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17.10.2016

09:18 Uhr

Kampf gegen den IS im Irak

Millionen Menschen in Mossul in Gefahr

In der Nacht haben irakische Sicherheitskräfte den Sturm auf die IS-Hochburg Mossul gestartet. Bei einem Sieg wäre der IS im Irak militärisch geschlagen. Doch auch 1,5 Millionen Zivilisten könnten ins Kreuzfeuer geraten.

Kampf gegen den IS im Irak

Ist Mossul zu retten? Bilder aus dem Kampfgebiet

Kampf gegen den IS im Irak: Ist Mossul zu retten? Bilder aus dem Kampfgebiet

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MossulNach dem Beginn der Offensive auf die nordirakische IS-Hochburg Mossul sehen Hilfsorganisationen mehr als eine Millionen Menschen in Gefahr. Er sei höchst besorgt um die Sicherheit von rund 1,5 Millionen Menschen, die noch in der Stadt lebten, erklärte Uno-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien am Montag. Die Hilfsorganisation UNHCR rechnet mit bis zu einer Million Flüchtlingen aus Mossul, von denen bis zu 700.000 humanitäre Hilfe benötigen könnten.

„Familien sind einem extremen Risiko ausgesetzt, in die Schusslinie zu geraten oder von Scharfschützen ins Visier genommen zu werden“, sagte O'Brien. Zehntausende könnten belagert oder als menschliche Schutzschilde festgehalten werden.

Die Hilfsorganisationen Norwegian Refugee Council (NRC) forderte die Einrichtung von sicheren Fluchtrouten für Zivilisten. „Wir befürchten, dass die humanitären Konsequenzen dieser Operation massiv sein werden“, sagte der NRC-Direktor im Irak, Wolfgang Gressmann. Ohne sichere Fluchtrouten hätten diese nur die düstere Wahl, zurückzubleiben und durch Angriffe bedroht zu werden oder ob ihr Leben auf der Flucht zu riskieren. Nach Einschätzung des NRC könnten allein in den ersten Tagen bis zu 200.000 Menschen fliehen.

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

Hilfsorganisationen hatten vor Beginn der Offensive geklagt, es seien nicht genug Lager errichtet worden, um die Vertriebenen versorgen zu können. Nach Angaben des Uno-Nothilfebüros Ocha gibt es derzeit in Notaufnahmelagern und Camps Plätze für rund 60.000 Menschen. Der Bau von Plätzen für rund 250 000 weitere Menschen sei im Gange.

O'Brien beklagte, die humanitäre Hilfe für den Irak sei unterfinanziert. Das UNHCR hat nach eigenen Angaben erst rund ein Drittel der rund 200 Millionen US-Dollar (rund 180 Millionen Euro) bekommen, die es für die Versorgung der Mossul-Vertriebenen bräuchte.

Zum Beginn des Angriffs sprach die US-Regierung von „einem entscheidenden Moment“ im Kampf gegen die Terrormiliz. Der irakische Ministerpräsident gab sich optimistisch: „Die Stunde des Sieges hat geschlagen. Die Operation zur Befreiung Mossuls hat begonnen“, sagte Haider al-Abadi in der Nacht zum Montag im irakischen Staatsfernsehen. Er richtete sich direkt an die Bürger von Mossul und rief sie dazu auf, mit den irakischen Streitkräften zu kooperieren. „Sehr bald werden wir unter Euch sein, um die irakische Flagge zu hissen.“ 2016 werde als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem der Terrorismus und der IS besiegt wurden. Angeführt wird die Offensive demnach von der Armee und der Polizei des Landes.

Mossul ist die letzte Bastion der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Irak. Die nördlich gelegene Millionenstadt unweit der Grenze zur Türkei steht seit Juni 2014 unter Kontrolle der Extremisten. Von Mossul aus überrannte der IS weite Teile des Landes. Inzwischen hat er viele dieser Gebiete wieder eingebüßt. Im Nachbarland Syrien beherrscht die sunnitische Terrormiliz allerdings noch immer große Landstriche.

Kräfte der irakischen Armee und Polizei hatten in den vergangenen Wochen im Umland von Mossul Stellung bezogen. Unterstützt werden sie bei der Offensive von kurdischen Peschmerga-Kämpfern, die aber nicht in die Stadt eindringen sollen. Auch lokale sunnitische Milizen sollen an dem Angriff beteiligt werden. Die von den USA geführte internationale Koalition fliegt Luftangriffe gegen den IS.

US-Verteidigungsminister Ashton Carter erklärte nach Beginn der Offensive: „Die Vereinigten Staaten und der Rest des internationalen Bündnisses stehen bereit, um die irakischen Sicherheitskräfte, Peschmerga-Kämpfer und das irakische Volk in dem schwierigen Kampf zu unterstützen, der ihnen bevorsteht.“ Ziel sei es, den IS dauerhaft zu besiegen und sowohl Mossul als auch den Rest des Iraks „vom Hass und der Brutalität“ der Extremisten zu befreien.

Der US-Sonderbeauftragte für die IS-Bekämpfung, Brett McGurk, schickte via Twitter eine Solidaritätsadresse an die Verbündeten: „Wir sind stolz, bei dieser historischen Operation an Eurer Seite zu stehen“, schrieb er in dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare (18)

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chris sänger

17.10.2016, 09:58 Uhr

Wusste gar nicht das man sich beim "Kohle machen und vorantreiben der geopolitischen Grundsätze und der Aktion: "Daumen drauf auf´s Öl"" Sorgen um die hiesige Zivilbevölkerung macht.

Herr Michael Mouse

17.10.2016, 10:16 Uhr

@chris sänger, tun die nicht. Aber man muss es doch zumindest vor Heucheln. Mich dünkt... die "Westliche Wertegemeinschaft" ( mit Werte mein man Öl, Gas und andere Rohstoffe ) kommt mit ihrer "Demokratisierung" jetzt besser voran. Man hat die Taktik geändert. Da das mit dem "Demokratisieren" in ! den Ländern irgendwie nicht so gut klappt, Werden die Menschen nun mittels IS und Bomben zur Flucht in bereits "Demokratische" Länder getrieben. Dort klappt das dann vielleicht besser.

Herr Renatus Isenberg

17.10.2016, 10:27 Uhr

Niemand zweifelt mehr daran, dass der Einmarsch der USA / UK im Irak ein Fehler und evtl. ein Kriegsverbrechen war. Die Spirale der Gewalt und der Unfähigkeit in Irak ist nun nicht mehr aufzuhalten. Westliche Geheimdienst Chefs haben mehr Politik gemacht als die Führer der Länder, die das militärisches Eingreifen kommandiert haben.

Natürlich möchten die USA und England, Frankreich usw. nicht ihr Gesicht verlieren nach all den katastrophalen Jahren der Nahost Kriege – insbesondere gegenüber Russland. Doch irgendwann müssen sie - wie auch Merkel in der Flüchtlingsfrage - ihre Fehler eingestehen. Es sind leider nur Personen wie Hussein, Assad, Ghedafi, die eine einigermassen friedliche Balance im Nahen Osten und Afrika garantieren. Nur diese Personen haben die Einfühlung in die arabische Mentalität, die z.B. uns Deutschen vollkommen fehlt – wie man bei Merkel sehen kann, die gern deutsche Soldaten nach Irak schicken wollte. An dieser Erkenntnis führt kein Weg vorbei.

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