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03.12.2013

15:49 Uhr

Jung-Diktator Kim Jong Un

Hinweise auf politische Säuberung in Nordkorea

Als Nordkoreas Diktator Kim Jong Un an die Macht kam, sahen viele in ihm eine Marionette. Sein Onkel galt als die graue Eminenz im Hintergrund. Hinweise auf eine blutige Säuberung an der Staatsspitze sorgen für Unruhe.

Jang Song Thaek (links) galt lange Zeit als starker Mann hinter dem Jungdiktator Kim Jong Un (rechts). Reuters

Jang Song Thaek (links) galt lange Zeit als starker Mann hinter dem Jungdiktator Kim Jong Un (rechts).

SeoulTobt im abgeschotteten Nordkorea ein Machtkampf an der Führungsspitze? Berichte, dass der einflussreiche Onkel von Machthaber Kim Jong Un, Jang Song Thaek, Opfer einer Säuberungswelle sein könnte, werden in Südkorea als Vorzeichen möglicher Veränderungen gesehen.

Einerseits fürchten Beobachter, dass die Entmachtung instabile Verhältnisse nach sich zieht; denn Jang verfügte über gute Kontakte im Militär, Regierung und Partei. Andere sehen Indizien dafür, dass Kim seine Macht weiter festigt. Experten hatten schon bei der Machtübernahme des knapp 30-jährigen Kim Ende 2011 die Gefahr gesehen, dass ihm sein Onkel zu mächtig werden könnten. Schon einmal war der als Hardliner geltende Jang Song Thaek „gesäubert“ worden und dann doch plötzlich wieder aufgetaucht.

Zunächst gab es aus Pjöngjang keine Bestätigung für die Entmachtung Jangs. Der südkoreanische Geheimdienst NIS rief jedoch Abgeordnete in Seoul zu eine Dringlichkeitssitzung zusammen, um über seine Einschätzung der Lage im Nachbarland zu informieren. Die Lage in Pjöngjang wird möglichst genau beobachtet, um auf alle Veränderungen vorbereitet zu sein. Dem Geheimdienst zufolge ist Jang (67) nicht mehr öffentlich aufgetreten, seitdem zwei enge Vertraute Mitte November wegen Korruption hingerichtet worden seien.

Die Berichte über Jang - er ist mit der Schwester des früheren Alleinherrschers Kim Jong Il verheiratet - lassen viele Fragen offen. Er galt nicht nur als Mentor Kim Jong Uns, sondern auch als heimlicher Strippenzieher. Von Kim Jong Il wurde ihm der Auftrag gegeben, dem Sohn auf dem Weg zur Macht unter die Arme zu greifen. Dazu wurde Jang vor drei Jahren sogar zum Vizechef der mächtigen Nationalen Verteidigungskommission ernannt. Er hatte zudem einen hohen Posten in der Arbeiterpartei. Alle Posten sollen ihm jetzt entzogen worden sein. Regierungsbeamte in Seoul sagen, das wäre nicht ohne Zustimmung von Kim Jong Un möglich gewesen.

Nordkoreas Verbündete

China

Die Volksrepublik ist mit Abstand Nordkoreas größter Exportpartner. Nicht in den Statistiken tauchen umfangreiche Nahrungsmittel- und Energiehilfen auf. Peking hat mehr Einfluss auf Pjöngjang als jeder andere Staat. Allerdings hat auch China Nordkoreas dritten Atomtest verurteilt und den jüngsten Sanktionen des UN-Sicherheitsrats zugestimmt - das zeigt die Verärgerung über den jungen Machthaber Kim Jong Un.

Als Gastgeber organisierte Peking mehrere Runden der Sechs-Parteien-Gespräche zwischen Nordkorea, China, den USA, Südkorea, Japan und Russland. Für ein Ende des Atomwaffenprogramms standen diplomatische Zugeständnisse und Wirtschaftshilfen in Aussicht. Doch Nordkorea ließ die Verhandlungen 2009 platzen und setzt bis heute allein auf Konfrontation.

Iran

Nordkorea ist seit Jahren ein wichtiger Waffenlieferant für Teheran. Nach Angaben der Vereinten Nationen exportierte Pjöngjang auch für Atom-Sprengköpfe geeignete Raketen in den Iran. 2012 vereinbarten das Mullah-Regime und die kommunistische Diktatur eine noch engere Zusammenarbeit. Zu diesem Zweck unterzeichneten Vertreter beider Länder mehrere Kooperationsabkommen im Technologiebereich. Konkret geht es um Energie, Umwelt, Landwirtschaft und Lebensmittel, eine engere Zusammenarbeit bei der Forschung sowie um Austauschprogramme für Studenten.

Russland

Pjöngjang steht in Moskau noch aus sowjetischer Zeit mit rund elf Milliarden US-Dollar in der Kreide. Das Verhältnis der einst engen Verbündeten hat sich in den vergangenen Jahren deutlich abgekühlt. Noch im Sommer 2011 wollten der damalige Kremlchef Dmitri Medwedew und der bereits von Krankheit geschwächte nordkoreanische Machthaber Kim Jong Il neuen Schwung in die Beziehungen bringen. Sie kündeten zahlreiche gemeinsame Projekte an, doch blieb es meist bei Absichtserklärungen. So scheiterte auch der Bau einer Pipeline, die russisches Erdgas über nordkoreanisches Gebiet nach Südkorea transportieren sollte.

Kuba

Nordkorea und Kuba kooperieren unter anderem in den Bereichen Energie, Landwirtschaft und Biotechnologie. Seit 1960 gibt es diplomatische Beziehungen zwischen Havanna und Pjöngjang. Auf den Tod des „Genossen Kim Jong Il“ im Dezember 2011 reagierte Kubas Regierung mit einer dreitägigen Staatstrauer.

Unter der Voraussetzung, dass die Berichte zutreffen, stehen hinter der Entmachtung ganz klar die Interessen Kim Jong Uns, glauben Experten. „Jang ist der Prinzregent gewesen“, sagt Hanns-Günther Hilpert von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. „Wenn er jetzt entfernt wurde von seinem Amt, hat Kim freie Hand.“ sagt der Ostasienexperte, der zurzeit in Seoul ist. Mit dem Schritt habe Kim jetzt seine Macht gefestigt.

Die politischen Folgen sind allerdings noch nicht abzusehen. Der NIS vermutet den Berichten südkoreanischer Medien zufolge, dass die Säuberungswelle in Nordkorea noch nicht zu Ende sei. Es könnte den gesamten „Verwaltungsapparat“ der Arbeiterpartei treffen, der Jangs Unterstützungsbasis gewesen sei. Säuberungsaktionen in dem stalinistisch geprägten Staat sind nicht unüblich.

Doch die Entmachtung Jangs könnte noch weiter führen. „Jang war Mitglied der Kim-Dynastie“, sagt der Repräsentant der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul, Lars-André Richter. Seine Frau repräsentierte die Blutlinie der Dynastie. Es sei ganz klar ein politisches Signal, da auch zwei Gefolgsleute Jangs beiseite geschafft worden seien. „Jang stand für die China-Politik, er war eine Symbolfigur.“ Es könnte jetzt das Signal sein, dass Kim Jong Un diese Politik ändern wolle mit möglicherweise einer größeren wirtschaftlichen Öffnung, der vermutlich Jang im Weg stand. Viel sei von neuen Sonderwirtschaftszonen in Nordkorea die Rede, sagt Richter. „Das Land will weg von der Abhängigkeit von China.“

Von

dpa

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