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04.02.2015

19:21 Uhr

Jordanien

Wenn die letzte Bastion fällt

VonMartin Gehlen

In Jordanien sitzt der Schock tief. Nach der Gräueltat der Terrormiliz Islamischer Staat wächst der Druck, aus der Anti-IS-Koalition auszuscheiden. Denn viele Bürger sympathisieren mit den Terroristen.

Jordaniens Antwort auf IS

„Unsere Rache wird schmerzhaft sein“

Jordaniens Antwort auf IS: „Unsere Rache wird schmerzhaft sein“

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KairoJordaniens König Abdullah II. war gerade in der amerikanischen Hauptstadt, als ihn die Bilder von dem abscheulichen IS-Video erreichten, auf dem der gefangene F-16-Pilot Maaz al-Kassasbeh in oranger Guantanamo-Kleidung bei lebendigem Leib angezündet und verbrannt wird.

„Mit Wut und Trauer haben wir die Nachricht vernommen, dass der Pilot und Held Maaz al-Kassasbeh von der Terrororganisation IS getötet wurde – von der feigen, fehlgeleiteten Verbrecherbande, die nichts mit unserer Religion zu tun hat“, erklärte der sichtlich bewegte Monarch noch von Washington aus im heimischen Staatsfernsehen, bevor er seinen US-Besuch abbrach und nach Hause zurückflog.

In solch schwierigen Zeiten sei es Pflicht der Söhne und Töchter der Nation zusammenzuhalten. Dies werde letztlich zu größerer Stärke führen, fügte Abdullah II. hinzu und ließ keine zwölf Stunden später als erste Vergeltung zwei verurteilte Extremisten demonstrativ hinrichten, die verhinderte Selbstmordattentäterin Sajida al-Rishawi und das Al Qaida-Mitglied Ziad al-Karboli.

Gleichzeitig kündigte seine Regierung dem „Islamischen Staat“ eine Antwort an, die die Erde werde erbeben lassen. „Das Blut des Märtyrers ist nicht umsonst geflossen“, deklamierte ein Armeesprecher. „Unsere Rache wird das Ausmaß des Schmerzes haben, der allen Jordaniern zugefügt wurde.“ In Amman und Kerak, der Heimat des 26-jährigen Offiziers, kam es zu spontanen Protesten gegen die mörderischen Fanatiker, aber auch gegen die eigene Regierung.

Und so können weder die martialische offizielle Rhetorik noch die Sprechchöre auf den Straßen verdecken – der Schock sitzt tief in Jordanien und der Druck wächst, aus der Anti-IS-Koalition auszuscheiden. Neben den USA, Frankreich und Großbritannien beteiligten sich bislang auch Saudi-Arabien, die Emirate und Bahrain an den Luftangriffen gegen die blutrünstige Terrormiliz. Doch mittlerweile zeigt die fragile, regionale Kriegskoalition erste Risse.

Islamischer Staat: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Woher kommt die Terrormiliz?

Die Miliz ist die Nachfolge-Organisation von al-Qaida im Irak, einer radikalen Widerstandsbewegung, die sich Gebiete im Westen des Landes einverleibte, nachdem die Amerikaner den Diktator Saddam Hussein gestürzt hatten, ohne das Machtvakuum zu füllen.

Es handelt um einen Zusammenschluss von sunnitischen Dschihadisten, ehemaligen Anhängern von Saddam Hussein und von Stammesmitgliedern. Die Zahl der Kämpfer wird neuerdings auf rund 30.000 geschätzt. In ihrem Herrschaftsgebiet haben die Extremisten ein Verwaltungssystem aufgebaut, das jeden Aspekt des Alltags kontrolliert.

Welche Gebiete kontrolliert IS?

Die Terrormiliz hat Schätzungen zufolge rund ein Drittel des syrischen Staatsgebietes eingenommen. Dabei gelang es ihr, einen Korridor zwischen ihren westlichsten Eroberungen nahe Aleppo über nördliche Landstriche bis zu östlichen Landesteilen nahe der Grenze zum Irak zu schaffen.

