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28.02.2013

06:48 Uhr

Jugendarbeitslosigkeit in Europa

Generation Lost

VonStefan Kaufmann

In Europas Krisenländern haben junge Erwachsene kaum Chancen auf einen Job. Die Gefahr, auf der Couch zu versauern ist groß. Lösungen aus der Misere könnten die „Jobgarantie“ der EU oder ein Umzug nach Deutschland sein.

In Spanien ist schon jeder zweite junge Erwachsene auf Jobsuche. dpa

In Spanien ist schon jeder zweite junge Erwachsene auf Jobsuche.

DüsseldorfItaliens Jugend ist gründlich desillusioniert: Bersani, Berlusconi, Grillo, Monti? Ist doch ganz egal. Sara, 24 Jahre alt, jedenfalls erhofft sich „nicht viel“ von der neuen Regierung. Und das ist das „eigentlich Traurige“. In Italien sehen junge Erwachsene derzeit kaum Perspektiven, heißt es in einem Länderbericht der Konrad-Adenauer-Stiftung zur Wahl. „Für Jugendliche generell und schon gar nicht für Frauen“, sagt Sara. Die Zeit zwischen den letzten mündlichen Prüfungen ihres Jura-Studiums nutzt sie, um Bewerbungen zu schreiben – für Jobs im Ausland.

Thanassis, 23 Jahre alt, hat im März 2012 seinen Job bei einem Kurierdienst in Athen verloren. Neun Monate lang bekam er Arbeitslosengeld, dann war Schluss. Inzwischen sind auch die Ersparnisse des jungen Erwachsenen aufgebraucht. Seit zwei Monaten wohnt er wieder bei seinen Eltern – wie seine ebenfalls arbeitslose Schwester Tassoula (24). So geht es immer mehr jungen Griechinnen und Griechen. In der Altersgruppe der bis zu 24-Jährigen sind mehr als sechs von zehn ohne Job. Aktuell verlieren in Griechenland jeden Tag rund 900 Menschen ihre Arbeit. „Meine Chancen auf eine neue Stelle sind gleich Null“, sagt Thanassis.

Junge Erwachsene in Krisenländern: Wenn die Familie den Sozialstaat ersetzt

Junge Erwachsene in Krisenländern

Wenn die Familie den Sozialstaat ersetzt

In Italien springen die Eltern ein, wenn ihre Kinder arbeitslos bleiben.

In den Krisenländern Europas wächst eine Generation heran, die vielfach schon den Stempel „verloren“ verpasst bekommt. In den beiden Krisenländern Griechenland und Spanien ist den vorliegenden Zahlen der Europäischen Statistikbehörde zufolge mit 57,6 Prozent beziehungsweise 55,6 Prozent mehr als jeder zweite junge Mensch arbeitslos. Italien wird mit 36,6 Prozent ausgewiesen. Zum Vergleich: Für Deutschland meldet Eurostat eine Quote von 8,0 Prozent.

Ökonom Ekkehard Ernst zeichnet im Gespräch mit Handelsblatt Online ein düsteres Bild, wenn er über die hohen Zahlen bei der Jugendarbeitslosigkeit in den Krisenländern Europas redet. „Wer in diesen Ländern heute arbeitslos ist, für den wird auch innerhalb der kommenden fünf Jahre schwierig, eine feste Stelle zu finden“, sagt Ernst, Arbeitsmarkt-Experte bei der Internationale Arbeitsorganisation (ILO), einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Genf. Die Prognose der ILO lautet daher: „Die Jugendarbeitslosigkeit wird in Spanien auch 2017 noch bei mehr als 50 Prozent liegen, in Italien und Griechenland bei über 30 Prozent.“

Musterschüler und Sitzenbleiber - so verschuldet sind die Euro-Länder

Platz 1

Das am höchsten verschuldete Land der Euro-Zone ist - wer hätte es gedacht - Griechenland. Bei satten 175 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegt die Schuldenquote des Mittelmeerlandes. Ein kleiner Lichtblick: Immerhin haben es die Griechen in den vergangenen Jahren geschafft, ihr extrem hohes Haushaltsdefizit zu drücken: Nahm die Regierung 2009 noch neue Kredite in Höhe von 15,6 Prozent des BIP auf, wird sich die Defizitquote im Jahr 2012 - nicht zuletzt dank europäischer Hilfe - auf 7,3 Prozent des BIP verringern.

