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24.02.2012

21:09 Uhr

Kampf gegen Assad

Opposition nimmt die Sache selbst in die Hand

Die syrische Opposition verlässt sich nicht mehr auf das Wohlwollen der Staatengemeinschaft und schafft selbst Waffen ins Land, um Assad zu bekämpfen. Dessen Rückhalt schwindet zunehmend - selbst bei alten Verbündeten.

„Freunde Syriens” erhöhen Druck auf Assad

Video: „Freunde Syriens” erhöhen Druck auf Assad

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Tunis/Genf/Kairo/Gaza-StadtDie syrische Opposition stellt ihren zögernden Freundeskreis vor vollendete Tatsachen und beschafft sich im Ausland Waffen. Westliche und andere Regierungen drückten dabei ein Auge zu, sagte ein Vertreter des oppositionellen Syrischen Nationalrats (SNC) am Rande eines internationalen Krisentreffens am Freitag in Tunis.

Dort forderte der SNC Waffenlieferungen an die syrische Rebellenarmee, die den Truppen von Präsident Baschar al-Assad hoffnungslos unterlegen ist. Bundesaußenminister Guido Westerwelle und Vertreter anderer Regierungen verlangten ein Ende der Gewalt, humanitäre Hilfen und eine Übergangslösung für die Zeit nach Assad.

Die syrische Oppositionsgruppen im Überblick

Syrischer Nationalrat (SNC)

Der im August 2011 in Istanbul gegründete SNC gilt als größte und repräsentativste syrische Oppositionsgruppe. Ihren Vertretungsanspruch für die Belange der Opposition bezieht sie zum einen daraus, dass fast hundert ihrer insgesamt rund 230 Mitglieder in Syrien ansässig sind. Überdies bevorzugen die Regierungen in Washington und Paris den SNC als Ansprechpartner. Die Konferenz in Tunis könnte dazu führen, dass der Nationalrat international als „legitimer“, wenn auch nicht als einziger Repräsentant der syrischen Opposition anerkannt wird.

Im SNC sind Islamisten, vor allem Anhänger der Muslimbrüder, Liberale und Nationalisten vereint. Sein Vorsitzender ist der im französischen Exil lebende Oppositionelle Burhan Ghaliun, der sich für eine militärische Intervention in Syrien ausgesprochen hat. Seine Gegner werfen Ghaliun vor, er koordiniere seine Vorgehensweise nicht hinreichend mit den Kräften vor Ort.

Nationales Koordinierungskomitee für den demokratischen Wandel (NCB)

Das von Hassan Abdel Asim geleitete NCB vereint arabische Nationalisten, Kurden, Sozialisten und Marxisten sowie unabhängige Persönlichkeiten wie den Wirtschaftsexperten Aref Dalila. Das Komitee gründete sich Mitte September in der Nähe von Damaskus und wählte als Führungsgremium einen Zentralrat. Die Gruppierung ist strikt gegen eine Militärintervention von außen, ein Versuch einer Annäherung an den SNC scheiterte. Das NCB boykottiert die Konferenz in Tunis aus Protest gegen den Plan, den Nationalrat als Repräsentanten der syrischen Opposition anzuerkennen.

Örtliche Koordinierungskomitees (LCC)

Die Komitees sehen sich als Bestandteil des Nationalrates, in ihnen sind die Protestbewegungen aus einzelnen Städten und Stadtvierteln zusammengeschlossen. Die meisten ihrer Mitglieder sind junge Syrer ohne militante Vergangenheit, die sich über soziale Netzwerke wie Facebook organisieren und mit der Außenwelt unter anderem über den Internetdienst Skype kommunizieren. Sie organisieren ein System gegenseitiger Hilfsleistungen, etwa um Verletzte aus ihren Reihen außerhalb der von den Sicherheitskräften kontrollierten Krankenhäuser zu versorgen.

Syrische Koalition säkularer und demokratischer Kräfte (CSDF)

Die Koalition kam das erste Mal Mitte September in Paris zusammen. Sie strebt einen laizistischen Staat in Syrien an. Ihr gehören Vertreter von Kurdenparteien, der Assyrischen Kirche und sunnitische Muslime an. Die CSDF wendet sich gegen den starken Einfluss der Islamisten in der syrischen Oppositionsbewegung und will die Minderheiten in der Bevölkerung, vor allem die Christen, mobilisieren.

Syrischer Revolutionsausschuss (SRGC)

Der Mitte August gegründete SRGC strebt ein demokratisches Syrien an. Erklärtes Ziel der Gruppierung ist es, die Reihen der Opposition zu schließen und gemeinsam den Sturz Assads zu erzwingen.

Gut ein Jahr nach Beginn des Volksaufstandes gegen Assad scheint ein diplomatischer Durchbruch in der Syrien-Krise unmöglich. Vertreter von mehr als 70 Staaten berieten über Schritte zur Beendigung des Blutvergießens. Zum Auftakt des Treffens der „Freunde Syriens“ versuchten mehrere Hundert Assad-Anhänger den Tagungsort zu stürmen, wurden aber von Sicherheitskräften gestoppt.

Derweil nimmt die syrische Opposition offenbar das Heft des Handelns in die Hand. „Es gibt keine Entscheidung eines Landes, die Rebellen zu bewaffnen. Aber Länder gestatten Syrern den Kauf von Waffen“, sagte ein auf Anonymität bestehender Vertreter des SNC. Es würden Angriffs- und Abwehrwaffen ohne große Probleme nach Syrien geschafft.

So hätten Exil-Syrer leichte Waffen, Funkgeräte und Nachtsichtgeräte ins Land geschmuggelt, hieß es. Zudem gebe es Bemühungen, Panzer- und Flugabwehrwaffen nach Syrien zu schaffen. Die Regierungsgegner seien auch darum bemüht, pensionierte syrische Offiziere als Berater zu gewinnen. Die Freie Syrische Armee besteht vornehmlich aus Deserteuren.

Westliche und arabische Staaten sind sich wegen der weitreichenden Folgen uneins, ob sie der Forderung des Nationalrats nach Waffenlieferungen nachkommen sollten. Das könnte den Konflikt zum Bürgerkrieg eskalieren lassen, warnte der Vizechef der Arabischen Liga, Ahmed Ben Helli.

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