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04.01.2015

19:29 Uhr

Kalter Krieg in New York

Streit zwischen Polizei und Bürgermeister

Nach Protesten gegen Polizeigewalt ist in New York ein Streit zwischen Bürgermeister und Polizei ausgebrochen. Viele Uniformierte geben de Blasio eine Mitschuld an den Morden - und wollen die Arbeit einzustellen.

New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio bei einer Trauerfeier eines Polizisten: Der mit einer Afro-Amerikanerin verheiratete de Blasio hatte öffentlich Demonstrationen unterstützt, die Polizeigewalt gegen Schwarze anprangerten. dpa

New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio bei einer Trauerfeier eines Polizisten: Der mit einer Afro-Amerikanerin verheiratete de Blasio hatte öffentlich Demonstrationen unterstützt, die Polizeigewalt gegen Schwarze anprangerten.

New York„New York's Finest“ nennt sich die Polizei der US-Millionenmetropole - das Beste, was New York zu bieten hat. Die Beamten sind stolz auf sich und ihren Job und zeigen das bei jeder Gelegenheit. Aber jetzt fühlen sich viele der rund 50.000 Polizisten New Yorks in ihrem Stolz zutiefst verletzt - und das ausgerechnet von Bürgermeister Bill de Blasio.

Der mit einer Afro-Amerikanerin verheiratete Bürgermeister hatte öffentlich Demonstrationen unterstützt, die Polizeigewalt gegen Schwarze anprangerten. Auch seinen Sohn Dante habe er im Umgang mit der Polizei trainieren müssen, sagte de Blasio vor der Presse - und handelte sich damit den Zorn seiner eigenen Polizeitruppe ein.

Vertreter der Polizeibehörde New York City Police Department (NYPD) geben ihm seitdem die Mitschuld an der Erschießung von zwei Polizisten vor rund zwei Wochen. Als Motiv für die Tat eines Afro-Amerikaners wird Rache wegen der Polizeigewalt gegen Schwarze vermutet. Auch Bürgermeister de Blasio habe nun „Blut an seinen Händen“, wetterte Polizeigewerkschaftschef Patrick Lynch.

Gewalt gegen Schwarze in den USA

Juli 2016

Am 5. Juli wird ein 37-jähriger Afroamerikaner in Baton Rouge (Louisiana) von einem Polizisten erschossen, nachdem er zuvor zu Boden gedrückt wurde. Mehrere Zeugen halten den Vorfall auf Video fest, es kommt zu Protesten.

Juli 2016

Ein 32-Jähriger wird während einer Fahrzeugkontrolle in Minnesota von einem Polizisten in den Bauch geschossen. Die Freundin des Afroamerikaners hält den Vorfall in einem Facebook-Live-Video fest, das für einen internationalen Aufschrei sorgt.

März 2015

Tödliche Schüsse auf einen unbewaffneten jungen Schwarzen lösen in Madison (Wisconsin) Proteste aus. Angeblich schoss der Polizist in Notwehr.

April 2015

In North Charleston (South Carolina) erschießt ein Polizist einen flüchtenden, unbewaffneten Schwarzen von hinten. Der auf einem Video festgehaltene Fall sorgt international für Aufsehen.

April 2015

Ein Afroamerikaner stirbt in Baltimore (Maryland) an den Folgen einer Rückenverletzung. Er war in Polizeigewahrsam misshandelt worden. Es kommt zu schweren Krawallen.

April 2015

Ein Afroamerikaner stirbt in Baltimore (Maryland) an den Folgen einer Rückenverletzung. Er war in Polizeigewahrsam misshandelt worden. Es kommt zu schweren Krawallen.

Juli 2015

Ein Polizist erschießt in Cincinnati (Ohio) bei einer Verkehrskontrolle einen unbewaffneten Schwarzen. Sein Wagen hatte vorne kein Nummernschild.

Dezember 2015

In Chicago erschießen Polizisten eine fünffache Mutter und einen Studenten. Beide sind schwarz. Der 19-Jährige hatte seinen Vater mit einem Baseballschläger gedroht, die Nachbarin wird nach Polizeiangaben aus Versehen getroffen.

Mai 2016

Am Steuer eines gestohlenen Autos wird eine junge Afroamerikanerin in San Francisco von einer Polizeikugel tödlich getroffen. Auf Druck des Bürgermeisters nimmt der Polizeichef seinen Hut.

November 2014

Ein weißer Polizist muss wegen tödlicher Schüsse auf einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen in Ferguson (Missouri) vorerst nicht vor Gericht. Eine Geschworenenjury sieht keine Beweise für eine Straftat. Der Vorfall löste schwere Unruhen aus.

Juli 2010

Nach einem milden Urteil gegen einen weißen Ex-Polizisten kommt es in Kalifornien zu Ausschreitungen und Plünderungen. Der Mann hatte einen unbewaffneten Schwarzen erschossen, er wurde wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren Haft verurteilt.

November 2006

Ein unbewaffneter Schwarzer stirbt im Kugelhagel der New Yorker Polizei. Er hatte nach dem Verlassen einer Bar im Auto mit Freunden ein Zivilfahrzeug der Polizei gerammt. Im April 2008 werden drei Polizisten freigesprochen.

April 2001

Schüsse eines Polizisten auf einen unbewaffneten Schwarzen lösen schwere Rassenunruhen in Cincinnati (Ohio) aus. Die Behörden rufen den Notstand aus. Der getötete 19-Jährige war bei einer Kontrolle geflüchtet, der Polizist wurde freigesprochen.

Februar 2000

Vier Polizisten, die einen afrikanischen Einwanderer erschossen hatten, werden freigesprochen. Das Urteil der Jury aus schwarzen und weißen Schöffen ist heftig umstritten, in New York kommt es zu Ausschreitungen.

März 1991

Vier Autobahn-Polizisten schlagen den Afroamerikaner Rodney King nach einer Verfolgungsjagd zusammen. Ein Amateur-Video geht um die Welt. Der Freispruch der Männer führt in Los Angeles zu Unruhen mit Dutzenden Toten. In einem Revisionsverfahren werden zwei der Polizisten 1993 zu jeweils 30 Monaten Haft verurteilt. Außerdem erhält das Opfer eine millionenschwere Entschädigung.

Bei der Beisetzung eines der beiden Polizei-Opfer vor einer Woche kehrten die Ordnungshüter dem Stadtoberhaupt reihenweise den Rücken. Bei der Trauerfeier für das zweite Opfer am Sonntag stellten nur noch einige Dutzend Polizisten ihrem Unmut gegen de Blasio zur Schau.

Etliche setzten sich demonstrativ von den Feierlichkeiten ab, andere drehten sich um, als de Blasio das Wort ergriff. Und das, obwohl Polizeichef William Bratton seine Beamten zuvor eindringlich ermahnt hatte, bei der Beisetzung „zu trauern und nicht zu grollen“.

Neue Statistiken deuten jetzt eine eigenwillige Reaktion der Polizei an: Unangekündigter Arbeitskampf. In der letzten Dezemberwoche 2014 - der Woche nach der Ermordung der beiden Polizisten - stellten die New Yorker Cops Medienberichten zufolge 94 Prozent weniger Verkehrsstrafzettel, 92 Prozent weniger Park-Knöllchen und 94 Prozent weniger Verwarnungen wegen Vergehens wie öffentlichem Urinieren aus als in derselben Woche 2013. Außerdem nahmen sie 84 Prozent weniger Menschen wegen Drogendelikten fest.

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