Platz 2

Auf Platz zwei der am meisten verschuldeten Euro-Länder landet Italien. Mit 123 Prozent des BIP stehen die Italiener laut Eurostat in der Kreide. Die Märkte bestrafen das mit höheren Zinsen, die der Regierung von Premierminister Mario Monti das Leben schwer machen. Mit einem harten Sparkurs steuert Rom dem entgegen: Die Defizitquote sank von 5,4 Prozent im Jahr 2009 auf voraussichtlich 2,0 Prozent in diesem Jahr.

Platz 3

Irland hatte vor allem unter der Bankenkrise zu leiden. Weil das kleine Land seine Banken stützen musste, hat es einen Bruttoschuldenstand von 116,1 Prozent des BIP. Auch das Haushaltsdefizit des früheren keltischen Tigers war in der Folge beängstigend hoch und lag 2010 bei 31 Prozent des BIP. Inzwischen konnte die Regierung das Defizit auf 8,3 Prozent senken - was immer noch deutlich zu hoch ist.

Platz 4

Genau wie Griechenland und Irland musste sich auch Portugal unter den Rettungsschirm flüchten. Das Land ächzt unter einer Schuldenquote von 113,9 Prozent der BIP. Auf Druck der EU reduzierten die Portugiesen ihr Haushaltsdefizit in den vergangenen Jahren deutlich: Waren es 2009 noch 10,2 Prozent des BIP, wird die Defizitquote in diesem Jahr voraussichtlich auf 4,7 Prozent sinken.

Platz 5

Auch Belgiens Schuldenquote hat mit 113,9 Prozent vom BIP eine kritische Höhe erreicht. Bei Haushaltsdefizit hingegen sehen die Belgier inzwischen wieder ganz gut aus: Nach satten 10,2 Prozent im Jahr 2009 werden sie die in den Maastricht-Kriterien festgelegte Defizitquote von drei Prozent in diesem Jahr vorrausichtlich exakt einhalten.

Platz 6

Deutschlands Nachbarland Frankreich hat eine Verschuldungsquote von 90,5 Prozent des BIP. Ökonomen halten diese Schuldenlast für gerade noch tragbar, die Maastricht-Kriterien hingegen verletzen die Franzosen deutlich: Sie sehen eine Quote von höchstens 60 Prozent vor. Auch das französische Haushaltsdefizit ist mit 4,5 Prozent vom BIP im Jahr 2012 zu hoch.

Platz 7

Auch Deutschland, das sich gerne als Musterschüler der Euro-Zone sieht, drückt eine hohe Schuldenlast: 81,2 Prozent beträgt die Bruttoschuldenquote im Jahr 2012 - zu hoch für Maastricht. Beim Haushaltsdefizit hingegen sieht Europas größte Volkswirtschaft inzwischen richtig gut aus: Eurostat schätzt, dass Schäubles Defizitquote in diesem Jahr nur noch bei 0,9 Prozent des BIP liegt - der zweitbeste Wert aller Euro-Staaten.

Platz 8

Das letzte Land, das Schutz unter dem Euro-Rettungsschirm suchte, war Spanien. Dabei ist die Bruttoschuldenquote der Iberer gar nicht so hoch: mit 80,9 Prozent liegt sie unter der von Deutschland. Deutlich zu hoch ist allerdings das Haushaltsdefizit Spaniens: Kredite in Höhe von 6,4 Prozent muss die konservative Regierung in diesem Jahr aufnehmen - weniger als im letzten Jahr (8,5 Prozent) aber immer noch zu viel.

