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15.08.2016

13:20 Uhr

Junge Menschen in der Türkei

„Erdogan ist ein verdammter Diktator“

VonThomas Schmelzer

Seit dem gescheiterten Putschversuch leben viele Türken in großer Unsicherheit. Drei junge Menschen aus Istanbul erzählen, wie sie die Putschnacht erlebt haben – und wie sich ihr Leben seitdem verändert hat.

Vor allem die junge Generation sieht die aktuellen Entwicklungen in der Türkei mit Sorge. AP

Ein Land in Unsicherheit

Vor allem die junge Generation sieht die aktuellen Entwicklungen in der Türkei mit Sorge.

Vier Wochen ist es nun her, dass der Militärputsch in der Türkei niedergeschlagen wurde. Seitdem herrscht Unruhe im Land. Präsident Recep Erdogan hat mit groß angelegten „Säuberungen“ begonnen. Vor allem die junge Generation beobachtet die Entwicklungen in ihrem Land mit Sorge. Handelsblatt-Volontär Thomas Schmelzer hat drei junge Türken gefragt, ob sie ihm von ihren Erlebnissen berichten. Alle sagten sofort zu. Ihre Namen wollen Sie lieber nicht veröffentlichen. 

Eine Absolventin der Internationalen Beziehungen, 24 Jahre

„Mein Leben ist nach dem 15. Juli nicht mehr das gleiche wie zuvor. Der 15. Juli, das war der Tag des Putschversuches hier in der Türkei. Der Tag, an dem ich zum ersten Mal in meinem Leben das Geräusch von F16-Fliegern gehört habe. Und das Geräusch einer Bombe, die explodiert. Nach dem Knall dachte ich, dass es kein Leben mehr gibt, dass ich meine Familie niemals wiedersehen werde.

Ich fühle mich unsicher seitdem. Meine Familie ist jetzt wichtiger für mich. Ich habe erkannt, dass das Leben nur ein kurzer Moment ist, den man umarmen sollte. Aber ich fühle mich nicht danach. Ich denke leider öfter an den Tod. Mir fehlt die Energie zum Arbeiten, zum Studieren, sogar zum Reisen bin ich zu schwach. Es geht um Sicherheit, das habe ich jetzt begriffen. Das ist das Wichtigste, was dir dein Land zusichern kann.

Maßnahmen des Ausnahmezustands

Hintergrund

Bei einem Ausnahmezustand können nach der Verfassung in der Türkei Grundrechte eingeschränkt oder ausgesetzt werden, Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan kann weitgehend per Dekret regieren. Eine Auswahl von Maßnahmen, die das Kabinett unter Erdogan nach dem Gesetz zum Ausnahmezustand beschließen kann, aber nicht beschließen muss.

Ausgangssperren

Ausgangssperren können verhängt werden.

Verkehr

Der Fahrzeugverkehr kann zu bestimmten Zeiten oder in bestimmten Gegenden verboten werden.

Demonstrationen

Versammlungen und Demonstrationen können verboten werden – sowohl unter freiem Himmel als auch in geschlossenen Räumen.

Sicherheit

Sicherheitskräfte dürfen Personen, Fahrzeuge oder Anwesen durchsuchen und mögliche Beweismittel beschlagnahmen.

Evakuierung

Bestimmte Gegenden können abgeriegelt oder evakuiert werden.

Land, See und Luft

Der Verkehr zu Land, See und Luft kann kontrolliert werden.

Zeitungen

Druckerzeugnisse wie Zeitungen, Magazine oder Bücher können verboten oder mit der Auflage versehen werden, dass sie nur mit Genehmigung erscheinen dürfen.

Rundfunk

Alle Arten von Rundfunkausstrahlung und die Verbreitung von Texten, Bildern, Filmen oder Tönen können kontrolliert und nötigenfalls eingeschränkt oder ganz verboten werden.

Der 15. Juli war ein ganz normaler Freitag. Ich hatte mich mit Freunden am Taksim-Platz verabredet, wie so oft. Nach der Arbeit wollten wir reden, rumhängen, entspannen. Wegen der Selbstmordanschläge haben wir uns in Istanbul daran gewöhnt, dass weniger Leute in den Cafés und auf der Straße sind, aber an diesem Freitag war alles normal. Gegen 22 Uhr merkte ich, dass die Leute ständig auf ihre Handys schauten. Sie redeten nervös. "Putsch, Soldaten, geschlossene Brücke, Erdogan", solche Wörter hörte ich. Auf Twitter sah ich ein Foto von Soldaten die eine Brücke dicht machten. Ich nahm das nicht so ernst - bis eine Freundin anrief und sagte: "Das ist was Ernstes, irgendwas passiert hier gerade, geh nach Hause, sofort." Da merkte ich: Das hier ist nicht wie sonst.

Ich verließ den Taksim-Platz so schnell wie möglich und ging zu den Taxi-Ständen. Am günstigsten ist ein Dolmuş, ein Großraumtaxi, das man sich mit anderen teilt. So eins nahm ich. Aber das Taxi kam nicht weit, alles war mit Autos verstopft. Irgendwann brach bei uns im Taxi Panik aus. Jeder wollte raus. Ich zahlte und stieg aus. Auf der Straße: Chaos. Irgendwann fand ich ein normales Taxi, aber auch das blieb im Verkehrsstrom stecken. Da saß ich also: Mit einem Fremden im Taxi, keine Ahnung was gerade passiert, kaum noch Akkuladung, irgendwo in dieser riesigen Stadt. Angst! Horror! Zum Glück kreuzten wir das Haus einer Freundin, da stieg ich aus. Es waren nur wir beide: zwei Mädchen, deren Körper nicht aufhörten vor Angst zu zittern.

Was Erdogan angeht, könnte ich Dutzende Sachen aufzählen, die mir an ihm und seinem Regierungsstil nicht passen. Aber ganz ehrlich: Seit dem 15. Juli sind mir andere Dinge wichtiger. Was zählt ist meine Sicherheit. Als Türkin habe ich wie jeder andere das Recht zu wählen. Und Erdogan ist nun mal mit den Stimmen von uns Türken an der Macht. So gesehen ist es gerade nicht wirklich wichtig, ob man für oder gegen Erdogan ist.

Der Putschversuch war ein Anschlag auf die Demokratie und unser Recht. Seitdem Erdogan 2001 an die Macht kam hat sich die Türkei verändert. Vieles hat sich verbessert, vieles hat sich verschlechtert. Aber eine Sache kann ich nicht leugnen: dass Erdogan und die Türkischen Bürger stark und mächtig geblieben sind während des Putschversuches.

Ich persönlich bin müde und erschöpft von all dem Kram. Alles was ich will ist ein ruhiges und gelassenes Leben in diesem wunderbaren Land. Ich bin jetzt 24 Jahre alt und brauche Energie und Freude für mein Leben. Es gibt in der Türkei so viele einzigartige Orte.  Ich will mich nur noch darum scheren, diese Schönheit zu entdecken.“

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