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11.09.2012

13:19 Uhr

Kämpfe in Syrien

Brutalität nimmt auch bei Rebellen zu

Je brutaler die Regierungstruppen vorgehen, desto grausamer verhalten sich auch ihre Gegner. Doch nicht alle Oppositionellen billigen die Hinrichtung gefangener Soldaten. Das Regime setzt derweil auf religiöse Rhetorik.

Ein Soldat der Freien Syrischen Armee. dapd

Ein Soldat der Freien Syrischen Armee.

Damaskus/IstanbulDie Grausamkeit an den verschiedenen Fronten in Syrien nimmt mit jedem Monat weiter zu. In Oppositionskreisen sorgte am Mittwoch ein Video für Diskussionsstoff, in dem getötete Soldaten zu sehen sind. Das Video, das von der Organisation Syrischer Menschenrechtsbeobachter veröffentlicht wurde, soll vor einigen Tagen in Aleppo aufgenommen worden sein. Es zeigt mehrere bewaffnete Männer, die einer Brigade der Revolutionstruppen angehören sollen. Vor ihnen liegen an einer Bordsteinkante etwa 20 Leichen von Männern, die offensichtlich aus nächster Nähe erschossen wurden. Ihre Hände sind gefesselt.

Der Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation, Rami Abderrahman, sagte der Nachrichtenagentur dpa, er wolle nicht nur die Verbrechen der Regierungstruppen dokumentieren, sondern alle Menschenrechtsverletzungen: „Wir können derartige Vorfälle nicht einfach ignorieren. Und wenn wir die Augen davor verschließen würden, dann würde dies nur dem Regime nützen.“

Regionale Player im Syrien-Konflikt

Israel

Ein Einsatz syrischer Massenvernichtungswaffen ist ein Alptraum für Israel, das dem Konflikt bisher eher als Beobachter beiwohnte. Jetzt warnt Jerusalem laut davor, dass Assads Chemie- und Flugabwehrwaffen in die Hände der Hisbollah oder Al-Kaidas fallen könnten. Positiv wäre für Israel, dass sein Erzfeind Iran mit Assad seinen wichtigsten Stützpfeiler in der Region verlieren würde. Mit Assad könnte Israel allerdings auch einen Nachbarn verlieren, der für weitgehende Ruhe an der gemeinsamen Grenze gesorgt hat.

Saudi Arabien und Katar

Die sunnitischen Herrscher vom Golf unterstützen in Syrien - wie schon zuvor in Libyen - die islamisch-konservativen Kräfte. Und versuchen, einen Verbündeten ihres Erzfeindes Iran zu schwächen. Daheim können sie sich so als Unterstützer der Revolution präsentieren, ohne Protesten Vorschub zu leisten. Damaskus will in Saudi-Arabien und Katar die Urheber des „Komplotts“ gegen sich identifiziert haben.

Türkei

Das Nato-Mitglied ist seit langem einer der schärfsten Kritiker des syrischen Regimes. Weiter verschärft wurde das Verhältnis Ende Juni durch den Abschuss eines türkischen Kampfflugzeuges vor der syrischen Küste. Regierungschef Recep Tayyip Erdogan sagte dem syrischen Volk daraufhin Unterstützung bis zur Befreiung von „Diktator“ Assad zu, bei weiteren Zwischenfällen werde sein Land mit Gewalt zurückschlagen. Ein Teil des Nachschubs der syrischen Rebellen wird durch die Türkei geschleust, die allerdings offiziell keine Waffen liefert.

Libanon

Das westliche Nachbarland Syriens ist zerrissen - eine gefährliche Lage. Die Sunniten im Libanon stehen mehrheitlich auf der Seite der syrischen Opposition, die zum Großteil ebenfalls aus Sunniten besteht. Über die Grenze werden auch Waffen geliefert. Die schiitische Hisbollah-Miliz hingegen, die in Beirut in der Regierung sitzt, ist mit dem Assad-Regime verbündet. Die Waffen, mit denen sie ihre Herrschaft sichert, kommen aus Damaskus. Seit einigen Wochen gibt es im Libanon Auseinandersetzungen zwischen pro- und anti-syrischen Gruppierungen, dabei gab es auch Tote.

