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07.10.2016

12:18 Uhr

Juan Manuel Santos

Kolumbiens Präsident bekommt Friedensnobelpreis

VonHelmut Steuer

Sein Abkommen mit der Farc-Guerilla wurde vom Volk abgelehnt, trotzdem ist er der Friedensstifter des Jahres: Kolumbiens Präsident Santos wird mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Sein Verhandlungspartner geht leer aus.

Juan Manuel Santos

Friedensnobelpreis ist ein Zeichen der Hoffnung für Kolumbien

Juan Manuel Santos: Friedensnobelpreis ist ein Zeichen der Hoffnung für Kolumbien

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OsloDer diesjährige Friedensnobelpreis geht an den kolumbianischen Präsident Juan Manuel Santos. Er wird geehrt für seinen „resoluten Einsatz, um den mehr als 50-jährigen Bürgerkrieg zu beenden“, wie es in der Begründung heißt. Er habe die Verhandlungen initiiert, die in einem Friedensabkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und der Farc-Guerilla mündeten, begründet das Nobelkomitee seine Entscheidung. „Er erhält den Preis für seine Bemühungen, den Krieg in seinem Land, der über 220.000 Todesopfer gefordert hat, zu beenden“, erklärte die Vorsitzende des norwegischen Nobelkomitees, Kaci Kullmann Five.

Mit dem Preis werde aber auch die kolumbianische Bevölkerung geehrt, weil sie die Hoffnung auf Frieden nicht aufgegeben habe, sagte Kullmann Five weiter. Sie betonte, dass man ein Zeichen setzen wolle dass der Friedensprozess in Kolumbien fortgesetzt werden müsse. „Das Nobelkomitee hofft, dass alle Parteien Verantwortung zeigen und konstruktiv an den kommenden Friedensverhandlungen teilnehmen.“

Was Santos mit den Farc-Rebellen ausgehandelt hat

Landreform

Die extreme Konzentrierung des Landbesitzes war einer der Auslöser des Konflikts zwischen der Regierung und den Farc. Mit dem Friedensvertrag sollten Grund und Boden gerechter verteilt werden. Ein Fonds sollte in den kommenden zehn Jahren drei Millionen Hektar Land verteilen. Außerdem sah der Plan unter anderem den Bau von Häusern, Schulungen für Bauern und den Aufbau von Vertriebsstrukturen für landwirtschaftliche Produkte vor. Doch das kolumbianische Volk hat den Friedensvertrag in einem Referendum abgelehnt.

Politische Teilhabe

Die Ex-Guerilleros sollten künftig politisch für ihre Ziele eintreten. Für die kommenden zwei Wahlperioden hätten sie mindestens fünf Sitze im Senat und in der Abgeordnetenkammer garantiert bekommen. Danach hätten sie ihre Mandate im normalen Wahlprozess gewinnen müssen. Der Staat hätte die freie politische Beteiligung der ehemaligen Rebellen garantiert.

Endgültiger Waffenstillstand

Die Farc sollten laut Vertrag alle militärischen Operationen einstellen und den bewaffneten Kampf aufgeben. Die Kämpfer sollten sich in 28 Zonen im ganzen Land sammeln und ihre Waffen den Vereinten Nationen übergeben. Die ehemaligen Farc-Mitglieder hätten bei einem erfolgreichen Referendum für zwei Jahre eine monatliche Basisrente und eine Einmalzahlung von zwei Millionen Pesos (610 Euro) erhalten.

Neue Drogenpolitik

Prävention, Schutz der Menschenrechte und Hilfe für die Bauern statt Repression hätten im Zentrum der Drogenpolitik stehen sollen. Schritt für Schritt sollten die Koka- und Marihuana-Plantagen durch Anbauflächen für legale landwirtschaftliche Produkte ersetzt werden. Die Bauern wären bei der Umstellung unterstützt, Drogenanbauflächen aufgeforstet worden.

Sonderjustiz und Entschädigung der Opfer

Ein Sondertribunal hätte die während des Konflikts verübten Verbrechen aufgeklärt. Geständige Täter hätten für maximal acht Jahre in Haft gemusst. Die Suche nach Verschleppten wäre intensiviert worden. Auch eine Entschädigung für die Opfer war in der Vereinbarung vorgesehen.

