Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.02.2013

12:03 Uhr

Justizdrama in China

„Wann hört der Wahnsinn auf?“

VonFrank Sieren

Auch nach 127 Tagen Gefängnis darf Nils Jennrich Peking nicht verlassen. Der Kunstspediteur wurde von Konkurrenten in einen Schmuggel-Prozess verwickelt, der von Willkür, Korruption und Widersprüchen geprägt ist.

Das Abenteuer China hat sich für den deutschen Manager Nils Jennrich zum Albtraum mit kafkaesken Zügen entwickelt. Frank Sieren

Das Abenteuer China hat sich für den deutschen Manager Nils Jennrich zum Albtraum mit kafkaesken Zügen entwickelt.

PekingDie Freude war unbeschreiblich groß, als Nils Jennrich am 3. August vergangenen Jahres nach 127 Tagen unter unvorstellbaren Bedingungen aus dem Untersuchungsgefängnis der Stadt Peking entlassen wurde. Doch inzwischen, sechs Monate später, ist „meine Freude über die Entlassung“, so Jennrich, „in eine Mischung aus Hoffnungslosigkeit, Angst und Verzweiflung übergegangen“.

Jeden Tag kann Jennrich aufs neue verhaftet werden in einem Verfahren, das von politischer Willkür bestimmt wird. Der 32-jährige Kunstspediteur soll Kunst geschmuggelt haben. Jennrich hingegen ist von seiner völligen Unschuld überzeugt. Doch das hilft ihm wenig. Da die chinesische Rechtspraxis undurchschaubar ist, kann jeder deutsche Manager jederzeit in eine solch aussichtslose Lage kommen. Darüber sollten sich Mittelständler, die in China investieren im Klaren sein.

Das Handelsblatt hatte exklusiv über seine schlimmen Haftbedingungen berichtet und damit ein großes Medienecho ausgelöst. Aufgrund dieses öffentlichen Drucks hatte Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger sich Ende Juni bei dem chinesischen Justizminister Song Dahan während eines Treffens in München für Jennrichs Freilassung eingesetzt. Daraufhin bekam der Zoll einen Anruf, Jennrich auf Kaution freizulassen. Doch auch seitdem haben der chinesische Zoll und die Justiz vor allem durch haarsträubende Willkür geglänzt.

Jennrich wird noch immer vorgeworfen, als General Manager der Pekinger Filiale der deutschen Kunstspedition Integrated Fine Arts Solutions IFAS) mit Niederlassungen in Peking, Shanghai und Hong Kong Kunstwerke für den Im- und Export unterdeklariert und so Steuern hinterzogen zu haben. Es geht um eine Summe von umgerechnet 2,23 Millionen Euro in 27 Fällen, die Jennrich und drei seiner chinesischen Mitarbeiter unterschlagen haben sollen.

Allerdings wirft ihm bisher niemand vor, einen finanziellen Vorteil daraus gehabt zu haben. Er habe nur die Formulare weitergegeben, die seine Kunden ausgefüllt und unterschrieben hätten, kontert Jennrich: „Ich kann den Wert eines Kunstwerks nicht einschätzen und das ist als Spediteur auch weder meine Aufgabe noch meine Verantwortung.“ Die meisten vom Zoll inzwischen beanstandeten Sendungen wurden zudem bereits beim Import einer Zollinspektion unterzogen.

China: Gefährliche Überraschungen für Unternehmen

China

Gefährliche Überraschungen für Unternehmen

China hält für Firmen Tücken bereit, die auf dem europäischen Markt undenkbar wären.

Sämtliche Unterlagen wurden geprüft, berichtet Jennrich, und die Kisten mit den Kunstwerken im Beisein des Zolls geöffnet. „Niemand hat die Sendungen beanstandet“, so Jennrich. „Ich bin weiterhin von meiner Unschuld überzeugt und habe mir nie etwas zu Schulden kommen lassen.“

Der chinesische Zoll sieht das anders. Der Deutsche darf die Stadt nicht verlassen. Wirkliche Beweise dafür, dass Jennrich Kunst geschmuggelt haben soll, liegen bisher keine vor. Anklage wurde noch immer nicht erhoben.

Kommentare (10)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Brasil

16.02.2013, 13:08 Uhr

Herr Siren, der Wahnsinn hoert auf, wenn ihr nicht die Tatsachen verdreht!

schweizermacher

16.02.2013, 13:26 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Account gelöscht!

16.02.2013, 13:39 Uhr

Mich würde eigentlich eher inteessieren, wie es mit dem Justiz-Wahnsinn zu Hause aussieht. Gibt es z.B.neue Entwicklungen im Fall Mollath. Nein? Tja, wenn die Staats-Führung erst mal involviert ist....

Die "Mollathisierung" (Entmündigung) von Leuten wurde durch eine Gesetz-Änderung kürzlich leichter gemacht - ohne große Berichte in den Systemmedien (die waren wohl alle in Peking recherchieren).

Warum in die Ferne schweifen? Das Un-Gute liegt so nah.
Und ist wesentlich brisanter für die Leute hier.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×