In der Provinz Aleppo stehen unter anderem die größeren Orte Manbidsch und Al-Bab unter ihrem Kommando, dort weht die schwarze Flagge der Miliz auf Regierungsgebäuden und großen Plätzen. Da die Terrormiliz auf beiden Seiten der syrisch-irkanischen Grenze nahtlos Gebiete kontrolliert, kann sie relativ leicht Kämpfer, Waffen und Güter zwischen beiden Ländern hin- und hertransportieren.

Zuletzt stockt der Vormarsch des IS allerdings. Die Miliz verlor etwa die strategisch wichtige Stadt Tikrit, ebenso wie das über Monate umkämpfe Kobane an der türkischen Grenze.

Was ist die „Hauptstadt“ des Islamischen Staats?

Die IS erklärte Rakka, eine Stadt am Euphrat im Nordosten Syriens mit einer halben Million Einwohner, zur Hauptstadt ihres Kalifats und Sitz ihrer Machtzentrale. IS-Kämpfer aus aller Welt strömten dorthin, einige mit ihren Familien. Obwohl schon immer konservativ und unter großem Einfluss von Stämmen, war Rakka früher ein lebendiges und wirtschaftlich blühendes Zentrum.

Heute patrouilliert rund um die Uhr die Sittenpolizei der IS – die sogenannte Hisba – durch die Straßen. Diese bewaffneten Kämpfer in langen Roben kontrollieren, ob ihre strenge Auslegung des Korans auch umgesetzt wird. Die IS hat Musik und Rauchen verboten. Frauen wurden von der Sittenpolizei angewiesen, sich zu verhüllen. Wer gegen die Scharia verstößt, läuft Gefahr, enthauptet oder ans Kreuz gehängt zu werden. Den Schulen der Stadt diktierte die Miliz kürzlich die Inhalte und strich Fächer wie Philosophie oder Chemie.

Wie stark sind die Kämpfer des IS?

Seit Anfang 2014 führt die Miliz mit den gemäßigten und vom Westen unterstützten Rebellen in Syrien einen Zermürbungskrieg. Dabei stürmen IS-Kämpfer Außenposten der Rebellen und nehmen ihnen Ort für Ort durch Gewalt und Einschüchterung ab.

Die Zahl der Kämpfer lässt sich nur schätzen. Fest steht jedoch, dass die Extremisten seit Beginn ihres Vormarsches im Irak Anfang Juni 2014 starken Zulauf bekommen haben. Der US-Geheimdienst CIA geht davon aus, dass die Gruppe in Syrien und im Irak zwischen 20.000 und 31.500 Kämpfer hat. Diese Zahl unterscheidet sich deutlich von den Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Sie schätzt die Zahl der IS-Kämpfer allein in Syrien auf rund 50.000, davon etwa 20.000 aus dem Ausland. Die Menschenrechtler stützen sich bei ihren Informationen auf ein Netz von Aktivisten in Syrien.

Welche Rohstoffe hält IS in der Hand?

Die Terrormiliz hatte im bis Herbst 2014 faktisch alle größeren Ölfelder im Osten Syriens, darunter das landesweit größte namens Omar mit einer Förderkapazität von 75.000 Barrel pro Tag erobert. Der IS nahm die Produktion teilweise auf und finanzierte sich auch über den Verkauf von Rohöl unter Marktpreisen. Das geförderte Öl werde über Mittelsmänner an die Türkei und den Irak geliefert.

Doch nach dem Verlust von Tikrit Anfang April 2015 hat die Terrororganisation auch mindestens drei Ölfelder verloren. Damit bleibt der Miliz im Irak nur noch ein einziges Ölfeld: Qayara mit einer Förderkapazität von gerade einmal 2000 Barrel am Tag. Das seien gerade noch fünf Prozent der zuvor vom IS innerhalb des Irak kontrollierten Menge.

Wie verhält sich der syrische Diktator Assad?

