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21.01.2013

22:35 Uhr

Juncker verlässt Brüssel

„Gefesselt von den Finanzmärkten“

Der Lotse geht von Bord: Luxemburgs Premier Juncker will wieder ein freier Mann sein und gibt die Führung der Eurogruppe auf. Die Krise hinterließ Spuren - auch bei ihm. Denn Eurogruppe heißt vier Stunden Arbeit pro Tag.

Der ehemalige Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker. dapd

Der ehemalige Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker.

BrüsselNach acht Jahren an der Spitze der Eurogruppe verabschiedet sich Luxemburgs Jean-Claude Juncker (58) aus Brüssel. Kaum ein anderer Repräsentant Europas und seiner Gemeinschaftswährung hat sich den inoffiziellen Titel „Mister Euro“ so verdient wie er.

Der gelernte Jurist will sich mehr um sein Amt als Premierminister Luxemburgs kümmern und im kommenden Jahr erneut für die Christsozialen kandidieren. Die 2008 vom Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers ausgelöste Finanz- und Euroschuldenkrise hinterließ auch bei ihm Spuren. „Ich war gefesselt von den Finanzmärkten“, bekannte er unlängst vor Europaabgeordneten. „Wenn Sie als Präsident der Eurogruppe sprechen, hören Sie auf, ein freier Mann zu sein.“

Dass man vom dienstältesten Regierungschef der EU - seit 18 Jahren ist er Premierminister, seit 30 Jahren gehört er der luxemburgischen Regierung an - auf der europäischen Bühne auch in Zukunft hören wird, darf als sicher gelten. „Ich bin nicht der Meinung, dass man (EU-)Kommissionspräsident oder Ratspräsident sein muss, um sich für Europa fördernd und fordernd einbringen zu können“, sagt er. „Europäische Politik wird zuerst in den Hauptstädten gemacht.“

Als Sohn eines in der christlichen Gewerkschaftsbewegung aktiven und von den Nazis zwangsrekrutierten Bergbaupolizisten ist Europa für Juncker nicht nur eine Verstandes-, sondern auch eine Herzenssache. Er sieht Europa als Friedensprojekt: „Als Haus, in dem es keinen Krieg mehr gibt - und in dem man zusammensteht, weil wir immer weniger werden.“

Juncker ist bekannt als ein Mann des offenen Wortes. Nach Abschluss des Gipfeltreffens im Dezember scheute er sich nicht, die dürftigen Ergebnisse zu kritisieren. Nun will er die gewonnene Zeit („Eurogruppe heißt vier Stunden intensive Arbeit am Tag“) nutzen, nicht nur für die Politik. Er hofft darauf, wieder mehr Bücher lesen zu können. Und manchmal - „aber immer weniger“ - spielt er nach eigener Auskunft auch am Flipperautomaten.

Von

dpa

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