Das Nobelkomitee sieht die Gefahr, dass der Friedensprozess nach der knappen Ablehnung des Friedensvertrages durch die kolumbianischen Wähler ins Stocken kommen kann. „Es besteht die konkrete Gefahr, dass der Friedensprozess ins Stocken gerät und der Bürgerkrieg wieder aufflammen kann. Deshalb ist es so wichtig, dass die Parteien, angeführt von Präsident Santos und Farc-Guerrille-Chef Rodrigo Londono den Waffenstillstand weiterhin respektieren“, heißt es in der Begründung.

Im Vorfeld war über Santos als Friedensnobelpreisträger spekuliert worden. Allerdings gingen Beobachter davon aus, dass das Nobelkomitee neben Santos auch den Farc-Chef Rodrigo Londono Echeverri auszeichnen würde. Überraschend ist die Entscheidung auch, weil eine knappe Mehrheit der kolumbianischen Wähler in einem Referendum den Friedensvertrag mit knapper Mehrheit abgelehnt hatten. In Oslo sahen viele Beobachter die Entscheidung des Nobelkomitees als Ermunterung für Santos, trotz der Ablehnung des Friedensvertrages die Friedensbemühungen fortzusetzen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gratulierte Santos zum Friedensnobelpreis. Sein „großer Einsatz für den Frieden wird mit diesem hohen Preis angemessen gewürdigt“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag in Berlin.

Juan Manuel Santos: Fast Friedenspräsident

Juan Manuel Santos

Fast Friedenspräsident

Juan Manuel  Santos, Präsident von Kolumbien, ist der neuer Friedensnobelpreisträger. Santos ist Mitglied eine einflussreichen Politiker-Familie und kämpft seit sechs Jahren für Frieden mit den Farc-Rebellen.

In einer ersten Stellungnahme erklärte Jorge Torres Victoria, einer der Farc-Repräsentanten bei den Friedensverhandlungen, dass er von der Auszeichnung Santos noch nichts gehört habe. „Aber wenn es wahr ist, dann ist es eine große Neuigkeit für das kolumbianische Volk“, sagte er der schwedischen Nachrichtenagentur TT.

Vorsichtig kritisch äußerte sich Schwedens sozialdemokratische Außenministerin Margot Wallström. „Es ist ein einmaligen Friedensabkommen, das weltweit erste gleichberechtigte Abkommen. Dass nur einer der Partner den Preis erhält, ist Sache des norwegischen Nobelkomitees“, erklärte sie in Stockholm. „Aber zum Tango gehören zwei, das sollte man erwähnen“, sagte sie.

In diesem Jahr musste das Osloer Nobelkomitee unter 376 Vorschlägen auswählen. In der über einhundertjährigen Geschichte hatte es noch nie so viele Kandidaten gegeben. Die Frist, bis zu der ehemalige Friedensnobelpreisträger, Parlamentarier, Regierungsmitglieder und Wissenschaftler ihre Kandidatenvorschläge einreichen konnten, endete am 1. Februar dieses Jahres. Seitdem haben sich die Mitglieder des Osloer Nobelkomitees mehrere Male getroffen, um zusammen mit externen Beratern die Liste auf rund zehn Namen zusammenzustreichen. Wer auf der Liste steht, ist eines der bestgehütetsten Geheimnisse in der norwegischen Hauptstadt. Alle Namen von Einzelpersonen oder Organisationen, die in den Medien kursierten, beruhten auf Spekulationen.

Kommentare (5)

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07.10.2016, 12:13 Uhr

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass dieser augehandelt Friedensvertrag nur dem Präsidenten von Kolumbien in Form eines Nobelpreises zu gute kommt...auf Kosten des Volkes.

Herr Thomas Ebert

07.10.2016, 12:35 Uhr

Er sollte den Preis ablehnen und dabei Lê Đức Thọ zitieren : "Welcher Frieden?"

Herr Martin Kopp

07.10.2016, 12:44 Uhr

Naja,. mit welcher Arroganz und Überheblichkeit er verhandelt hat.... Aber die Bevölkerung hat ihm ja seine Meinung gesagt. Wenn die Internationale Gemeinschaft meint, er soll den Preis haben ist das gut. Ich hoffe, dass diese Gemeinschaft auch den Frieden finanziert. Kolumbien hat nicht die Mittel um all die Versprechen zu erfüllen. Nachdem die internationalen Drogenkonsumenten den Krieg finanziert haben, ist es an der Zeit, dass die internationale Gemeinschaft auch den Frieden finanziert und zwar nicht nur mit ein paar Krümeln.

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