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01.06.2012

09:02 Uhr

Jugendarbeitslosigkeit

Spaniens „verlorene Generation“ bangt um ihre Zukunft

VonDana Heide

Die Situation der jungen Spanier ist erdrückend. Beinahe jeder Zweite unter 25 ist arbeitslos. Viele suchen ihr Glück im Ausland. Wer in der Heimat bleibt, resigniert. Ein Ortsbesuch.

Junge Menschen demonstrieren gegen die Reformen der Regierung: eine verlorene Generation ohne Perspektiven. dpa

Junge Menschen demonstrieren gegen die Reformen der Regierung: eine verlorene Generation ohne Perspektiven.

San SebastiánJavier Muñoz steht in seiner Wohnung in San Sebastián in Nordspanien. Vor ihm ausgebreitet liegt der Plan eines Gebäudes, seine Abschlussarbeit, die Erweiterung einer alten Lagerhalle. Sie steht in Deutschland. Wie so viele Spanier studierte Muñoz Architektur. Anders als viele seiner Kollegen merkte der 28-Jährige jedoch schon früh, dass er in Spanien keine Zukunft hat - und arbeitete mitten im Studium für ein paar Monate in einem Architektenbüro in Berlin. Sein Englisch ist gut, Deutsch hat er in Chile gelernt, als er für vier Jahre eine deutsche Schule besuchte. 

Momentan arbeitet Muñoz in seiner Heimatregion Nordspanien an seiner Diplomarbeit. Vor kurzem hat er einen seiner ehemaligen Professoren in der Stadt getroffen. "Er betreibt jetzt mit seiner Frau ein Zeitungskiosk, seine Stelle bei der Universität wurde wegen der Mittelkürzungen gestrichen", erzählt er.

Für Muñoz steht die Entscheidung fest." Ich habe hier keine Zukunft", sagt er. Im Juli wird er mit seiner deutschen Freundin an den Bodensee ziehen, sie hat dort Familie. In Friedrichshafen hat er bereits ein Vorstellungsgespräch mit einem Architekturbüro. 

Idoia Arakama ist bereits weg - in Berlin. Wie so viele ihrer Landsleute momentan auch. Sie und Javier Muñoz gehören zur ersten Generation Spaniens, die nach der Diktatur Francisco Francos geboren wurden. Ihren Eltern war es noch verboten, das im Norden Spaniens beheimatete Baskisch in der Öffentlichkeit zu sprechen und ihren Kindern baskische Namen zu geben. 

Doch in ihrem Land gibt es keine Arbeit für sie. Laut dem europäischen Statistikamt Eurostat waren 2011 46,4 Prozent der Spanier unter 25 Jahren arbeitslos, ein Drittel von ihnen findet erst nach einem Jahr eine Stelle. Insgesamt haben derzeit rund 5,6 Millionen Menschen keinen Job.

Die spanische Arbeitsmarktreform

Geringere Abfindungen

Bis 2012 mussten einem Angestellten in Spanien bei grundloser Kündigung eine Abfindung von 45 Tageslöhnen pro Jahr im Unternehmen gezahlt werden. Die konservative Regierung reduzierte diese Abfindung auf 20 Tageslöhne und legte für die Zahlungen zudem eine neue Höchstdauer von 24 im Unterschied zu davor 41 Monaten fest.

Flexiblere Kündigungen

Lange unterteilte der Arbeitsmarkt in Spanien sich vor allem in zwei Fraktionen: Eine „Elite“ nahezu unkündbarer Festangestellter und Angerstellten, die sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangelten. Die Einführung eines neuen, flexibleren Kündigungsrecht erlaubte 2012 erstmals auch das Aussprechen betriebsbedingter Kündigungen bei sinkenden Unternehmensumsatz.

Lockere Tarifverträge

Gleichzeitig wurden auch Gehälter variabler gestaltet. Unternehmen erhielten die Möglichkeit, in Absprache mit den Mitarbeitern Löhne und Arbeitszeiten individuell zu vereinbaren - ohne sich an die geltenden Tarifverträge halten zu müssen.

Bonus für junge Angestellte

Weil in Spanien besonders viele junge Menschen arbeitslos sind, zahlt der Staat Unternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitern eine Prämie. Pro eingestelltem 16-30-Jährigen gibt es bis zu 3300 Euro, für Frauen im gleichen Alter bekommt die Firma sogar bis zu 3600 Euro.

Bonus für alte Angestellte

Besonders betroffen von der schlechten Wirtschaftslage sind auch die älteren Arbeitslosen. Die Regierung zahlt daher jedem Unternehmen, das einen über 45-jährigen Spanier einstellt, bis zu 3900 Euro (für Frauen bis zu 4500 Euro). Der neue Mitarbeiter muss in den 18 Monaten vor Vertragsbeginn jedoch mindestens zwölf Monate arbeitslos gewesen sein. 

Zeitverträge mit Limit

Befristete Verträge dürfen nur noch maximal zwei Jahre gelten und nicht mehr verlängert werden. Soll der Angestellte im Unternehmen bleiben, muss der Vertrag in einen unbefristeten umgewandelt werden.

Viele kehren daher ihrer Heimat den Rücken zu. "Eine derart schreckliche Akademikerflucht hat es noch nie gegeben", klagt die spanische Arbeitsministerin Fátima Bañez. Laut den aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes kamen im vergangenen Jahr 52 Prozent mehr Spanier nach Deutschland als noch 2010. Das Goethe-Institut, das Deutschkurse in aller Welt anbietet, verzeichnete 2011 in Spanien 60 Prozent mehr Anmeldungen als noch im Jahr zuvor. 

Kommentare (12)

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njanjic

01.06.2012, 09:34 Uhr

+++Beitrag von der Redaktion gelöscht+++

Joker1

01.06.2012, 09:39 Uhr

Hat die Politik völlig den Blick für das Wesentliche verloren?
In Brüssel sitzen tausende Bürokraten, die anscheinend nur
irgendwelche sinnlosen Dekrete verfassen, Lobbypolitik
betreiben und abkassieren.
Wird Zeit dass 50 v.H. ihre Koffer packen und verschwinden.
Löst endlich den Euro auf und gebt der EU eine Chance.

verlorene_Generation

01.06.2012, 09:43 Uhr

Der Mythos "verlorene Generation" ist nicht hilfreich. Im Gegenteil kontraproduktiv, weil dadurch der Jugend vermittelt wird, dass es überhaupt keine Chance in ihrem Leben gibt.

Das Leben ist jedoch anders. Es ist ein Auf und Ab. Momentan ist es unten, aber es wird auch wieder aufwärts gehen, wenn man dran glaubt. Man denke hier an die Trümmerfrauen, die unter noch wesentlich schwierigeren Umständen am Wiederaufbau begonnen sind. Doch wenn ich Leuten suggeriere, dass sie doch verloren sind, dann nehme ich ihnen noch allen Mut zur Sache.

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