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18.03.2011

00:34 Uhr

Einwohner präsentieren am Freitag in Bengasi (Libyen) die alte Fahne. Quelle: dpa

Einwohner präsentieren am Freitag in Bengasi (Libyen) die alte Fahne.

Tripolis/KairoTausende Menschen verfolgten in der Nacht zum Freitag im Zentrum von Bengasi das mit Spannung erwartete Votum des Weltsicherheitsrates auf einer Großbildleinwand mit.

Als das Ergebnis verkündet wurde - das höchste Weltgremium billigte „alle notwendigen Maßnahmen“, um die Zivilbevölkerung in Libyen zu schützen -, brachen sie in Freudenstürme aus. Sie riefen „Libyen! Libyen!“ und schwenkten die rot-schwarz-grünen Fahnen der Vor-Gaddafi-Ära.

Viele schossen in die Luft, auch Feuerwerksraketen stiegen hoch. Sie hatten allen Grund zu feiern. Denn der Konflikt in Libyen droht zu eskalieren.

Gaddafis Luftwaffe griff am Donnerstag bereits mehrere Ziele in der Umgebung der Aufständischen-Metropole Bengasi an. Die Attacken seiner Luftwaffe auf die umkämpfte Frontstadt Adschdabija sollen am Vortag das Leben von 30 Zivilisten gekostet haben.

Am Donnerstagabend kündigte der libysche Staatschef noch dazu einen richtiggehenden Rachefeldzug gegen die „Verräter“ in Bengasi an. „Wir werden von Haus zu Haus gehen, und es wird keine Gnade geben“, versuchte er die Gegner seines diktatorischen Regimes einzuschüchtern. Der Kriegsverlauf im libyschen Wüstensand reflektiert die Stärken und Schwächen beider Kontrahenten. Mit ihrer Überlegenheit an Waffen, mit ihren Kampfflugzeugen, Haubitzen und Panzern können die Gaddafi-Truppen die viel schlechter ausgerüsteten und kaum in disziplinierten Kampfformationen organisierten Rebellen vor sich hertreiben. Doch fehlt es ihnen an den Mannstärken, um ihre Eroberungen dauerhaft abzusichern.

Im Osten Libyens, dessen Bevölkerung vom Diktator abgefallen ist, finden sie darüber hinaus auch ein feindliches Umfeld vor. Aber auch der Kampf in den Großstädten stellt für Gaddafis Garden ein Problem dar. Misurata, die zwischen den Gaddafi-Hochburgen Tripolis und Sirte gelegene drittgrößte Stadt des Landes, wird seit zwei Wochen auf brutale Weise belagert. Die Menschen dort haben kein Wasser und keinen Strom mehr. Artilleriebeschuss und Luftangriffe töteten viele von ihnen. Doch die Angreifer konnten sich bislang nicht entschließen, in die Stadt einzumarschieren. Denn dort droht ihnen der Häuserkampf. Außerdem ist nicht klar, wie das Regime mit Hunderttausenden ihm feindlich gesonnenen Bürgern umgehen soll.

Diese Frage stellt sich noch deutlicher im Falle Bengasis, das mit den Vorstädten rund 800 000 Einwohner hat. Selbst wenn es den Gaddafi-Truppen gelänge, die Front bei Adschdabija zu überrennen und die Piste, die nach Tobruk und an die ägyptische Grenze führt, unter ihre Kontrolle zu bringen, würde dies in eine gigantische Belagerung Bengasis münden. Eine Art Mega-Sarajevo auf arabisch, könnte man meinen. Ohne Schutz durch die internationale Gemeinschaft würden deshalb die schlimmsten Aussichten drohen.

Als oberster Kriegsherr ist der seit 42 Jahren sein Land knechtende Diktator unberechenbar. „Gaddafi hat den Verstand verloren. Er greift mit Kampfflugzeugen Zivilisten in dichtbewohnten Städten an“, sagte der libysche UN-Botschafter Ibrahim Dabbashi, der sich vor einem Monat von Gaddafi losgesagt hatte, 24 Stunden vor dem entscheidenden Sicherheitsratsvotum. „Wenn die Weltgemeinschaft nicht sofort handelt, dann wird es einen furchtbaren Völkermord geben.“

Dabei wird zunehmend auch diskutiert, wie sich Libyens arabische Nachbarn an Aktionen gegen den Diktator beteiligen können. Der Vorstoß für das nun diskutierte Flugverbot kam immerhin von der Arabischen Liga, dem in früheren Zeiten heillos zerstrittenen Zusammenschluss von 22 arabischen Ländern. In Ägypten, das selbst erst im Vormonat das Joch eines autoritären Herrschers abgeschüttelt hatte, herrscht viel Sympathie für die Menschen in Libyen, die Gaddafi loswerden wollen. Das Nilland hat eine starke Luftwaffe und empfing über viele Jahre bedeutende amerikanische Militärhilfen.

US-Außenministerin Hillary Clinton traf vor zwei Tagen in Kairo den Chef des seit dem Sturz von Präsident Husni Mubarak regierenden Militärrates, Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi. Während ihr Rundgang über den Tahrir-Platz, das Epizentrum der ägyptischen Umwälzung, breites Medienecho fand, verlautete wenig über ihre Gespräche mit dem Feldmarschall. Am Donnerstag sagte sie der BBC: „Wir müssen noch Klarheit darüber gewinnen, mit welcher Art von arabischer Führung und Beteiligung wir rechnen können.“ Beobachter halten es nicht für ausgeschlossen, dass sie die Antwort schon kennt.

Kommentare (3)

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kurt

18.03.2011, 01:00 Uhr

Wenn Deutschland sich aus den Aktionen aus Libyen heraushält, sollte sich Außenminister Westerwelle wenigstens beim libyschen Volk für die deutschen Waffenlieferungen an das Regime entschuldigen und künftig für Besserung sorgen.

Account gelöscht!

18.03.2011, 06:00 Uhr

Die deutsche Stimmenthaltung ist einfach nur als Trauerspiel zu bezeichnen. Indirekt ist es eine Entscheidung gegen Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung des libyschen Volkes. Wer bei einem drohenden Völkermord tatenlos zusehen will, der macht sich mitschuldig.

bernd

18.03.2011, 13:23 Uhr

Ich schlage vor, die UNO beschließt sofort ein Flugverbot über Tibet und Tschetschenien. Warum mögen wohl China und Russland sich bei der Abstimmung über die UNO-Libyen-Resolution der Stimme enthalten haben?

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