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29.01.2007

15:35 Uhr

Kämpfe bei Nadschaf

Allierte töten selbst ernannten „Erlöser“ im Irak

Irakische und US-Soldaten haben in der Nähe der Stadt Nadschaf den Anführer einer muslimischen Sekte und mindestens 300 seiner Anhänger getötet. Nach Angaben des Gouverneurs der Stadt plante die Gruppe Anschläge auf führende schiitische Geistliche.

Irakische Soldaten mit einem festgenommenen Kämpfer der Sekte nahe der Stadt Nadschaf. Foto: dpa

Irakische Soldaten mit einem festgenommenen Kämpfer der Sekte nahe der Stadt Nadschaf. Foto: dpa

HB NADSCHAF. Der Gouverneur ergänzte, die Attentate hätten am Montag verübt werden sollen, dem Höhepunkt des in der 70 Kilometer nördlich gelegenen Stadt Kerbela gefeierten schiitischen Aschura-Fests. Dort versammelten sich hunderttausende Gläubige.

Der 40-jährige Anführer der Sekte, der sich selbst als Erlöser (Mahdi) bezeichnet habe, sei bei den Kämpfen am Sonntag ums Leben gekommen, sagte der Minister für Nationale Sicherheit, Schirwan al-Waeli. Unter den Opfern seien möglicherweise auch Frauen und Kinder, die sich zu den etwa 600 bis 700 Sekten-Kämpfern gesellt hätten. „Es ist sehr traurig, wenn die Familie mit auf das Schlachtfeld gebracht wird“, sagte Waeli.

Die genaue Zahl der Opfer müsse noch ermittelt werden. Zuvor war in irakischen Kreisen von rund 300 getöteten Kämpfern die Rede gewesen. Nach Angaben des Ministers lag die Zahl der getöteten irakischen Sicherheitskräfte bei rund zehn. Das US-Militär lehnte eine detaillierte Stellungnahme mit der Begründung ab, es handle sich um einen laufenden Einsatz. Es räumte am Vortag allerdings ein, zwei seiner Soldaten seien beim Absturz eines Hubschraubers während der Gefechte ums Leben gekommen. Er wurde wahrscheinlich abgeschossen. Bei den Kämpfen setzten die USA Panzer und F-16-Kampfflugzeuge ein. Erst im vergangenen Monat hatten die USA den irakischen Behörden die Kontrolle über die den Schiiten heilige Stadt übergeben.

Der Sektenführer habe den Namen „Mahdi bin Ali bin Ali bin Abi Taleb“ geführt, und sich als Abkömmling des Propheten Mohammed bezeichnet, sagte der Minister. Einige der Kämpfer hätten Stirnbänder mit der Aufschrift „Soldaten des Himmels“ getragen. Der Gruppe hätten Schiiten und Sunniten aber auch Ausländer angehört. Als die Polizei das Lager des Kultchefs besucht habe, habe dieser gerufen: „Ich bin der Mahdi, schließt euch mir an.“ Der Montag habe der Tag der Erscheinung des Mahdi werden sollen, sagte Waeli.

In der islamischen Geschichte hat es immer wieder aus beiden religiösen Richtungen zusammengesetzte Gruppen gegeben, die die führende Geistlichkeit herausforderten. Auch gab es immer wieder Menschen, die sich als Mahdi bezeichneten. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts sammelte sich so im Sudan eine Widerstandsbewegung gegen die britische Kolonialherrschaft. 1979 übernahm eine mehrere hundert Mitglieder starke Gruppe die Kontrolle der Großen Moschee in Mekka.

Die mutmaßlichen Attentate der Gruppe hätten zum gleichen Zeitpunkt wie die Aschura-Feiern in Kerbela stattgefunden. Dort versammelten sich die Gläubigen unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. 11 000 Soldaten und Polizisten waren im Einsatz. Vor drei Jahren töteten dort Selbstmordattentäter mehr als einhundert Menschen. Bei dem Fest wird einer Schlacht aus dem 7. Jahrhundert gedacht, bei der die Spaltung des Islams in die schiitische und die sunnitische Richtung vertieft wurde.

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