Syriens Präsident hat vor kurzem die Luftangriffe auf IS-Hochburgen verstärken lassen. Die Regierung öffnete die Türen für eine mögliche Kooperation mit den USA im Kampf gegen IS, sie stellte aber zugleich klar, dass jeglicher Angriff mit Damaskus abgestimmt sein müsse. Für die US-Regierung ist dies allerdings ein Problem: Sie möchte nicht an Assads Seite erscheinen, zumal sie dessen Rücktritt seit Jahren verlangt. Unter der Hand machte das Assad-Regime lange sogar Geschäfte mit den Terroristen nach dem Motto: Strom gegen Öl.

Was können die USA mit Luftschlägen ausrichten?

Jedweder Luftschlag der USA in Syrien würde sich wahrscheinlich auf Gebiete nahe der Grenze zum Irak sowie militärische Ziele wie Trainingslager in Rakka konzentrieren. Dort verfügt Assad kaum über Luftabwehr.

In jedem Fall werden sich Luftangriffe schwieriger gestalten als im Irak: Dort segnet Bagdad das Vorgehen ab, zudem verlaufen die Frontlinien deutlicher. In Syrien hingegen gibt es auf engem Raum verschiedene Fraktionen, zu denen neben IS auch der al-Qaida-Ableger Nusra-Front, die vom Westen unterstützten Rebellen der Freien Syrischen Armee und die Regierungstruppen gehören. Während die gemäßigten Rebellen US-Luftschläge fordern, lehnen die extremeren Kämpfer ein Engagement der USA ab.

Die Saudis fliegen nur noch wenige symbolische Einsätze. Die Emirate, die sich anfangs mit einer Bomberpilotin brüsteten, stiegen sogar ganz aus, wie die „New York Times“ am Mittwoch berichtet. Bereits kurz nach der Gefangennahme des Jordaniers am 24. Dezember beorderte Abu Dhabi alle F-16-Jets auf die Fliegerhorste zurück aus Angst um seine Piloten.

Kommentare (6)

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Frau Ich Kritisch

04.02.2015, 19:58 Uhr

in den Armenvierteln der Städte leben in erster Linie Palästinenser. Sie kamen als Flüchtlinge und haben oft bis heute kein Recht auf einen jordanischen Pass und somit kein Recht auf Grund und Boden.
Nun ist noch einmal eine große Menge Flüchtlinge ins Land geströmt - das allein ist bereits ein Pulverfass. Fehlte bisher nur noch die Zündschnurr und ein Funke. Die Zündschnurr ist mit diesem Mord am Piloten nun auch gelegt. Nun muss der König sehr vorsichtig sein, dass er keine Funken aufkommen läßt - das könnte sonst zu einem Flächenbrand werden.

Ich wünsche ihm viel Glück - ich fand sein Land sehr schön - und die Bevölkerung sehr nett als ich vor 30 Jahren da war.

Frau Lisa Walter

04.02.2015, 20:29 Uhr

Wikipedia schreibt: „Eine Meinungsumfrage unter saudi-arabischen Bürgern im August 2014 ergab, dass 92 % der Befragten der Meinung seien, dass der IS mit den Werten des Islam und mit den islamischen Gesetzen übereinstimme.“

Man sollte Saudis und Jordanier empfählen, sich bei unseren Medien und bei unseren rot-grünen Politikern über ihre Religion zu informieren.

Herr Wolfgang Trantow

04.02.2015, 20:35 Uhr

Flüchtlinge kehren zurück. Warum sind Sie immer noch nicht in Ihrer Heimat und bauen Sie auf? Ungarn kehrten auch zurück.
Wieso sollen Jodanier gegen den Islam sein, wenn auch deutsche "Christen" wie Frau Merkel und Hr. Gauck für den Islam hemmungslos sind. Welcher christliche Geistlicher verspricht Jungfrauen bei Mord? Warum sind Syrien, Nigeria usw. keine abschreckende Beispiele? Weil unsere Politiker auch für den Islam sind?

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