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02.11.2012

10:33 Uhr

Justizministerin in der Türkei

2.051 Mal Elend im Flüchtlingslager

VonMathias Brüggmann

Mehr als 100.000 Syrer sind vor dem Krieg in die Türkei geflüchtet. Dort bekamen sie jetzt ungewöhnlichen Besuch: Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger kam als erstes Regierungsmitglied in eines der Lager.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) besucht als erstes Regierungsmitglied ein syrisches Flüchtlingslager. dpa

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) besucht als erstes Regierungsmitglied ein syrisches Flüchtlingslager.

Kilis2.051 Mal Horror, Hoffnung, Enttäuschung, Mut, Angst und Bangen. 2.051 weiße Container ducken sich gleich hinter dem Grenzposten der südanatolischen Stadt Kilis. Nicht einmal einen Steinwurf ist hier Syrien entfernt, auf der anderen Seite des Schlagbaums. In den 2.051 Containern hausen etwa 13.000 syrische Flüchtlinge, obwohl offiziell nur Platz für 12.000 ist. Doch es werden immer mehr. Und schon jetzt sind die meisten Container mit staubig braunen Wollfecken verhängt, um wenigstens die Familien etwas vor den Blicken der anderen zu schützen. Doch Tausende drängen nach.

Hinter dem Grenzposten, vor dem eine gewaltige Blechlawine aus überladenen Wagen mit Kennzeichen aus aller Herren syrischer Städte sich staut, warten mindestens 6.000 Menschen. Vielleicht sind es auch allein hier, am Grenzposten Kilis, 10.000 Syrer, die auf Einlass in die schützende Türkei hoffen.

Aber man könne täglich nur 500, vielleicht 800 von ihnen herüberlassen, wenn es in den türkischen Auffanglagern einigermaßen geordnet zugehen solle. Die Türkei brauche jetzt „dringend Hilfe anderer Länder“, fügt Suleiman Tapsiz, der Gouverneur von Kilis, noch hinzu. Das Lager sei schon jetzt überlaufen, doch es kämen immer mehr Flüchtende.

Chronologie – der Konflikt zwischen Türkei und Syrien

6. Juni 2011

Der Flüchtlingsstrom aus Syrien in die Türkei setzt ein. Ankaras Regierungschef Recep Tayyip Erdogan verspricht den Flüchtlingen eine offene Grenze. Zehn Tage später sind bereits fast 10 000 Syrer in türkischen Lagern.

12. November

Anhänger von Machthaber Baschar al-Assad attackieren die türkische Botschaft in Damaskus.

16. März 2012

Die Türkei ruft ihre Bürger auf, Syrien wegen der Gewalt zu verlassen. Am 26. März schließt Ankara die Botschaft in Damaskus.

9. April

Syrische Truppen feuern über die Grenze hinweg auf das Flüchtlingslager Kilis. Zwei Syrer und zwei Türken werden verletzt. Ankara verstärkt die Truppen an der Grenze und warnt vor weiteren Angriffen. In türkischen Lagern leben rund 25 000 Syrer.

30. Mai

Als Reaktion auf das Massaker an Zivilisten im syrischen Al-Hula weist die Türkei alle syrischen Diplomaten aus Ankara aus.

22. Juni

Syrien schießt vor der Küste einen türkischen Militärjet ab. Beide Piloten sterben. Das Flugzeug war nach syrischen Angaben in den Luftraum des Landes eingedrungen.

26. Juni

Der türkische Ministerpräsident Erdogan sagt in einer vom Fernsehen übertragene Ansprache: „Bis sich das syrische Volk von diesem Diktator (Baschar al-Assad) mit blutbefleckten Händen befreit hat, wird die Türkei ihm (dem Volk) jede Art von Unterstützung zuteilwerden lassen.“

28. Juni

Ankara stationiert Raketenabwehrsysteme und Militärfahrzeuge an der Grenze.

6. Juni 201130. Juni

Die türkische Armee lässt Kampfjets gegen syrische Hubschrauber aufsteigen, die sich der Grenze näherten.

20. August

Wegen der schnell steigenden Zahl syrischer Flüchtlinge fordert die Türkei Schutzzonen auf syrischem Boden. Die türkischen Lager könnten nicht mehr als 100 000 Menschen aufnehmen. 70 000 sind bereits in die Türkei geflüchtet, tausende warten tagelang auf der syrischen Seite der Grenze auf die Einreise in die Türkei.