Platz 9

Bei Zypern wird immer gemunkelt, dass das Land als nächstes unter den Rettungsschirm schlüpfen könnte. Den Inselstaat drückt eine Schuldenquote von 76,5 Prozent des BIP. Immerhin: Das Haushaltsdefizit konnten die Zyprioten spürbar reduzieren: Es sankt von 6,3 Prozent des BIP im Vorjahr auf 3,4 Prozent in diesem Jahr. Die Maastricht-Grenze ist damit wieder in Reichweite.

Platz 10

Die Mittelmeerinsel Malta weist eine Bruttoverschuldungsquote von 74,8 Prozent des BIP auf. Im europäischen Vergleich reicht das für Platz zehn. Das Haushaltsdefizit von Malta bewegt sich innerhalb der Maastricht-Kriterien und wird in diesem Jahr voraussichtlich bei 2,6 Prozent liegen.

Platz 11

Deutschlands südlicher Nachbar Österreich weist eine Verschuldungsquote von 74,2 Prozent des BIP auf - Platz elf in Europa. Auch das Haushaltsdefizitdefizit der Alpenrepublik ist mit aktuell drei Prozent vom BIP vergleichsweise gering. Im Jahr 2011 hatte es mit 2,6 Prozent sogar noch niedriger gelegen.

Platz 12

Die Niederlande gelten ähnlich wie Deutschland als Verfechter einer strengen Haushaltspolitik. Das macht sich bemerkbar: Die Verschuldungsquote liegt bei nur 70,1 Prozent vom BIP. Weniger erfolgreich haben die Niederländer in den vergangen Jahren gewirtschaftet: Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 5,6 Prozent und hat sich danach nur leicht verringert. Im Jahr 2012 peilt die Regierung ein Defizit in Höhe von 4,4 Prozent des BIP an.

Platz 13

Slowenien ist das erste Land im Ranking, dessen Verschuldungsquote die Maastricht-Kriterien erfüllt: Sie liegt im Jahr 2012 bei 54,7 Prozent des BIP. Schlechter sieht es bei den Haushaltszahlen aus: Nach einen Defizit in Höhe von 6,4 Prozent des BIP im Jahr 2011 steuert die Regierung in diesem Jahr auf 4,3 Prozent zu. Die Gesamtverschuldung steigt also.

Platz 14

Ein Musterbeispiel für solide Haushaltsführung ist Finnland: Die Bruttoverschuldungsquote der Skandinavier liegt bei 50,5 Prozent und bewegt sich damit locker in dem Rahmen, den der Maastricht-Vertrag vorgibt. Auch die Haushaltszahlen können sich sehen lassen: In den vergangenen vier Jahren lag Finnlands Defizit nie über der Drei-Prozent-Marke. Im Jahr 2012 werden es nach Prognose von Eurostat gerade einmal 0,7 Prozent sein.

Platz 15

Auch die Slowakei weist eine niedrige Gesamtverschuldung auf: Die Bruttoverschuldungsquote liegt bei 49,7 Prozent des BIP. In den vergangen Jahren allerdings hatten die Slowaken zunehmend Probleme: Bei acht Prozent des BIP lag das Haushaltsdefizit im Jahr 2009, in diesem Jahr werden es laut Eurostat-Prognose 4,7 Prozent sein.

Platz 16

Geldsorgen sind in Luxemburg ein Fremdwort. Die Verschuldungsquote des Großherzogtums liegt bei niedrigen 20,3 Prozent. Der Regierung gelingt es in den meisten Jahren auch, mit den eingenommenen Steuermitteln auszukommen. In den vergangenen drei Jahren lag das Haushaltsdefizit stets unter einem Prozent des BIP. Die anvisierten 1,8 Prozent in diesem Jahr sind da schon ein Ausreißer nach oben.

