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06.02.2015

14:05 Uhr

Jordanien gegen den IS

Der König der Rache

VonDésirée Linde

Auge um Auge um jeden Preis: Jordaniens König Abdullah II. lässt Extremisten hinrichten, IS-Stellungen angreifen und schwört der Miliz Vergeltung für die Verbrennung ihres Piloten. Doch es steckt mehr dahinter.

Vergeltungsschlag gegen IS

Jordanien rächt toten Piloten mit Bomben und Raketen

Vergeltungsschlag gegen IS: Jordanien rächt toten Piloten mit Bomben und Raketen

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DüsseldorfAuf die Raketen schreiben die jordanischen Piloten „Für euch, ihr Feinde des Islams“, ihr König Abdullah II. posiert statt im maßgeschneiderten Dreiteiler im Tarnanzug und arabische Medien spekulieren gar darüber, ob ihr Monarch selbst den Kampfjet besteigen könnte.

Der 53 Jahre alte König Abdullah von Jordanien hatte prompt auf die Verbrennung des jordanischen Piloten reagiert. Keine zwölf Stunden später ließ er als erste Vergeltung zwei verurteilte Extremisten demonstrativ hinrichten, die verhinderte Selbstmordattentäterin Sajida al-Rishawi und das al-Qaida-Mitglied Ziad al-Karboli. Er versprach mit ernster Miene und kühlem Tonfall seinem Volk den „gnadenlosen Krieg“ gegen den Islamischen Staat.

Der Schock sitzt tief in Jordanien, nachdem die IS-Miliz den Piloten Muas al-Kasasba vor laufender Kamera bei lebendigem Leibe verbrannt hat. Hunderte kondolieren der Familie des Toten. Christen und Muslime beten gemeinsam für den 26-Jährigen. In Jordanien gibt es noch eine relativ große Gemeinschaft von etwa 400.000 Christen bei knapp 6,4 Millionen Einwohnern.

Islamischer Staat: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Woher kommt die Terrormiliz?

Die Miliz ist die Nachfolge-Organisation von al-Qaida im Irak, einer radikalen Widerstandsbewegung, die sich Gebiete im Westen des Landes einverleibte, nachdem die Amerikaner den Diktator Saddam Hussein gestürzt hatten, ohne das Machtvakuum zu füllen.

Es handelt um einen Zusammenschluss von sunnitischen Dschihadisten, ehemaligen Anhängern von Saddam Hussein und von Stammesmitgliedern. Die Zahl der Kämpfer wird neuerdings auf rund 30.000 geschätzt. In ihrem Herrschaftsgebiet haben die Extremisten ein Verwaltungssystem aufgebaut, das jeden Aspekt des Alltags kontrolliert.

Welche Gebiete kontrolliert IS?

Die Terrormiliz hat Schätzungen zufolge rund ein Drittel des syrischen Staatsgebietes eingenommen. Dabei gelang es ihr, einen Korridor zwischen ihren westlichsten Eroberungen nahe Aleppo über nördliche Landstriche bis zu östlichen Landesteilen nahe der Grenze zum Irak zu schaffen.

In der Provinz Aleppo stehen unter anderem die größeren Orte Manbidsch und Al-Bab unter ihrem Kommando, dort weht die schwarze Flagge der Miliz auf Regierungsgebäuden und großen Plätzen. Da die Terrormiliz auf beiden Seiten der syrisch-irkanischen Grenze nahtlos Gebiete kontrolliert, kann sie relativ leicht Kämpfer, Waffen und Güter zwischen beiden Ländern hin- und hertransportieren.

Zuletzt stockt der Vormarsch des IS allerdings. Die Miliz verlor etwa die strategisch wichtige Stadt Tikrit, ebenso wie das über Monate umkämpfe Kobane an der türkischen Grenze.

Was ist die „Hauptstadt“ des Islamischen Staats?

Die IS erklärte Rakka, eine Stadt am Euphrat im Nordosten Syriens mit einer halben Million Einwohner, zur Hauptstadt ihres Kalifats und Sitz ihrer Machtzentrale. IS-Kämpfer aus aller Welt strömten dorthin, einige mit ihren Familien. Obwohl schon immer konservativ und unter großem Einfluss von Stämmen, war Rakka früher ein lebendiges und wirtschaftlich blühendes Zentrum.