Iran

Aus iranischer Sicht darf das syrische Regime keinesfalls fallen. Im Frühjahr erklärte Präsident Mahmud Ahmadinedschad, er kenne keine Grenzen bei seiner Unterstützung für Präsident Assad. Angeblich schickte Teheran Militärberater und Kämpfer. Ohne Assads Regime würde es für den Iran schwerer, die eigene anti-israelische Ideologie zu verbreiten. Auch die pro-iranischen Milizen, besonders die Hisbollah in Libanon, würden geschwächt. Zuletzt bestätigte der Iran Gespräche mit Regimegegnern in Syrien und brachte sich als Vermittler ins Gespräch.

Al-Kaida

Das Terrornetzwerk Al-Kaida versucht einmal mehr, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Die Terroristen wollen sich als Speerspitze der Revolution präsentieren und das anschließende Tohuwabohu für ihre Zwecke nutzen.

Aus dem Umland von Damaskus meldeten Aktivisten am Dienstag Gefechte zwischen Regierungstruppen und Deserteuren. Während es in den Vororten fast täglich zu Kämpfen kommt, bei denen zum Teil auch die Luftwaffe eingesetzt wird, ist es in einigen Vierteln der Hauptstadt nach Angaben von Bewohnern immer noch relativ ruhig. 18 Menschen sollen am Dienstag landesweit getötet worden sein.

Das syrische Regime setzt derweil auf religiöse Rhetorik. Die Tageszeitung „Al-Watan“, die Präsident Baschar al-Assad nahesteht, schrieb, die Ordnungspolizei habe am Montag über Dörfern im Osten von Damaskus per Hubschrauber Flugblätter abgeworfen. Darin seien die Kämpfer im Namen des Islams aufgefordert worden, ihre Waffen niederzulegen. „Benutze Deinen Verstand, die Religion ist Glaube, die Religion ist Nächstenliebe, die Religion ist Toleranz, die Religion ruft nicht zum Töten auf“, zitierte die Zeitung aus den Flugblättern.

Sanktionen gegen Syrien

Schwarze Liste für Auslandsreisen

Die EU hat eine schwarze Liste mit Personen und Unternehmen, die das syrische Regime unterstützen und die Gewalt im Land fördern. Wer darauf steht, darf nicht mehr in die EU reisen; außerdem wird seine Vermögen in der EU eingefroren. Für ein Unternehmen bedeutet ein Listenplatz, dass es keine Geschäfte mehr mit der EU machen darf. Am Montag kamen 26 Personen - nach Angaben von Diplomaten handelt es sich dabei um Mitglieder des Militärs oder der syrischen Geheimdienste - und drei neue Unternehmen dazu. Die gesamte Strafliste umfasst damit jetzt 155 Personen und 52 Organisationen oder Unternehmen.

Waffen-Exportverbot

Schon seit Mai 2011 dürfen die Mitgliedstaaten der EU keine Waffen mehr nach Syrien exportieren. Am Montag verschärften die EU-Außenminister das bestehende Waffenembargo. Flugzeuge und Schiffe mit Lieferungen an Syrien müssen jetzt speziell auf Waffenlieferungen kontrolliert werden. Anfang des Jahres war auf Zypern ein Schiff aufgehalten worden, das Munition von Russland nach Syrien bringen sollte.

Beschränktes Handelsembargo

Um die Wirtschaft des Landes zu schwächen, verhängte die EU verschiedene Handelsembargos: So dürfen EU-Staaten zum Beispiel kein Rohöl aus Syrien importieren oder in die Ölindustrie investieren. Auch andere Branchen wollen die Mitgliedstaaten finanziell und technologisch aushungern - wie die Bereiche Telekommunikation, Metalle und Edelsteine, Versicherungen und Banken

Luftverkehr

Nach Angaben des luxemburgischen Außenministers Jean Asselborn hat die EU auch die syrische Fluglinie Syrian Arab Airlines auf die Liste gesetzt. Ein Diplomat erklärte, die Flugzeuge dürften die EU noch überfliegen, dort aber allenfalls eine Notlandung machen.

Luxusartikel

Mit einem Beschluss aus dem April 2012 versuchte die EU dem syrischen Diktator Assad auch das Privatleben schwer zu machen: Sie verhängte eine Art Luxus-Sanktion. Für sich und seine Familie darf er seitdem in der EU unter anderem keine Trüffel, teuren Schuhe, Uhren oder Autos kaufen.

Eine ursprünglich für diesen Mittwoch geplante Konferenz von Oppositionsgruppen in Damaskus wurde auf den 23. September verschoben. Die Website „All4Syria“ meldete, die Organisatoren hätten dies mit der Zunahme der Gewalt in der Hauptstadt begründet.

Von

dpa

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