Platz 17

Hätten Sie es gewusst? Der absolute Haushalts-Musterschüler der Euro-Zone ist Estland. Das baltische Land hat eine Gesamtverschuldung, die bei extrem niedrigen 10,4 Prozent des BIP liegt - ein echter Spitzenwert. 2010 und 2011 gelang es der Regierung sogar, einen kleinen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften. In diesem Jahr läuft es etwas schlechter: Voraussichtlich wird die Regierung Kredite in Höhe von 2,4 Prozent des BIP aufnehmen. Die Maastricht-Kriterien halten die Esten damit aber immer noch locker ein.

Nicht so schwarz sieht Holger Schäfer, Arbeitsmarktökonom beim Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). „Ich mag den Begriff 'Verlorene Generation' nicht, denn es stimmt nicht, dass schon alles verloren ist, dass ganze Biographien dauerhaft entwertet sind“, sagt Schäfer Handelsblatt Online. Allerdings sei nicht zu bestreiten, dass eine Generation auf Jahre zurückblicken wird, die wirtschaftlich sehr schwierig gelten werden. „Doch die Krisenländer können es schaffen, es gibt genügend Vorbilder“, sagt der Ökonom. „Dänemark und Großbritannien haben ihre Arbeitsmarktkrisen gemeistert und auch Deutschland hat es innerhalb von fünf Jahren von Tiefschwarz auf Rosarot geschafft.“

Das Problem: „Schon eine kurze Arbeitslosigkeit in jungen Jahren wirkt sich dauerhaft negativ aus“, sagt ILO-Ökonom Ernst. „Karrierechancen sinken, die Löhne sind niedriger, die Arbeitsverhältnisse schlechter.“

Kommentare (81)

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klarissimo

28.02.2013, 07:15 Uhr

"Lösungen aus der Misere könnten die „Jobgarantie“ der EU oder ein Umzug nach Deutschland sein." - WIR haben HIER keine Menschen OHNE ARBEIT??? Die nach pauschalen Fallmustern KEINE Chance mehr erhalten, sich gesellschaftlich einzubringen? Etwa weil Ü30,40,50!!??
Nun kommen die Südländer, ab 2014 dann die Rumänen und Bulgaren, weil hier selbst die Abrissbuden besser sind als in den Romastaaten. Dann noch die Mio. Bewohner von Spanien, Portugal, Grexia, die Zypriotis, - WAS SOLL DAS EIGENTLICH? MAN WILL DEN NEUEN BÜRGER-KRIEG. MAN WILL IHN. Denn man tut nichts gegen die Armutsschwemme, man lässt sie anrollen. - Wann erheben sich die Leute HIER? Wieviel ist den Leuten wie Spaniern selbst IHRE HEIMAT Wert?? Offenbar nichts.

Account gelöscht!

28.02.2013, 07:41 Uhr

Für den Euro-Endsieg der EU müssen halt ein paar Opfer gebracht werden. Das ist alternativlos.

Auch wenn dann die Hälfte der Euroländer dem wirtschaftlichen Untergang geweiht sind, es ist nur wichtig über die wirtschaftliche Verwüstung des Euros dem europäischem souveränen Nationalstaat das Regelungsmonopol zu entreißen und Brüssel zuzuschieben.

Dazu braucht es ideologische Bannerträger wie die Herren Schulz, Rompuy oder Barroso.

Vorwärts immer, rückwärts nimmer! Niemand hat die Absicht einen europäischen Superstaat zu errichten!

Berti

28.02.2013, 07:43 Uhr

Die EU wird es schon richten.....
Sie wird die Menschen versklaven, verarmen und abhängig machen.
Das ist das Ziel. Und die Menschen schlafen weiter, sind wie Zombies, gehirngewaschen.
Es ist so armselig. Jagt alle die korrupten Politiker und EU Affen zum Teufel....

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