Heute patrouilliert rund um die Uhr die Sittenpolizei der IS – die sogenannte Hisba – durch die Straßen. Diese bewaffneten Kämpfer in langen Roben kontrollieren, ob ihre strenge Auslegung des Korans auch umgesetzt wird. Die IS hat Musik und Rauchen verboten. Frauen wurden von der Sittenpolizei angewiesen, sich zu verhüllen. Wer gegen die Scharia verstößt, läuft Gefahr, enthauptet oder ans Kreuz gehängt zu werden. Den Schulen der Stadt diktierte die Miliz kürzlich die Inhalte und strich Fächer wie Philosophie oder Chemie.

Wie stark sind die Kämpfer des IS?

Seit Anfang 2014 führt die Miliz mit den gemäßigten und vom Westen unterstützten Rebellen in Syrien einen Zermürbungskrieg. Dabei stürmen IS-Kämpfer Außenposten der Rebellen und nehmen ihnen Ort für Ort durch Gewalt und Einschüchterung ab.

Die Zahl der Kämpfer lässt sich nur schätzen. Fest steht jedoch, dass die Extremisten seit Beginn ihres Vormarsches im Irak Anfang Juni 2014 starken Zulauf bekommen haben. Der US-Geheimdienst CIA geht davon aus, dass die Gruppe in Syrien und im Irak zwischen 20.000 und 31.500 Kämpfer hat. Diese Zahl unterscheidet sich deutlich von den Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Sie schätzt die Zahl der IS-Kämpfer allein in Syrien auf rund 50.000, davon etwa 20.000 aus dem Ausland. Die Menschenrechtler stützen sich bei ihren Informationen auf ein Netz von Aktivisten in Syrien.

Welche Rohstoffe hält IS in der Hand?

Die Terrormiliz hatte im bis Herbst 2014 faktisch alle größeren Ölfelder im Osten Syriens, darunter das landesweit größte namens Omar mit einer Förderkapazität von 75.000 Barrel pro Tag erobert. Der IS nahm die Produktion teilweise auf und finanzierte sich auch über den Verkauf von Rohöl unter Marktpreisen. Das geförderte Öl werde über Mittelsmänner an die Türkei und den Irak geliefert.

Doch nach dem Verlust von Tikrit Anfang April 2015 hat die Terrororganisation auch mindestens drei Ölfelder verloren. Damit bleibt der Miliz im Irak nur noch ein einziges Ölfeld: Qayara mit einer Förderkapazität von gerade einmal 2000 Barrel am Tag. Das seien gerade noch fünf Prozent der zuvor vom IS innerhalb des Irak kontrollierten Menge.

Wie verhält sich der syrische Diktator Assad?

Syriens Präsident hat vor kurzem die Luftangriffe auf IS-Hochburgen verstärken lassen. Die Regierung öffnete die Türen für eine mögliche Kooperation mit den USA im Kampf gegen IS, sie stellte aber zugleich klar, dass jeglicher Angriff mit Damaskus abgestimmt sein müsse. Für die US-Regierung ist dies allerdings ein Problem: Sie möchte nicht an Assads Seite erscheinen, zumal sie dessen Rücktritt seit Jahren verlangt. Unter der Hand machte das Assad-Regime lange sogar Geschäfte mit den Terroristen nach dem Motto: Strom gegen Öl.

Was können die USA mit Luftschlägen ausrichten?

Jedweder Luftschlag der USA in Syrien würde sich wahrscheinlich auf Gebiete nahe der Grenze zum Irak sowie militärische Ziele wie Trainingslager in Rakka konzentrieren. Dort verfügt Assad kaum über Luftabwehr.

In jedem Fall werden sich Luftangriffe schwieriger gestalten als im Irak: Dort segnet Bagdad das Vorgehen ab, zudem verlaufen die Frontlinien deutlicher. In Syrien hingegen gibt es auf engem Raum verschiedene Fraktionen, zu denen neben IS auch der al-Qaida-Ableger Nusra-Front, die vom Westen unterstützten Rebellen der Freien Syrischen Armee und die Regierungstruppen gehören. Während die gemäßigten Rebellen US-Luftschläge fordern, lehnen die extremeren Kämpfer ein Engagement der USA ab.

Auf den Straßen fordern Demonstranten die Vernichtung des IS oder – auch darüber diskutiert Jordanien nun – das Ausscheiden aus der US-geführten Anti-IS-Koalition. Letzteres ist vermutlich das Ziel der Miliz. Neben den USA, Frankreich und Großbritannien beteiligten sich bislang auch Saudi-Arabien, die Emirate und Bahrain an den Luftangriffen gegen die blutrünstige Terrormiliz. Doch mittlerweile zeigt die fragile, regionale Kriegskoalition erste Risse.

