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07.10.2014

10:57 Uhr

Jonathan Hill als EU-Finanzkommissar

Extremist der Gelassenheit

VonMatthias Thibaut

Vom Barkeeper zum EU-Finanzkommissar: Selbst in London ist Jonathan Hill weitgehend unbekannt. Nun soll sich der eigensinnige Lord um die EU-Finanzen kümmern. Die EU-Parlamentarier könnten ihn heute durchfallen lassen.

Immer entspannt: Lord Jonathan Hill könnte der nächste EU-Finanzkommissar werden. Imago

Immer entspannt: Lord Jonathan Hill könnte der nächste EU-Finanzkommissar werden.

LondonIm Oberhaus, wo er oberster parlamentarischer Vertreter des Kabinetts die Regierungsgeschäfte organisierte, galt Lord Hill als „Hans Dampf in allen Gassen“. Wobei diese Etikettierung in seinem Fall nicht nur das übliche Lob für den Typus des wendigen Allrounders war, den die Briten so schätzen. Man kaschierte mit dem Lob, dass eigentlich niemand recht wusste, wer Lord Hill war, was ihn antrieb, woher er kam, und wohin er wollte.

Auch ihn selbst scheinen solche Fragen wenig zu quälen. Verzehrenden Ehrgeiz kann man beim besten Willen nicht als Leitmotiv im Leben des 54-Jährigen ausmachen. „Ich bin nicht besonders gut darin, langfristig vorauszuschauen oder mich mit meiner Vergangenheit zu beschäftigen“, sagte er, als ihn vor einem halben Jahr das Parlamentsmagazin zum Tee besuchte. Hill war „Leader of the Lords“ geworden und wenigstens die Parlamentarier sollten durch ihre Betriebszeitung ein bisschen was über den Mann erfahren.

Die Briten und Europa

Großbritannien wahrt Distanz

Die Beziehung zwischen Großbritannien und der Europäischen Union ist keine einfache. Premierminister David Cameron verstärkt das auch in seiner Rede zur Europapolitik. Schon bevor Cameron zuletzt wiederholt drohte, politische Befugnisse aus Brüssel zurück nach London zu holen, setzte die britische Regierung wiederholt Sonderregeln für die Insel durch – und steht somit immer wieder mit einem Fuß außerhalb der EU.

Der Briten-Rabatt

Da Großbritannien zwar viel in den EU-Haushalt einzahlte, aber kaum von den milliardenschweren Agrarhilfen profitierte, forderte die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher 1984: „I want my money back!“ - „Ich will mein Geld zurück.“

Die „Eiserne Lady“ setzte eine Rabatt-Regelung für ihr Land durch, nach der Großbritannien 66 Prozent seines Nettobeitrags an die EU zurückerhält. Der Rabatt besteht bis heute, obwohl er immer wieder den Unmut anderer EU-Länder erregt, da sie nun den britischen Anteil mittragen müssen. Doch abgeschafft werden kann die Regel nur, wenn auch London zustimmt.

Reisefreiheit

Wer von Deutschland nach Frankreich, Österreich oder in die Niederlande reist, muss dafür seinen Pass nicht vorzeigen. Großbritannien-Urlauber sollten den Ausweis jedoch dabei haben: Die Briten haben sich nicht dem Schengen-Abkommen angeschlossen, das den EU-Bürgern Reisefreiheit von Italien bis Norwegen und von Portugal bis Polen garantiert.

Fiskalpakt

In der Eurokrise ist die an ihrer Pfund-Währung festhaltende britische Insel ein gutes Stück weiter von der Kern-EU weggedriftet. Mit Sorge wurden in London die mühseligen Arbeiten an der Euro-Rettung beobachtet, zudem fürchtete die britische Regierung Folgen für den Finanzstandort London durch strengere Banken-Regulierung oder eine Finanztransaktionssteuer.

Doch wirklich für Empörung in der EU sorgte, dass sich Großbritannien vor rund einem Jahr dem Fiskalpakt für mehr Haushaltsdisziplin nicht anschloss.