18. September

Bei Kämpfen syrischer Regierungstruppen mit Rebellen werden in dem türkischen Grenzdorf Akcakale mehrere Menschen durch Schüsse aus Syrien verletzt.

3. Oktober

In Akcakale schlagen mindestens drei aus Syrien abgefeuerte Granaten ein. Eine Mutter und ihre vier Kinder sterben. Wenig später greift die türkische Armee erstmals Ziele im Nachbarland an. In den folgenden Tagen schlagen im Grenzgebiet immer wieder Granaten aus Syrien ein, die Türkei feuert zurück.

4. Oktober

Das Parlament in Ankara erlaubt der Regierung für ein Jahr Einsätze auch über die Grenze hinweg. Die Türkei habe aber kein Interesse an einem Krieg mit Syrien, heißt es.

10. Oktober

Die türkische Luftwaffe zwingt ein syrisches Passagierflugzeug zur Landung in Ankara. Die Maschine war auf dem Weg von Moskau nach Damaskus. Es seien Teile von Raketensystemen und Kommunikationsausrüstung an Bord gefunden worden.

Die, die hier Unterschlupf fanden in einem der Container mit seinen je 21 Quadratmetern, verteilt auf zwei Zimmer, Kochnische und Nasszelle, genießen die letzten warmen Strahlen, die die Olivenhaine um das Lager in gelbes Herbstlicht hüllen. „Wir haben 80 türkische Lira alle zwei Wochen pro Personen“, berichtet ein Mann mit einem akkurat gestutzten Vollbart. Seinen Namen nennen wolle er nicht, denn er habe Angst vor Verfolgung der Verwandten. Sie hätten die Flucht noch nicht gewagt, harrten mit kranken Angehörigen noch im syrischen Heimatdorf zwischen Kilis und der heftig umkämpften nordsyrischen Industriemetropole Aleppo aus.

Die 80 Lira, umgerechnet rund 35 Euro, reichten noch für die Einkäufe in den drei Supermärkten im Lager. „Doch bald kommt der Winter und wir haben nur Sommersachen und kein Geld für warme Klamotten“, übersetzt der Mann die Worte der Frau seines Bruders. „Wir hoffen alle, dass wir bald wieder heim können. Man kann es kaum aushalten, die täglichen Horrormeldungen am Handy aus der Heimat, die Hilflosigkeit, das Nichtstun, die Trauer der Kinder

Immerhin werde er nun nicht mehr gefoltert. Durch die Offensive der Rebelleneinheiten hätten Häftlinge in einigen Städten wie Aleppo fliehen können. „Ich saß fast zwölf Jahre in Assads Folterknast. Er ist ein Henker, ein Mörder“, zieht der Bärtige über den syrischen Diktator Bashar al-Assad her.

„Mit eigenen Augen habe ich gesehen, wie Soldaten Menschen lebendig begraben ließen und dann mit Bulldozern die zugeschüttete Fläche plattwalzten“, schnürt es ihm noch immer die Kehle zu. Horrorgeschichten wie diese haben viele hier im Lager zu berichten. Immerhin müssten sie sie nicht mehr selbst durchleiden. Doch das Nichtstun nage an ihren Nerven.

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

02.11.2012, 11:42 Uhr

Es wird Zeit das die islamistischen Terroristen aus Syrien gejagt werden. Das es nicht um Menschenrechte geht, zeigt Saudi-Arabien - flotter, Verschleppung und Mord ist dort an der Tagesordnung und wo sind unsere Hilfen für die Menschen dort? Wo sind die Medienberichte darüber? Statt den Menschen dort zu helfen, helfen wir dem Saudi-Regime bei der Ausbildung der Religionspolizei - einfach widerwärtig!

Wir haben genug von diesen Lügen die Millionen Menschen das Leben kosten. Wo sind die Berichte über NATO-Aerosol-Bomben auf Libysche Städte?

Karten

02.11.2012, 11:50 Uhr

Was die Flüchtlinge ganz dringend brauchen, sind Autogrammkarten. Die lassen sich prima im Winter anziehen oder kochen.

Moscheebau

02.11.2012, 12:12 Uhr

2051 Muslime.
Alle schnell her zu uns, hurra !

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