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14.12.2015

11:05 Uhr

Kampf gegen den IS

Christinnen ziehen gegen die Terrormiliz ins Feld

In Syrien greifen nun auch assyrische Christinnen zur Waffe. Sie verlassen ihre Familien oder brechen ihr Studium ab, um das Land gegen den Islamischen Staat zu verteidigen. Bisher haben die Frauen vor allem eine Aufgabe.

Bei den Kurden beteiligen sich schon seit längerem Frauen am Widerstand gegen den IS. Assyrische Christinnen folgen nun dem Vorbild. dpa

Kämpfe gegen den IS

Bei den Kurden beteiligen sich schon seit längerem Frauen am Widerstand gegen den IS. Assyrische Christinnen folgen nun dem Vorbild.

HasakahBabylonia bereut nicht, dass sie Kinder und ihre Arbeit als Friseurin zurückließ, um sich der ersten christlichen Frauen-Kompanie zum Kampf gegen die Dschihadisten des Islamischen Staats in Syrien anzuschließen. Die 36-jährige versichert mit grimmigem Blick: „Ich vermisse Limar und Gabriella und sorge mich, ob sie hungern, durstig sind oder frieren. Aber ich versuche ihnen zu erklären, dass ich für ihre sichere Zukunft kämpfe.“

Babylonia ist Mitglied der noch kleinen Militäreinheit assyrischer Christinnen in der Provinz Al-Hasakah im Nordosten Syriens. Sie folgen dem Vorbild der Frauen-Bataillone unter den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG). Bisher haben nur rund fünfzig Rekrutinnen die Grundausbildung abgeschlossen. Ihr Trainingszentrum ist das Gelände einer alten Mühle nahe der Stadt Al-Kahtanija, die bei den Assyrern Kabre Hewore und auf kurdisch Tirbespi heißt.

Aber die „Schutztruppe der Frauen im Zweistromland“, wie sie sich unter Bezug auf das assyrische Siedlungsgebiet zwischen Euphrat und Tigris bezeichnet, hat gegenwärtig starken Zulauf. Babylonia betont, ihr Mann habe sie in ihrem Entschluss zu kämpfen bestätigt, auch wenn der neunjährige Limar und die sechsjährige Gabriella sie vermissen: Dieser sei selbst ein Kämpfer und habe gesagt, sie solle zeigen, dass assyrische Frauen mehr können als Haushalt und Schönheitspflege.

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Heute startet die Syrien-Mission für die deutschen Tornados. Fast täglich fliegt der Westen Angriffe auf IS-Ziele – und verbraucht dabei Unmengen an Munition. Entscheidend geschwächt sind die Terroristen aber nicht.

„Ich bin gläubige Christin und der Gedanke an meine Kinder bestärkt mich im Kampf gegen Daesch“, sagt sie unter Verwendung der arabischen Abkürzung für den IS. Die assyrischen Christen gehören zur Ostkirche und beten auf Aramäisch. Sie umfassen orthodoxe und katholische Gemeinden und stellen 15 Prozent der bis zum Bürgerkrieg 1,2 Millionen Christen in Syrien.

Der erste Kriegseinsatz der Frauen-Kompanie war im Zuge der erfolgreichen Offensive auf Al-Hol, bei der eine Allianz aus kurdischen, arabischen und christlichen Milizen den IS aus dieser strategisch gelegenen Stadt vertrieb. „In Al-Hol wurde es für mich erstmals ernst, aber unser Trupp hatte keinen direkten militärischen Kontakt mit dem IS“, berichtet die 18-jährige Lucia.

Die Gegner des Islamischen Staates

USA

Die mächtigste Militärmacht der Welt führt den Kampf gegen den IS an. Seit mehr als einem Jahr bombardiert die US-Luftwaffe die Extremisten in Syrien und im Irak. An ihrer Seite sind auch Jets aus Frankreich und anderen westlichen Staaten sowie aus arabischen Ländern im Einsatz. Washington hat zudem US-Militärberater in den Irak entsandt, die Bagdad im Kampf am Boden unterstützen.

