang zu den Rettungsschirmen. Wenn sie die Instrumente - etwa den Aufkauf von Staatsanleihen durch den Fonds - nutzen, müssen sie sich keinem zusätzlichen Anpassungsprogramm unterwerfen. Sie müssen lediglich eine Vereinbarung unterzeichnen, dass sie die Vorgaben aus dem Stabilitäts- und Wachstumspakt und die Hausaufgaben der Kommission fristgerecht erfüllen. Das ist ein großes Entgegenkommen an Italien, das bislang aus Sorge vor den strengen Konditionen vor dem Griff zum Eurotropf zurückgeschreckt war.

Zeitplan

Die Eurogruppe soll die Beschlüsse bis zum 9. Juli umsetzen.

Europäische Integration

Die Vertiefung der Eurozone wird vorangetrieben. Die Euro-Chefs einigten sich auf die Baustellen: Den Aufbau einer Banken-Union, einer Fiskal-Union und einer politischen Union. Im Arbeitspapier der Vierergruppe um EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy findet sich weiterhin der Unterpunkt einer schrittweisen Ausgabe von Gemeinschaftsanleihen. Die Bundesregierung wies die Mutmaßung von Italiens Ministerpräsident Mario Monti zurück, damit sei die Tür zu Euro-Bonds geöffnet. Über die Inhalte soll erst auf dem nächsten Gipfel im Oktober gesprochen werden.

Funktionierte die EZB bereits, gab es bereits ein echtes Zusammengehörigkeitsgefühl, oder fühlten Sie sich als Bauleiter auf einer Baustelle?

Die Bank funktionierte, aber sie war noch jung und musste reifen. Nachdem wir die besten und hellsten Köpfe eingestellt hatten, mussten wir uns auf Effektivität und Effizienz in der täglichen Arbeit konzentrieren, um Preisstabilität für 330 Millionen Bürger zu garantieren. Das war übrigens hochinteressant für mich: zu erleben, wie stark die Bürger nach Preisstabilität verlangen.

So viel kostet Europa

Rettungsfonds EFSM

Beim Rettungsfonds EFSM stehen 60 Milliarden Euro zu Buche. Der deutsche Anteil beträgt dabei 12 Milliarden Euro.

1. Rettungspaket für Griechenland (IWF und EU)

Griechenland erhielt durch das erste Rettungspaket 110 Milliarden Euro, 24 Milliarden davon kamen aus Deutschland.

Einlagensicherungsfonds (von Experten geschätzt)

Nach Schätzung der Citigroup müsste der von der EU-Kommission geforderte Einlagensicherungsfonds ein Volumen von 197 Milliarden Euro haben. Der deutsche Anteil läge dann bei bis zu 55 Milliarden Euro.

EZB-Staatsanleihenkäufe

Die Europäische Zentralbank hat Staatsanleihen für 209 Milliarden Euro eingekauft. Der Bund ist daran mit 57 Milliarden Euro, also mehr als einem Viertel, beteiligt.

IWF-Beitrag zu den Rettungspaketen

Der Internationale Währungsfonds zahlte 250 Milliarden Euro für die Rettungspakete. Deutschland gab dafür 15 Milliarden.

Geplanter ESM

Der dauerhafte Rettungsschirm soll ein Volumen von 700 Milliarden Euro haben. Deutschland wäre daran mit 190 Milliarden Euro beteiligt.

Bürgschaften im Rettungsfonds EFSF

Der Rettungsfonds bürgt mit 780 Milliarden, Deutschland allein mit 253 Milliarden Euro.

Target-Verbindlichkeiten

Die Target-Verbindlichkeiten liegen innerhalb des EZB-Verrechnungssystem bei 818 Milliarden Euro. Der deutsche Anteil daran beträgt 349 Milliarden Euro.

War das so neu für Sie?

Ich kannte es aus Frankreich, wo die Menschen auch stabile Preise wollen. Aber es war interessant, zu erleben, wie sehr die Menschen „auf der Straße" in Deutschland den Kampf gegen die Inflation unterstützen. Das ist in Deutschland kein Elitenprojekt, sondern im besten Sinne Volkes Wille.

Kommentare (37)

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khaniba

08.07.2012, 10:32 Uhr

"Wir müssen so mutig wie möglich sein" und alle Kleinsparer und "nicht bedeutenden" Menschen wirtschaftlich notfalls ausradieren. Warum lärmt eigentlich WAIGEL nicht mehr herum?? "Den EURO wird es noch 400 Jahre geben"...oder ist er in einer oberbayerischen Bergschlucht verschollen? Jetzt lohnt das Zinssparen für den Kleinen, ja wenig bedeutenden Menschen für seine einst so als herausragend popularisierte Altersvorsorge auch nicht mehr. Stets wurde nur der Finanzindustrie in die Hände gespielt, den Kleinen das Geld aus der in harter Arbeit gefüllten und schon am 20.d.M. geleerten Tasche herausgesogen. Seit den Rettungsschirmen und 400 EUR-Jobs sieht man, dass dort immer weniger zu holen ist, daher Rettungsschirme. Lachhaft. Triviales Machtgetöse - erleben wir den Untergang? Ein Erdbeben in Berlin unterhalb des Reichstages wäre hilfreich.

Account gelöscht!

08.07.2012, 10:35 Uhr

Oha jetzt werden wieder die Pro-Euro Raketenwerfer in Stellung gebracht. Herr Roubini und Herr Trichet mit seitenlangen Aufsätzen.

Leider sind diese doch sehr aus Sicht der Finanzmärkte interessen gesteuert.

Die Vorstellung, das Deutschland freiwillig haftet, und dafür Zugriffsrechte auf die Staaten der Peripherie bekommt, ist doch die perfekte Saat für einen Krieg. Wie kann man so blind sein.

Deutsche und andere Nordländer werden aufbegehren weil sie um die Früchte ihrer Arbeit betrogen werden und die Südländer werden aufbegehren weil sie sich nicht von Deutschland oder einem europäischem Superstaat herumkommandieren lassen wollen.

Soll Deutschland dann Truppen nach Spanien oder Italien schicken, wenn die nicht nach Absprache handeln?
Andersrum kann es natürlich durchaus passieren, das Frankreich Truppen nach Deutschland schickt, um die Zahlung der Eurobonds sicherzustellen.

Völliger Wahnsinn. Aber der Euro bringt den Frieden.

Jeder Leser, der den Euro und seine unlösbaren inhärenten Probleme, aber auch die machtpolitischen Ziele, verstehen will, muss diese Dokumente lesen:

http://www.scribd.com/doc/99210338/Das-Euro-Desaster
http://www.scribd.com/doc/55652909/The-Tragedy-of-the-Euro-Philipp-Bagus

Account gelöscht!

08.07.2012, 10:53 Uhr

ich denke, eine solche Situation können die Politiker und Ökonomen diesmal nicht mit neuen Reformen lösen.
Wir schaffen, mit unserer bisherigen Fiskal- und Geldpolitik, nur Zeit und bauen eine neue Blase auf.
Damit verbrennen wir unnötig Geld und geben der Konjunktur immer wieder Möglichkeiten zur Rezession.
Wir brauchen ein ganz neues System, um die Geldpolitik nachhaltig zu stabilisieren und keine Modifizierung.
Ich bitte um einen Ideologen, der jetzt jahrelang Zeit hatte, empirische Daten zu sammeln, diese auszuwerten und das Geldsystem neu zu revolutionieren.

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