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18.02.2015

19:26 Uhr

Jüdische Bevölkerung

Aus Sorge wird Angst

VonMaike Freund, Gerd Höhler, Tanja Kuchenbecker, Hans-Peter Siebenhaar, Helmut Steuer, Matthias Thibaut, Axel Postinett

Kopenhagen, Paris, Brüssel: Nach den Anschlägen drängt Israels Premier Netanjahu Juden zum Umzug nach Israel. Deutschland hält davon nichts – und versucht die Menschen zu halten. Eine Spurensuche in Europa und den USA.

Israels Minsiterpräsident Netanjahu muntert die europäischen Juden zur Emigration auf. dpa

Israels Minsiterpräsident Netanjahu muntert die europäischen Juden zur Emigration auf.

Athen/Düsseldorf/London/Paris/San Francisco/Stockholm/WienImmer dann, wenn es wieder einmal einen Anschlag auf jüdische Einrichtungen oder Juden gibt, egal wo auf der Welt, wirbt Israels Premier Benjamin Netanjahu um die Rückkehr der Juden ins Gelobte Land. Auch jetzt, nach dem Anschlag in Kopenhagen, nach Paris, ist es wieder soweit. „Juden wurden auf europäischem Boden ermordet, nur weil sie Juden waren“, sagte er. Für ihn ist klar: Die Juden in Europa sollen nach Israel ziehen.

Und tatsächlich: Die Zahl jüdischer Einwanderer nach Israel hat 2014 ein Zehnjahreshoch erreicht. Insgesamt kamen im vergangenen Jahr rund 26.500 Juden nach Israel, im Jahr zuvor waren es rund 20.000. Aus Deutschland waren es nur wenige: 2014 sowie 2013 verließen 120 Juden das Land Richtung Israel.

Weltweit gibt es rund 14 Millionen Juden, rund 104.000 sind in den jüdischen Gemeinden in Deutschland registriert. Nach Schätzungen leben tatsächlich aber rund 250.000 Juden in Deutschland, die meisten von ihnen in Berlin. Und das soll auch bleiben, wenn es nach Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geht. Sie wehrt sich gegen Netanjahus Aufruf: „Wir möchten gerne mit den Juden, die heute in Deutschland sind, weiter gut zusammenleben“, sagte die Kanzlerin. „Wir sind froh und auch dankbar, dass es wieder jüdisches Leben in Deutschland gibt.“

Zahl der Juden in Europa

Juden in Europa

Wie viele Menschen jüdischen Glaubens leben in den europäischen Staaten? Das Institute for Jewish Policy Research hat Einwohnerstatistiken ausgewertet – und die Zahlen im Internet veröffentlicht.

Quelle: www.jpr.org.uk/map

Portugal

In Portugal leben laut Institute for Jewish Policy Research rund 1000 Juden. Gesamtbevölkerung: etwa 10,602 Millionen.

Spanien

Unter den rund 46,464 Millionen Einwohnern Spaniens leben rund 18.000 Menschen mit jüdischem Glauben.

Frankreich

In Frankreich leben rund 65,821 Millionen Menschen. Etwa 600.000 von ihnen sind Juden.

Italien

In Italien leben etwa 37.000 Juden, Gesamtbevölkerung: rund 60,783 Millionen.

Großbritannien

Von den rund 60,46 Millionen Einwohnern Großbritanniens sind etwa 360.000 jüdischen Glaubens.

Irland

Etwa 4,581 Millionen Menschen leben auf der irischen Insel, darunter rund 1.600 Menschen jüdischen Glaubens.

Deutschland

In Deutschland leben rund 250.000 Juden. Die Gesamtbevölkerung liegt derzeit bei rund 80,767 Millionen Einwohnern.

Niederlande

Die Niederlande haben etwa 16,83 Millionen Einwohner, rund 50.000 davon sind Juden.

Belgien

Von den rund 11,1 Millionen Einwohnern Belgiens sind etwa 40.000 Menschen jüdischen Glaubens.

Polen

Schätzungsweise 7500 Juden leben in Polen, die Gesamteinwohnerzahl beträgt rund 38,49 Millionen.

Russland

Russland hat rund 143,6 Millionen Einwohner. Jüdischen Glaubens sind etwa 380.000 Menschen.

Ukraine

Von den rund 45,426 Millionen Einwohnern der Ukraine gibt es etwa 130.000 Juden.

Weißrussland

In Weißrussland leben rund 9,457 Millionen Menschen. Etwa 23.000 von ihnen sind jüdischen Glaubens.

Norwegen

Von den rund 5,156 Millionen Menschen in Norwegen gehören etwa 2.000 dem jüdischen Glauben an.

Schweden

Knapp 9,645 Millionen Einwohner hat Schweden. Rund 25.000 von ihnen sind Juden.

Finnland

Rund 1.800 Menschen jüdischen Glaubens leben in Finnland. Gesamtbevölkerung: 5,43 Millionen.

Türkei

Die Türkei hat rund 76,668 Millionen Einwohner. Die Zahl der Menschen jüdischen Glaubens liegt bei etwa 21.000.

Griechenland

Von den rund 10,815 Millionen Einwohnern Griechenlands gehören etwa 6.000 dem jüdischen Glauben an.

Auch für Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, ist der Aufruf zur Auswanderung keine angemessene Reaktion auf die jüngsten Anschläge in Kopenhagen. „Ein Exodus der europäischen Juden nach Israel ist keine Lösung der massiven Gefährdung durch islamistischen Terror“, sagte sie. Denn der islamistische Terror bedrohe die europäischen Demokratien als Ganzes. „Wer in Europa Juden angreift, greift die gesamte europäische Gesellschaft und ihre freiheitlichen Werte an.“

Beschimpfungen, Anfeindungen, Drohungen: Trotz der deutschen Vergangenheit müssen viele Juden das auch hier erleben. „15 bis 20 Prozent der Deutschen haben eine negative Einstellung gegenüber Juden“, sagt der Antisemitismusexperte Wolfgang Benz, auch wenn nicht gleich alle fanatische Antisemiten seien. „Die Zahl der Hardcore-Antisemiten, die mit Schaum vor dem Mund den Juden bekämpfen, verjagen oder vernichten wollen, ist hier in Deutschland ganz gering.“ Das sei in Deutschland auch verpönt. „Und es wird bestraft wie kaum etwas anderes.“ Trotzdem: In Deutschland ist es Standard, dass jüdische Schulen, Kindergärten oder Synagogen besonders geschützt werden.

Doch wie ist es im Ausland? Wie viele Juden leben dort? Wie groß ist der Antisemitismus in der Türkei, Großbritannien oder Ungarn? Und wie viele Juden zieht es tatsächlich nach Israel? Unsere Korrespondenten berichten.

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