Russland

Moskaus Luftwaffe fliegt seit Ende September Luftangriffe in Syrien. Sie sollen nach Angaben des Kremls den IS bekämpfen. Der Westen und syrische Aktivsten werfen Russland jedoch vor, die meisten Luftangriffe richteten sich gegen andere Rebellen, um so das Regime von Präsident Baschar al-Assad zu unterstützen.

Deutschland

Deutschland liefert seit mehr als einem Jahr Waffen an die Kurden im Norden des Iraks, darunter die Sturmgewehre G3 und G36 und die Panzerabwehrwaffe Milan. Die Bundeswehr bildet zudem kurdische Peschmerga-Kämpfer für den Kampf am Boden aus.

Arabische Staaten

Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Katar und Jordanien unterstützen die USA bei den Luftangriffen. Vor allem Saudi-Arabien und Jordanien sehen den IS als Gefahr, weil die Extremisten bis an ihre Grenzen herangerückt sind.

Kurden

Sowohl im Norden Syriens als auch im Nordirak gehören die Kurden zu den erbittertsten Gegnern des IS. Die kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) im Syrien und die Peschmerga im Irak konnten den Extremisten empfindliche Niederlagen beibringen. Unterstützt werden sie von mehreren westlichen Staaten.

Irakische Armee

Das irakische Militär geht in mehreren Regionen des Landes gegen den IS vor. Allerdings kann sie nur wenige Erfolge vorweisen. Seit Monaten versucht die Armee erfolglos, die westirakische Provinz Al-Anbar zu befreien. Unterstützt wird sie von schiitischen Milizen, die eng mit dem Iran verbunden sind.

Syrische Rebellen

Sie bekämpfen das Regime und den IS. Das gilt auch für die Nusra-Front, syrischer Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Sie teilt die Ideologie des IS, ist aber mit ihm verfeindet.

Syrisches Regime

Auch das syrische Militär geht gegen den IS vor. Kritiker werfen dem Regime jedoch vor, es greife vor allem andere Rebellen an und lassen die Extremisten gewähren. Auffällig ist, dass sich die meisten syrischen Luftangriffe nicht gegen den IS, sondern gegen Regionen unter Kontrolle anderer Gruppen richten.

Zusammen mit ihrer Schwester hat sie sich dem Flehen der Mutter zum Trotz als Soldatin verpflichtet und dafür ihr Studium unterbrochen. „Ich kämpfe mit einer Kalaschnikow. Aber noch bin ich keine Scharfschützin“, sagt Lucia schüchtern; sie trägt ein hölzernes Kruzifix um den Hals und hat ein Tarnfleck-Tuch um ihren Kopf gewunden.

Bei der Eroberung von Al-Hol gab die US-geführte Allianz mit Bombardements Unterstützung und warf neue Waffen ab. Die 18-jährige Ormia empfand zu Beginn vor allem Schrecken: „Der ganze Gefechtslärm hat mir gehörig Angst gemacht. Aber das habe ich schnell überwunden. Beim nächsten Mal will ich in vorderster Linie im Kampf gegen die Terroristen stehen“, versichert sie.

Aufgrund ihrer noch geringen Gefechtserfahrung wird die Frauen-Kompanie bislang vor allem zum Heimatschutz der Orte der Christen eingesetzt. Thabirta Samir, Organisatorin im Trainingszentrum, berichtet, dass sie vorher für einen assyrischen Kulturverein tätig war. „Aber nun finde ich es wichtiger, mich auf militärischem Gebiet zu engagieren. Ich habe keine Angst vor Daesch. Und wir werden an den nächsten Gefechten teilnehmen“, sagt die 24-Jährige.

Auf die Frage, wer die Rekrutinnen militärisch unterweist, antwortet sie schwammig: „örtliche und ausländische Kräfte“. Aber Ende November wurde aus kurdischen Quellen bekannt, dass Ausbilder der US-Armee ins nordsyrische Kobane kamen und dort militärisches Training und die Planung von Offensiven starteten.

Von

afp

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