Die Saudis fliegen nur noch wenige symbolische Einsätze. Die Arabischen Emirate, die sich anfangs mit einer Bomberpilotin brüsteten, stiegen sogar ganz aus, wie die „New York Times“ am Mittwoch berichtet. Dutzende Kampfjets bombardierten Ausbildungszentren und Waffenlager in Syrien, wie die Armee mitteilte. Derzeit sieht es nicht so aus, als würde die Rechnung bei dem für die Region ungleich wichtigerem Player, dem haschemitischen Königreich, ebenfalls aufgehen.

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Jede vierte Waffe kommt aus China, jede fünfte aus den USA: Die IS-Terrormiliz kämpft mit teils hochmodernem Kriegsgerät. Einst war es zur Stabilisation der Region gedacht. Wie es in die Hände der Terroristen gelangte.

Und das liegt auch an König Abdullah Ibn al-Hussein. Die Brachial-Rhetorik, Racheschwüre und sein kriegerisches Posing in Tarnanzug ist mehr fürs eigene Volk gedacht als an die Adresse des IS gerichtet. Denn Abschreckung funktioniert bei der Terrormiliz nicht, die Menschen vor laufenden Kameras enthauptet, lebendig verbrennt und ihre Opfer oftmals nicht einmal begräbt, damit Tiere den toten Körpern die letzte Würde nehmen. Auch die Hinrichtung der beiden Islamisten war eine bloße Reaktion auf die Panik im eigenen Land. Denn der IS hat damit zwei Märtyrer mehr.

König Abdullah gilt als besonnener Staatslenker, recht unempfänglich für Kurzschlussreaktionen. Auf dem internationalen Parkett kommt er eher daher wie der nette Bankangestellte mit Anzug und akkurat kurz geschnittenem grau meliertem Haar.

Er scheut die große Bühne und überlässt die öffentlichkeitswirksamen Auftritte gern seiner Frau Rania, die dem Königreich durch ihren Einsatz für Menschenrechte und Frauen gern den demokratischen Anstrich verpasst, den der Westen so gern hat. Wirkliche demokratische Reformen, etwa zur Rede- und Pressefreiheit, hat ihr Mann bislang allerdings nicht umgesetzt.

Kommentare (8)

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Herr C. Falk

06.02.2015, 14:31 Uhr

Ich habe kürzlich gelesen, dass nur eine Kraft in der Lage ist den IS zu besiegen und das sind die sunnitischen Stammeskrieger des Irak. Der IS ist hervorragend organisiert nicht zuletzt militärisch durch den Beitritt von weiten Teilen des Offizierscops des alten Ex-Herrschers des Irak, Saddam Hussain.

Der dschihhadistische IS ist rein sunnitisch, schon deshalb hat er auch viele Sympatien der radikalisierten Sunniten im Irak, weil sich diese von den Schiiten ausmaövriert sehen.

Durch bloße Luftschläge ist der IS nicht zu besiegen und die kurdischen Peshmerga stehen eher in Abwehrkämpfen und können nur begrenzt offensiv werden.

Der IS ist die Schlangengeburt einer US-Politik, die mit zwei Golfkriegen die nahöstliche Stabilität und deren höchst fragiles Macht-und Einflussszenario nachhaltig gestört hat.

Scholl-Latour hat auch diesesmal wieder recht behalten. "Der Fluch der bösen Tat".

Herr richard roehl

06.02.2015, 14:40 Uhr

....Abdullah Ibn al-Husseintrat als 18-Jähriger der Königlichen Militärakademie Sandhurst in Großbritannien bei, ... Bevor er als König 1999 als König Oberbefehlshaber des jordanischen Militärs wurde - Liest das wenigstens ein Lektor beim HB mal quer, bevor es ins Netz gestellt wird? Das ist ja grauenvoll!

Herr mathias müller

06.02.2015, 14:53 Uhr

Warum wurde der jordanische Kampfjetflieger von der IS getötet????

Wie viele hat dieser Jordanier vorher getötet????

KÖNIG von US-Gnaden - und vor allem mit militärischen Denkweise, offen für
RACHEAKTE.

Dies bedeutet " Er hat sich stets bemüht" Kann aber NICHTS
Eines Königs unwürdig, bringt sein Land nur in kriegerische Auseinandersetzungen

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