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23.08.2011

13:00 Uhr

Jugendkrawalle

Der Kapitalismus frisst seine Kinder

VonFlorian Kolf

Das Spiel der Märkte kann Wohlstand schaffen, aber keinen Ersatz für fehlende Werte. Jetzt schaut eine verunsicherte junge Generation auf eine Gesellschaft ohne Vision und stellt die Frage nach der Zukunft. Ein Essay.

Machtprobe: Ein Polizist hält einen Demonstranten gegen den Papstbesuch in Spanien auf dapd

Machtprobe: Ein Polizist hält einen Demonstranten gegen den Papstbesuch in Spanien auf

Unversöhnlich standen sie sich beim Papstbesuch in Spanien gegenüber: Auf der einen Seite mehr als eine Million junge Gläubige, die in der Besinnung auf die Religion nach einem Sinn für ihr Leben suchen, den ihnen die moderne Konsumgesellschaft nicht mehr bieten kann. Auf der anderen Seite zum Teil hasserfüllte Demonstranten, die nicht begreifen können, warum Steuergelder ausgegeben werden für ein kirchliches Event wie den Weltjugendtag, dessen Sinn und Wert mit wissenschaftlichen und ökonomischen Kriterien nicht messbar ist.

Wie in einem Brennglas zeigt sich hier das Dilemma der jungen Generation Europas. Viele sind auf der Suche nach Projekten, für die es sich lohnt, sich zu engagieren. Doch in den materialistischen Gesellschaften fehlen die Vorbilder und die Werte, der politische Betrieb kreist nur noch um sich selbst. Wenn dann angesichts galoppierender Jugendarbeitslosigkeit auch noch der wirtschaftliche Erfolg ausbleibt, explodiert das Pulverfass.

Die Politik hat es versäumt, der Wirtschaftsordnung eine gleichwertige Gesellschaftsordnung gegenüberzusetzen. Jahrelang hat sie gedankenlos das Primat der Ökonomie akzeptiert, weil die entfesselten Marktkräfte ja lange Zeit den Wohlstand brachten, der die Massen begeisterte und die Wiederwahl sicherte. War früher Religion Opium für das Volk, war nun Konsum Crack für die Massen.

Doch mit jeder ökonomischen Krise wird es offensichtlicher, dass Wohlstand langfristig nur Mittel zum Zweck sein kann und nicht das Ziel einer Gesellschaft. Der britische Bestsellerautor Terry Eagleton bringt es in seinem Buch „Der Sinn des Lebens“ auf den Punkt: „Was nun den Reichtum betrifft, so leben wir in einer Kultur, die fromm bestreitet, dass Reichtum ein Endzweck sei, ihn in der Praxis aber so behandelt.“ Und er fügt spöttisch hinzu: „Es ist schon erstaunlich, dass die materielle Organisation des Lebens im einundzwanzigsten Jahrhundert genau so im Mittelpunkt steht, wie in der Steinzeit.“

Lange hat das Streben nach Wachstum und die permanente Umverteilung die Suche nach dem Sinn betäubt. Doch jetzt wird deutlich, dass Reichtum für alle nur eine Illusion war.

Kommentare (29)

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Account gelöscht!

23.08.2011, 13:16 Uhr

Ist das nicht alles eine Krise des Geldsystems? Diese Finanzkrise hat uns doch nicht die Realwirtschaft eingebrockt sondern die Finanzwirtschaft. Und diese ist aus unserem Geldsystem heraus erwachsen.

Warum ist kein freies Marktgeld erlaubt? Solange die Geldschöpfung ein Monopol des Staates oder der Banken bleibt, werden wir glaub keinen nachhaltigen Wohlstand schaffen.

schorschi

23.08.2011, 13:21 Uhr

je größer die Anzahl der Potenziale, welche nicht mehr vom etablierten System absorbiert werden können anwächst,
desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß in Bälde nicht mehr nur Einkaufstraßen und (vermeintliche) Luxuskarossen Schaden erleiden,
sondern ganz gezielt die systemrelevante Infrastruktur unter Beschuss gerät.

Nach dem Motto: "wenn nicht mit uns, dann gar nicht"
könnten ja auch rucki-zucki und europaweit
die Überlandleitungen kippen ...

Account gelöscht!

23.08.2011, 13:34 Uhr

Im Krisensommer 2011 offenbart sich der desaströse Zustand unserer Demokratien. Eine übermächtige Finanzwirtschaft führt Politik und Eliten vor.
Seit dem Crash von 2008 wissen wir, dass nichts so irrational, gefährlich und unproduktiv ist wie das Meuteverhalten der Finanzakteure, die keinem anderen als dem eigenen Nutzen folgen…
Jeder Staat meinte, „seine“ Wirtschaft optimal in Stellung bringen zu müssen, indem Kosten gesenkt, Verpflichtungen gelöst und außerdem sagenhaft viel Geld verdient werden konnte.
Dieser neue Kapitalismus hat die Ideale und Stärken der Demokratien in einem Maß untergraben, wie kein äußerer Feind es gekonnt hätte. Die „Märkte“ sind zur Parallelgesellschaft des 21. Jahrhunderts geworden. Sie können jenseits der für alle anderen gültigen Maßstäbe von Haftung und Verantwortung handeln…
Die Demokratien haben sich vom neuen Finanzkapitalismus ihr Selbstbewusstsein abkaufen lassen. Der Aufstieg der Demokratie war nicht möglich ohne die soziale und rechtliche Zivilisierung des Kapitalismus, ohne die Zurücksetzung der Macht der ökonomisch Stärkeren. Die alternden Demokratien kapitulieren vor ihr.
Erst die Deregulierungseuphorie demokratischer Regierungen hat den sagenhaften Aufstieg der Finanzoligarchie möglich gemacht, und die Nebenwirkung trat sofort ein – die abrupt sinkende Fähigkeit zur politischen Selbstkorrektur. Noch eindrucksvoller als die Liste des zahlreichen Finanzcrashs ist die Unfähigkeit, daraus Konsequenzen zu ziehen…

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