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15.07.2016

15:08 Uhr

Journalist Richard Gutjahr in Nizza

„Die Panik begann mit den Schüssen“

VonKevin Knitterscheidt

Der Journalist Richard Gutjahr ist auf einer Reise in Nizza und filmte den Anschlag aus nächster Nähe. Im Interview spricht er über seine Erlebnisse und wie es zu dem Blutbad kam.

Viele Tote nach Terrorattacke

Erschreckende Handyvideos aus Nizza

Viele Tote nach Terrorattacke: Erschreckende Handyvideos aus Nizza

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Herr Gutjahr, wie haben Sie die Nacht verbracht?
Ich bin gerade im Hotel Westminster, wenige Meter vom Tatort entfernt. Die Polizei hat das gesamte Gelände abgesperrt, niemand kommt herein oder heraus.

Attentat in Nizza – was ist passiert?

Donnerstagabend

Das Feuerwerk anlässlich des Nationalfeiertages ist gerade beendet. An der bei Touristen beliebten Promenade des Anglais herrscht reges Treiben.

23 Uhr

Langsam fährt ein großer, weißer Lastwagen zwischen Palmen entlang auf der breiten Fahrbahn.

Stopp-Versuch

Ein Motorrad holt ihn ein, fährt neben die Fahrerkabine. Der Motorradfahrer will den Lkw offenbar aufhalten, stürzt aber am Straßenrand.

Anfahrt

Mehrere Männer rennen hinter dem Lastwagen her, der immer schneller wird. Der Fahrer gibt Gas. Menschen schreien und rennen von der Straße hinunter.

Aufprall

Der Fahrer bahnt sich seinen Weg auf etwa zwei Kilometern Länge durch die Menschenmenge.

Richtungswechsel

Medienberichten zufolge ändert der Lastwagen dabei mindestens einmal die Richtung, um möglichst viele Menschen zu erfassen.

Fluchtversuche

Hunderte geraten in Panik und flüchten. Wer im Weg ist, wird umgefahren. Auch Kinder sterben.

Polizei greift ein

Die Polizisten eröffnen das Feuer auf den Lkw. Mehrere Kugeln treffen die Windschutzscheibe sowie die Fahrerseite des Führerhauses.

Tod des Attentäters

Der Fahrer stirbt. Wie es anschließend aus Polizeikreisen heißt, ist es ein 31 Jahre alter Franzose tunesischer Herkunft.

Leichenfunde

Der Lastwagenfahrer richtet ein regelrechtes Blutbad an. Menschen in der Umgebung laufen entsetzt auf die Straße und entdecken Dutzende Leichen. Auf vor Ort aufgenommenen Fotos sind Kinderwagen und Schuhe zu sehen, die die Frauen und Männer hinterließen.

Wo waren Sie zum Zeitpunkt des Anschlags?
Ich war direkt an der Anschlagsstelle und habe gefilmt, wie der Lkw auf die Menschenmenge zufährt. Den ganzen Nachmittag herrschte Volksfeststimmung auf der Promenade, ähnlich wie beim Public Viewing während der Europameisterschaft. Die Menschen beobachteten die Polizei- und Militärparade und später die Düsenjets, die anlässlich des Nationalfeiertags eine Flugshow präsentierten. Die Atmosphäre war ausgelassen. Um 22.15 Uhr begann das Feuerwerk, für eine Dreiviertelstunde. Danach ging die Party los. Zu diesem Zeitpunkt waren noch viele Familien und viele Kinder auf der Straße. Musikbands haben gespielt.

Sie haben den Lkw gefilmt, schon bevor Menschen zu Schaden kamen. Weshalb?
Als der Fahrer des Lkw auf die Menschen zusteuerte, war das eigenartig. Ich weiß nicht, warum ich die Kamera ausgepackt habe, das war ein Instinkt. Dann kam der Motorradfahrer, der versuchte, das Fahrzeug aufzuhalten. Da fuhr der Lkw noch Schrittgeschwindigkeit oder höchstens 30 km/h. Der Motorradfahrer fuhr sehr schnell und versuchte, während der Fahrt ins Fahrerhaus einzudringen, stürzte aber und wurde dabei überrollt, wie auch im Video zu sehen ist. Dann reagierten zwei Polizisten, die daneben standen.

Wie?
Sie eröffneten das Feuer, mit sehr gezielten Schüssen auf die Fahrerkabine des Lkw. Danach begann der Zick-Zack-Kurs des Fahrers, bis er an der nächsten Straßenecke zum Stehen kam. Erst nach den Schüssen der beiden Polizisten begann das Blutbad. Dann waren wieder Schüsse zu hören, 15 bis 20 Sekunden lang, in schneller Abfolge. Da bin ich in Deckung gegangen.

Wann war Ihnen klar, dass es sich um einen Anschlag handelt?
Erst mit dem Schusswechsel. Vorher habe ich noch gerätselt, ob der Fahrer vielleicht betrunken ist. Auch die Panik begann mit den Schüssen. Menschen flüchteten in nahegelegene Häusereingänge und Hotellobbys.

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