Innen- und Justizzusammenarbeit

Seit der EU-Vertrag von Lissabon im Jahr 2009 in Kraft getreten ist, kann Großbritannien wählen, an welchen Gesetzen im Bereich Inneres und Justiz es sich beteiligt. Kürzlich hat die britische Regierung angekündigt, sich auch aus der gesamten Gesetzgebung des Politikfelds zu verabschieden, die bereits vor dem Lissabonvertrag verabschiedet wurde. Das betrifft rund 130 Gesetze.

Das Recht auf einen solchen „Opt Out“ genannten Ausstieg hatte sich London durch eine Sonderregelung gesichert. Im Anschluss will London für als wichtig und interessant erachtete Regelungen eine Beteiligung erneut verhandeln.

Nicht ohne Stolz, mit Selbstironie und dem Understatement, das den echten britischen Gentleman vom Hugh Grant Typ auszeichnet, erzählte Lord Hill der Parlamentszeitung dann, wie er seine Doktorarbeit über russische Geschichte abbrach, weil er für die vorgesehenen fünf Jahre Forschungsdauer „doch nicht borniert genug war“. Er wechselte stattdessen, erster Schritt einer superb entspannten Karriere, vom Doktoranden zum Barkeeper.

Sogar in Großbritannien, wo glühender Ehrgeiz und Selbstbezogenheit als Verstoß gegen den guten Ton gelten, haben wenige auf dem Weg nach oben so wenig Spuren hinterlassen wie Hill. Als er im Juli vom britischen Premier David Cameron als britischer Kandidat für die neue EU-Kommission benannt wurde, fragte ganz Brüssel „Lord Who?“ und begann zu googeln. Viel mehr, als dass er mit Vorname Jonathan und offiziell „Lord Hill of Oareford, in the County of Somerset“ heißt“, 1960 geboren wurde und nie durch demokratische Volkswahl einen Job bekommen oder angestrebt hat, war nicht über ihn herauszubekommen. Was einige in Brüssel nicht hinderte, sofort gegen den Briten ins Feld zu ziehen.

Er könne sich nicht vorstellen, dass Hill für einen Job in der EU-Kommission eine Mehrheit bekomme „mit seinen radikalen antieuropäischen Ansichten“, sagte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, ohne zu erläutern, woher er diese Information hatte.

Kommentare (3)

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Herr Woifi Fischer

07.10.2014, 11:07 Uhr

Vom Barkeeper zum EU-Finanzkommissar.
Wenn Herr Junker nichts Besseres in Europa findet, sollte er von seinem Amt zurücktreten, es ist unfassbar was hier den EU-Bürgern angeboten wird.
Weg mit dieser EU-Kommission, vollkommen überflüssig, alle Macht zurück an die nationalen Parlamente, man spart sehr viel Steuergeld und die überhöhten Pensionen sowie die üppigen Gehälter.

Herr Kurt Siegel

07.10.2014, 11:47 Uhr

Absolut untragbar ist Junckers (notfalls muß man lügen) Personalpolitik; unfähige Menschen und abgehalfterte Politiker erhalten bei der EU ihr üppig dotiertes Gnadenbrot, was für eine Geldverschwendung.

Herr Peter Maus

07.10.2014, 11:57 Uhr

Nun fachliche Kompetenz ist das allerletzte was eine Person für das Amt eines EU-Kommissars (-in) benötigt. Hierfür gibt es Heerscharen von Spezialisten (-innen) und Industrievertreter die behilflich sind in Geheimzirkeln die Details der EU-Gesetzgebung vorzubereiten und auszuformulieren. Alles nur unnötige Details (ob CETA,TTIP,Energiesparlampe,GVOs,Fracking,……)

Wirklichkeitsfremd und ahnungslos sitzen Sie an den gut gefüllten Trögen der Wertegemeinschaft und machen sich satt und froh und denken Sie selber sind Europa.

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